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SENDETERMIN Mi, 25.6.2014 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Bahnkunden sind unzufrieden Die Methode Bahn - Preise rauf, Angebote runter

Die Fahrpreise steigen, die Leistungen der Bahn nicht: weniger Personal, weniger Fernverbindungen. Viele Bahnhöfe gehören dringend modernisiert. Zählen nur Profite, und nicht mehr der Versorgungsauftrag?

Die Deutsche Bahn AG baut seit Jahren ihr Auslandsgeschäft aus, will größter Logistikkonzern der Welt werden. So hat der Staatskonzern 2010 für 2,9 Milliarden Euro den britischen Verkehrsdienstleisters Arriva erworben, eines der größten europäischen Verkehrsunternehmen. Er beteiligt sich an Prestige-Projekten wie dem Bau einer Eisenbahnakademie in Quatar oder der Hochgeschwindigkeitsstrecke Medina-Mekka. Der Staatskonzern beschäftigt inzwischen ein Drittel aller Mitarbeiter im Ausland.
Doch der Schienenverkehr in Deutschland leidet. So wurden viele Städte vom Fernverkehr abgehängt. Dort hält kein Intercity, kein ICE und schon lange kein Interregio mehr. Und mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2014 werden weitere Intercity-Verbindungen gestrichen. Betroffen sind die Universitätsstädte Konstanz und Trier. Stattdessen konzentriert sich der Bahnkonzern auf wenige Rennstrecken.

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Methode Bahn

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Von Pleiten, Pech und Pannen überschattet: ICE-Übergabe mit Bahnchef Rüdiger Grube (Mitte) und Verkehrsminister Alexander Dobrindt (rechts).

Von Pleiten, Pech und Pannen überschattet: ICE-Übergabe mit Bahnchef Rüdiger Grube (Mitte) und Verkehrsminister Alexander Dobrindt (rechts).

Viele Bahnhöfe sind marode oder geschlossen.

Der Bürgermeister von Allensbach beim Nachmessen

Meterstab Nahaufnahme

Ein Junge möchte mit Rad einsteigen - gar nicht so einfach

Die Bahn ist heruntergewirtschaftet. Teil der Infrastruktur sind marode.

Eisenbahn-Brücken sind dringend sanierungsbedürftig.

Manche Verbindung war früher sogar schneller. So fuhr der „Fliegende Stuttgarter“, ein Dieselschnelltriebwagen, in den 30-er Jahren in zwei Stunden und zwei Minuten von Nürnberg nach Stuttgart. Heute braucht man bei der schnellsten Verbindung zehn Minuten länger. Wer zur falschen Zeit fährt, muss über eine Stunde mehr einplanen.
Und die Fahrzeit von München nach Stuttgart hat sich seit den 90-er Jahren um eine viertel Stunde verlängert. Dabei baut die Bahn gerade eine neue Strecke von Ulm nach Stuttgart. Sie will damit Fahrzeit einsparen. Ein Milliarden schweres Großprojekt.
Während in Groß- und Prestigeprojekte viel Geld gesteckt wird, senkt die Bahn den Service. Tausende Bahnhöfe wurden geschlossen. Rund zwei Drittel der Empfangsgebäude haben bereits den Besitzer gewechselt. Sie alle hätten keine Funktion mehr, begründet die Bahn den Kahlschlag. Weitere 400 bis 500 Bahnhöfe stehen auf der Streichliste. Das trifft auch das Personal. Bis 2016 will der Konzern ein Drittel Stellen in den Reisezentren streichen. Auch die Qualität der Bahnhöfe und der Haltepunkte wird häufig kritisiert. In jedem vierten Bahnhof muss man den Kinderwagen oder schweres Gepäck über Stufen zum Bahnsteig schleppen. Keine Rolltreppe, kein Aufzug. Und es gibt immer noch Bahnsteige, die so nieder sind, dass die Fahrgäste einen halben Meter hoch in den Zug hineinklettern müssen. Zum Beispiel am Bodensee.
Hinzu kommen nach aktuellen Recherchen des SWR schwerwiegende Verletzungen von Sicherheitsbestimmungen wie in Karlsruhe-Blankenloch, wo 2013 ein Gleisabschnitt locker auf dem Schienenbett lag und provisorisch mit zwei Holzkeilen unterlegt wurde. Insgesamt hat das Eisenbahnbundesamt 2012 und 2013 rund 100 Gefahrenstellen gefunden, bei denen Sofortvollzug angemahnt wurde, da Gefahr für Leib und Leben bestand.
Außerdem hat der SWR zweifelhafte Geschäfte mit dem Nahverkehr publik gemacht. Der Vorwurf lautet: Die Bahn kassiere zu hohe Gebühren für die Nutzung ihrer Schienentrassen und ihrer Bahnhöfe. Die Bodensee-Oberschwabenbahn hat deshalb einen Prozess gegen das Eisenbahnunternehmen gewonnen. Das Urteil ist rechtskräftig.
Auch das Land Baden-Württemberg hat, so Recherchen des SWR, der Deutschen Bahn für den Schienennahverkehr deutlich zu viel bezahlt. Es gehe um rund eine Milliarde Euro. Der SWR beruft sich dabei auf vier Quellen, auf den bisher geheimen Nahverkehrsvertrag von 2003, auf einen Informanten bei der Bahn und eine interne Berechnung der Landesregierung und ein Rechnung des Verkehrsclubs Deutschland. Das Land verweigert der Bahn deshalb inzwischen die Zahlung von 140 Millionen Euro.
Die Bahn gehört uns allen. Sie hat einen Versorgungsauftrag. Doch dem wird sie nicht gerecht. Sie darf als Staatsunternehmen nicht allein auf Profit und internationale Expansion aus sein. Die Bundesregierung und das Bundesverkehrsministerium müssen die Bahn deshalb stärker in die Pflicht nehmen.


20 Jahre Bahnreform und Deutsche Bahn AG

Buch

Andreas Schwilling, Dr. Stephan Bunge Roland Berger Strategy Consultants GmbH

Preis:
10,00 Euro
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-7771-0461-4
Extras:
178 Seiten

Im Jahr 2014 jährt sich die Bahnreform und damit die Gründung der Deutschen Bahn AG zum zwanzigsten Mal. Am 1.1.1994 in Kraft getreten, legte diese weitsichtige Reform das Fundament für eine erfolgreiche Entwicklung des Schienenverkehrs in Deutschland. Die Deutsche Bahn AG hat das Jubiläum zum Anlass genommen, das Beratungsunternehmen Roland Berger Strategy Consultants mit einer Untersuchung zu beauftragen, die die Entwicklung des Schienenverkehrs in Deutschland während dieses Zeitraums seit 1994 aufarbeitet und Bilanz zieht.


Buchcover Bitte umsteigen!

Buch

Bernhard Knierim, Winfried Wolf

Verlag:
Schmetterling Verlag
Preis:
22,80 Euro
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-89657-071-0
Extras:
256 Seiten

Das Jahr 1994 brachte mit der Bahnreform und mit der Gründung der Deutschen Bahn AG die größte Veränderung im Verkehrsbereich seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Kritiker sahen in der Bahnreform allerdings bereits damals die Verschleierung der Bahnprivatisierung. Und sie sagten Verhältnisse voraus, wie es sie z.B. im Sommer 2013 in Mainz und Umgebung gab.
Inzwischen hat sich Ernüchterung breit gemacht: Nur im hoch subventionierten Nahverkehr gibt es eine Steigerung der Fahrgastzahlen. Die Qualität des Bahnverkehrs hat dramatisch abgenommen: Die Verspätungen nahmen zu, Ausfälle von Zügen sind heute an der Tagesordnung. Im Nahverkehr hat sich inzwischen ein Schein-Wettbewerb breitgemacht, in dem es vor allem um ein Drücken der Löhne geht. Inzwischen gibt es auch einen spürbaren Abbau der Sicherheit im Schienenverkehr.
Die Autoren des Buches zeigen auf, wie die DB AG, anstatt in das Streckennetz, in die Wartung und in funktionierende Züge zu investieren, zunehmend als «Global Player» agiert. Wie die Kommandohöhen der Deutschen Bahn inzwischen ausschließlich von Bahnfremden bestimmt werden und wie die Bahnpolitik, wie sie die Bundesregierung und die EU betreiben, als integraler Bestandteil einer allgemeinen Verkehrspolitik zu verstehen ist, die in erster Linie auf den Straßen- und den Luftverkehr und auf die Container-Schifffahrt setzt.
Schließlich skizzieren sie, wie eine überzeugende Struktur der Bahn und eine Verkehrs- und Bahnpolitik aussehen müssen und plädieren in diesem Kontext für öffentliche Eigentumsformen mit dem Grundsatz «so dezentral wie möglich, so zentral wie nötig».








Sendung vom

Mi, 25.6.2014 | 20:15 Uhr

SWR Fernsehen

Ein geöffneter S-Bahn Wagon

SWR exklusiv

Originaldokumente zur "Methode Bahn"

Der Nahverkehrsvertrag von Stefan Mappus; eine Karte mit allen Städten, die vom Fernverkehr der Deutschen Bahn abgehängt wurden sowie Akten und eine Karte über Mängel beim Schienennetz - hier zum Nachlesen:

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