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Zeitzeugenbericht über das Lagerleben in Gurs "Ich hatte 24 Stunden am Tag Hunger"

Porträt von Paul Niedermann

Karte Deportation von Juden aus dem Südwesten Deutschlands nach Gurs

Aus dem Südwesten Deutschlands bis nach Gurs

Als 13-Jähriger wurde Paul Niedermann im Oktober 1940 in das französische Internierungslager Gurs deportiert. Ihm gelang die Flucht aus den Händen der Nazis - doch erst nach zwei leidvollen Jahren. Lange konnte er darüber nicht reden. Doch 1987 sagt er als Zeuge im Prozess gegen den Kriegsverbrecher Klaus Barbie aus. Dieser Prozess öffnet ihm die Augen - er bricht sein Schweigen.

Seitdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den nachfolgenden Generationen über seine Zeit hinter Stacheldraht zu berichten.

Paul Niedermann wurde am 1. November 1927 geboren und lebte bis zum 22. Oktober 1940 in Karlsruhe. An diesem Tag wurde der 13-jährige zusammen mit seinen Eltern, seinem Großvater und seinem neunjährigen Bruder Arnold in das südfranzösische Internierungslager Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert.

Nur knapp 20 Minuten hatte die Familie damals Zeit, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken.


Die Familie wusste nicht, wohin es ging und was sie erwartet. Doch bereits seit November 1938 durften jüdische Schülerinnen und Schüler nicht mehr in die Schule gehen, Juden durften nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, das Fahrrad fahren hat Paul Niedermann auf dem Hinterhof gelernt. Daher hatte er beim Einsteigen in den Zug am Karlsruher Bahnhof keinen Zweifel daran, dass es sich um etwas Schlechtes handeln musste.

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"Wer wieder aussteigt, wird erschossen!"

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Die Fahrt ins Ungewisse dauerte drei Tage und vier Nächte. In Chalon-sur-Saône - an der damaligen Demarkationslinie zwischen dem besetzten und nicht besetzten Teil Frankreichs - wechselte das Bewachungspersonal, doch für Paul Niedermann gab es da keinen wesentlichen Unterschied: Erst wurden wir auf Deutsch angebrüllt, dann auf Französisch.

Kurz vor Gurs - in Oloron St.Marie - war die Zugfahrt zu Ende. Alle bisher in Zügen eingepferchten Menschen mussten auf LKW umsteigen.

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" ... furchtbar schwierig für Kleinkinder, für ältere kränkliche Leute"

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Bevor die insgesamt 6.538 aus dem Südwesten Deutschlands deportierten Juden überhaupt in Gurs ankamen, hatten sie also eine mehr als anstrengende Reise ins Ungewisse hinter sich, doch das Schlimmste wartete noch auf sie. Gurs war kein Vernichtungslager, die Menschen wurden dort nicht vorsätzlich umgebracht. Aber ihr Leben galt nichts - und dementsprechend wurden sie behandelt.

Unter katastrophalen hygienischen Bedingungen auf engstem Raum unterbracht, ...


... mussten die Menschen zusehen, dass sie nicht verhungerten.


Trotz alledem vergisst Paul Niedermann nicht, auf die Menschen hinzuweisen, die ihm und seinen Mithäftlingen geholfen haben.

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"...denn Suppe fassen mit der Hand, das kann man nicht!"

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Über 1.000 Gräber finden sich heute auf dem Lagerfriedhof in Gurs. Die inhaftierten Juden mussten die Toten damals eigenhändig aus dem Lager bringen.


Paul Niedermann hatte Glück im Unglück: Nach acht Monaten wurde er in das Lager Rivesaltes am Mittelmeer verlegt. Und von dort aus gelang ihm 1942 gemeinsam mit seinem Bruder Arnold die Flucht, die durch das französisch-jüdische Kinderhilfswerk Œuvre de secours aux enfants (OSE) organisiert wurde.


Zusammen mit anderen jüdischen Kindern wurden die Brüder Niedermann an verschiedenen Orten in Frankreich versteckt. Arnold Niedermann konnte danach in die USA geschleust werden. Paul Niedermann wurde Ende 1943 über die Schweizer Grenze in Sicherheit gebracht.


Alle anderen verschleppten Familienmitglieder fielen dem Holocaust zum Opfer. Die Eltern wurden 1942 in Vernichtungslager transportiert; der Vater starb in Majdanek, die Mutter in Auschwitz. Der Großvater war bereits in Gurs gestorben. Paul Niedermann ist sehr dankbar dafür, dass an ihr Leiden erinnert wird: durch Stolpersteine.


Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich Paul Niedermann in Frankreich nieder. In Paris arbeitete er als Journalist und Fotograf, heute verbringt er dort seinen Ruhestand. Lange Zeit schwieg der mittlerweile über Achtzigjährige zu seiner Geschichte, auch gegenüber seinen Angehörigen. Im Prozess gegen den Kriegsverbrecher Klaus Barbie sprach er 1987 als Zeuge erstmals über seine Erinnerungen. Dies wirkte wie in Dammbruch: Inzwischen ist es Paul Niedermann ein Bedürfnis, den nachfolgenden Generationen seine Sicht der Geschichte nahezubringen. Sie sollen sich nicht schuldig fühlen für die Taten ihrer Vorfahren, sie sollen aber auch nicht vergessen. Er will sie davon überzeugen, dass nur sie eine Wiederholung solcher Greueltaten verhindern können. Und dafür scheut er keine Mühe: Mehrmals im Jahr reist er von Paris nach Deutschland, um vor Jugendgruppen über seine Erlebnisse zu berichten.

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