Bitte warten...

Die Entdeckung des Homo heidelbergensis Fast schon ein Mensch

Er ist einer der wichtigsten archäologischen Funde Mitteleuropas: Ein 600.000 Jahre alter Unterkiefer, der am 21. Oktober 1907 in der Nähe von Heidelberg entdeckt wurde. Wir haben mit dem Tübinger Anthropologen Dr. Alfred Czarnetzki über den "Homo heidelbergensis", den ersten Menschen in Mitteleuropa, gesprochen.

Rund 600.000 Jahre alter Unterkiefer des "Homo heidelbergensis"

Der 600.000 Jahre alte Unterkiefer

SWR.de: Vor gut 100 Jahren wurde in Mauer bei Heidelberg ein Unterkiefer entdeckt, der rund 600.000 Jahre alt ist. Warum ist dieser Fund so wichtig?
Alfred Czarnetzki: In Europa existieren nur wenige Funde aus dieser Zeit, weil hier die ganzen Sedimentschichten durch die Eiszeiten wieder zerstört worden sind. In dieser Neckarschlinge nahe Heidelberg haben sich die Schichten erhalten. Der Unterkiefer ist der älteste Beleg für die Anwesenheit des Menschen in Europa und deswegen so wahnsinnig wichtig. Der Mensch, zu dem er gehörte, war auf jeden Fall ein Vorläufer des heutigen Menschen.

Was wissen Sie darüber, wie diese Menschen damals gelebt haben?

Zwei Jäger der Altsteinzeit auf der Jagd

Zwei Jäger der Altsteinzeit auf der Jagd

Aufgrund von Pollenanalysen und Funden von Tierknochen können wir rekonstruieren, dass sie in einer Auelandschaft lebten, so wie wir sie heute noch teilweise am Rhein antreffen, etwa in der Nähe von Karlsruhe. Dort tummelten sich Flusspferde und Krokodile; Nashörner und Elefanten streiften durch die Wälder.

Es waren lichte Wälder und offene Landschaften, in denen diese Menschen lebten. Sie konnten sich vielleicht in der einen oder anderen Höhle verstecken, aber sie lebten im wesentlichen im Freiland. Mit Blättern und dicken Zweigen haben sie sich dort Laubschirme gebaut, um darunter vor Regen geschützt zu sein. Sie fanden in dieser Umgebung exzellente Jagdbeute, Mangel werden sie nie gelitten haben, denke ich.

Der Tübinger Paläanthropologe Dr. Alfred Czarnetzki

Alfred Czarnetzki

Diese Menschen konnten auf jeden Fall schon aus Steinen Werkzeuge machen. Die waren zwar nicht besonders fein zubereitet, aber sie konnten damit ihre Nahrung zerkleinern. Feuer müssen sie ebenfalls schon gehabt haben.

Man kann annehmen, dass die Menschen von Jagdgrund zu Jagdgrund gezogen sind und nie wirklich sesshaft waren. Ob sie in Sippen lebten oder nicht, darüber kann man viel spekulieren. Aber man weiß es nicht.

Man muss bedenken: Wir haben hier einen einzigen Unterkiefer aus dieser Zeit und sonst nichts! Wir wissen nur aus anderen Regionen, wo die Erhaltungs-Bedingungen besser sind, dass zu dieser Zeit schon Steinwerkzeuge gefertigt wurden.

Die Entdecker des Unterkiefers von Mauer (histor. Aufnahme)

Der Entdecker Daniel Hartmann

Ein Arbeiter, der von Archäologie überhaupt nichts versteht, findet vor 100 Jahren zufällig so ein wichtiges Stück. Könnte so etwas noch mal passieren?
Die Erhaltungsbedingungen für Knochen sind in den Sanden in Flussnähe am besten. Die werden aber heute alle maschinell abgebaut, und die Maschinen machen alles kaputt. Also: heutzutage leider nein.