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Das Weissenhofmuseum in Stuttgart Elegant und spartanisch

Strahlend weiß leuchtet das "Haus Le Corbusier" vom Hang des Stuttgarter Killesbergs herunter. Man muss den Kopf in den Nacken legen: Die Fassade steht auf Stelzen und lässt das Gebäude noch ein bisschen höher in den Himmel ragen. Diese Architektur war vor 80 Jahren ultramodern - und wirkt immer noch sehr kühn.

Das "Haus Le Corbusier" in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

Das "Haus Le Corbusier" auf dem Stuttgarter Killesberg

Das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret ist von 2003 bis 2006 komplett renoviert und soweit wie möglich in seinen Originalzustand von 1927 versetzt worden.

Nun sieht es aus, als sei das Gebäude gerade erst aus der Zukunft gekommen und in Stuttgart gelandet: ein futuristisches Flaggschiff für die Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Innen hat das am 25. Oktober 2006 eröffnete Weissenhofmuseum mit historischen Dokumenten und Architektur-Modellen Platz gefunden.

Wohnen ohne Pomp und Plüsch

Die Weissenhofsiedlung wurde als begehbare Ausstellung gebaut: 17 Architekten, darunter Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Peter Behrens und Le Corbusier, hatten Modell-Wohnhäuser entworfen, die später als städtische Wohnungen vermietet wurden.

Die 1927 fertig gestellte Weissenhofsiedlung gilt heute als Architektur-Sensation. Modernes Wohnen wollte man hier zeigen, neue Werkstoffe und praktische Einrichtungs-Ideen. Für die Zeitgenossen waren die weißen, quadratischen Häuser ziemlich gewöhnungsbedürftig - so nüchtern und ganz ohne Schnörkel.

Ein unbewohnbares Wohnhaus?

Dachterrasse des "Haus Le Corbusier" mit Blick in die Umgebung

Gigantische Aussicht

Die Häuser in allerbester Stuttgarter Wohnlage waren dann doch bald vermietet. Nur in das Haus von Corbusier und Jeanneret wollte niemand einziehen - trotz der unverbaubaren, atemberaubenden Aussicht über den Stuttgarter Talkessel.

Es war so radikal modern, dass es an die Bewohner hohe Anforderungen stellte: Wer sich hier wohl fühlen wollte, musste jede Sehnsucht nach Gemütlichkeit ablegen. Mobile Großstadtnomaden, eine Art "Generation i-Pod" von 1927, die ihre Kleider direkt in die Einbauschränke aus Beton hängen: So ungefähr hätten die idealen Mieter wohl ausgesehen.

Schön und effizient wie ein Ozeandampfer

Heller Wohnraum mit grauen Stützen

Zwischenwände je nach Bedarf

"Man durfte eben nicht arg viel Krempel mitbringen", sagt Friedemann Gschwind von der Stadt Stuttgart, der die 1,2 Millionen teure Renovierung betreut hat. "Corbusiers Häuser sollten so effizient sein wie ein Ozeandampfer."

Und Gschwind ist stolz auf das Architektur-Denkmal: Erstmals seit 1927 ist ein Original-Haus wieder öffentlich zugänglich.

Mann geht durch den sehr engen Flur des "Haus Le Corbusier"

Dieser Gang ist doch ziemlich eng

Jetzt kann sich jeder Besucher ein Bild davon machen, wie sich die "Vordenker" der Moderne das "Neue Wohnen" vorgestellt haben. Corbusiers Wände sind farbig und lassen sich verschieben, so dass man den großen, zentralen Wohnraum nach eigenen Vorstellungen aufteilen kann.

In anderen Räumen lässt sich allerdings nicht die Ästhetik, sondern die berühmte "Funktionalität" der modernen Architektur erleben: Nur das Nötigste hat Platz! Klo und Flur sind so winzig bemessen, dass eine Zugtoilette dagegen großzügig wirkt.

Neue Präsentation zur Geschichte der Siedlung

Mit der Eröffnung des Weissenhofmuseums ist das Corbusier-Haus nun wieder das geworden, was es ursprünglich war: ein Ausstellungsstück. In seiner linken Hälfte zeigt das Haus sich selbst, als "begehbares Exponat". In der rechten Hälfte sind die Museumsräume untergebracht.

Ausstellungsvitrinen und Architektur-Modelle zeigen die Geschichte der Weissenhofsiedlung vom Entwurf bis zu den durch Kriegszerstörungen bedingten Veränderungen der 1950er Jahre. Der Höhepunkt aber ist eindeutig die Dachterrasse: Hier oben, beim Blick über Stuttgart, bekommt man den Kopf so frei, dass man sich schon fast wie der radikal erneuerte Mensch der Zukunft fühlt, der hier einmal wohnen sollte.