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30 Jahre Schammatdorf Das Dorf der Integration

Auf den ersten Blick sieht es aus wie so oft in Deutschland: eine Spielstraße, ein Gemeindezentrum, sozialer Wohnungsbau aus den siebziger Jahren. Doch das Schammatdorf bei Trier ist anders: Hier leben behinderte und nicht behinderte Menschen Tür an Tür. Gemeinschaft und Nachbarschaft statt Heim und betreutes Wohnen.

Luftbild des Schammatdorfes

Etwa 280 Einwohner leben im Schammatdorf

Etwa 280 Menschen wohnen heute hier: Familien, Singles, Studenten, psychisch Kranke, ältere Menschen, Behinderte und Nicht-Behinderte. Gegründet wurde das Schammatdorf vor 30 Jahren. Initiatoren waren der damalige Sozialdezernent Paul Kreutzer, die Trierer Wohnbaugesellschaft gbt und die Mönche der Benediktinerabtei St. Matthias, auf dessen Gelände die neue Siedlung entstand. Erklärtes Ziel war es, einen Wohnraum zu schaffen, in dem sich Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen gegenseitig helfen, den Alltag zu bewältigen. Bereits die Planung der Anlage sollte diesem Anspruch gerecht werden: Mehrere Wohnhäuser bilden einen "Hof", eine Nachbarschaft mit eigenem "Hofsprecher", dazu ein Dorfzentrum für gemeinsame Feste und Veranstaltungen.

Und so zogen 1979 die ersten Pioniere ein. "Es herrschte Aufbruchsstimmung", erinnert sich Michael Blum, der das Amt des "kleinen Bürgermeisters" des Dorfes innehat. Blum ist Kontaktperson, Streitschlichter und persönlicher Berater in einem und der erste Ansprechpartner für potentielle Zuzügler. Bei der Auswahl achtet er besonders auf die "Vielfalt in Alter, Behinderung, Einkommen, Bildung und Zusammensetzung der Haushalte", erklärt er auf der Homepage des Dorfs. Heute ziehen jährlich etwa sieben neue Bewohner hinzu.

Vorbild Schammatdorf?

Für Michael Blum offenbart seine eigene Biografie die Vorteile des Gemeindesystems, das für jede Lebenssituation "offen" sei. Er selbst war 1981 als Student ins Schammatdorf gekommen, lebte in einer Wohngemeinschaft. Im Dorf lernte er seine Frau kennen und zog mit ihr zusammen. Als Kinder kamen, bezog das Paar eine größere Wohnung und jetzt, wo der Nachwuchs langsam aus dem Haus ist, denken die Blums darüber nach, sich wieder zu "verkleinern".

Das Prinzip sei auch zu kopieren, meint Blum, in der Praxis scheiterten derartige Projekte oft an der nachhaltigen Finanzierung. Es müsse gewährleistet sein, dass der Träger eines derartigen Projekts sich besonders um die sozialen Belange der Einwohner kümmert, etwa indem er einen hauptamtlichen Sozialpädagogen beschäftige. Die Finanzierung stellt sich auch im Schammatdorf als Problem dar: Die Einrichtung der Wohnungen entspricht dem Standard des sozialen Wohnungsbaus gegen Ende der Siebziger Jahre. Erst 44 der 144 Wohnparteien gelten nach heutigem Standard als behindertengerecht, "die Entwicklung ist aber noch nicht abgeschlossen", bemerkt Blum.

Blick in einen Hof, der von mehreren weißen Häusern gesäumt wird.

Mehrere Häuser bilden eine Hofnachbarschaft

Gedenktag zur Integration Behinderter

Auch die Politik will an die Integration von behinderten Menschen erinnern: Der internationale Tag der Menschen mit Behinderung soll das Bewusstsein für die Integration von behinderten Menschen wach halten. An jedem 3. Dezember starten deshalb weltweit Aktionen für ein besseres Zusammenleben.

Unabhängig von Einzelinitiativen, stellen in Deutschland die Sozialministerien der Länder einen Beauftragten für die Belange behinderter Menschen. In Rheinland-Pfalz hat Ottmar Miles-Paul dieses Amt inne. Für ihn ist eine Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Miteinander, die Haltung, alle Menschen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft wahrzunehmen, egal ob mit oder ohne Behinderung: "Ein solches Verständnis kann dann jeder Mensch in seinem direkten Umfeld leben."

Die Einstellung entscheidet

Für das Arbeitsumfeld schlägt Miles-Paul vor, Arbeitgeber könnten "Menschen mit Behinderung bei gleicher Eignung eine vorrangige Einstellung einräumen". Gegenseitige Rücksichtnahme unter den Beschäftigten solle nicht nur vorausgesetzt, sondern auch vorgelebt werden. Und diese Einsatzbereitschaft gelte auch für den privaten Bereich: "Nachbarschaftliches und bürgerschaftliches Engagement ermöglicht Menschen mit Behinderung in gleichen Lebensräumen Fuß zu fassen und dabei zu sein. Insbesondere durch konkrete Unterstützungsangebote für ein Leben in der eigenen Wohnung und durch die Einbindung ins öffentliche Leben, sei es der örtliche Musik- oder Sportverein, der Theater- oder Kinobesuch, die Beteiligung am politischen Leben in der Gemeinde oder das nachbarschaftliche Straßenfest."

Zwei Frauen stehen in einem Aufzug

Aufzüge sorgen für Barrierefreiheit

Engagement und Solidarität

Ohne Engagement also keine Integration. Das weiß auch der "kleine Bürgermeister" von Schammatdorf: Über Spenden seien die Häuser in Eigenregie mit Aufzügen für Gehbehinderte ausgestattet worden: "Die Gemeinschaft lebt davon, dass jeder jeden besuchen kann." Die Folgekosten müssten allerdings auch auf alle Nachbarn umgelegt werden. Die Einwohner des Schammatdorfs müssen solidarisch sein, Geben und Nehmen müssen sich die Waage halten, wenn die Gemeinschaft funktionieren soll. Doch das ist nicht immer einfach, vielfach bleibe wenig Raum für die Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen, die sich oft nicht mit dem modernen Berufsleben in Einklang bringen lasse. Auch demografische Entwicklungen bildeten sich direkt im Dorf ab: "Ein Schwerpunkt der Veranstaltungen findet bereits heute für Senioren statt." Ein weiteres Problem, so Blum, sei es, dass zunehmend Leute auf das Dorf aufmerksam werden, die selbst Hilfe brauchen.

Für Rheinland-Pfalz setzt Ottmar Miles-Paul diesen negativen Entwicklungen neue Pläne entgegen: "Derzeit sind wir mit einigen größeren Behinderteneinrichtungen im Gespräch, ihre Angebote zu dezentralisieren und mitten in die Gemeinde zu tragen. Davon verspreche ich mir so manche Veränderung." Die Pläne verdeutlichen einen Kernaspekt: Die Integration behinderter Menschen muss da geschehen, wo sie am wichtigsten ist, nämlich in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Leben, und zwar überall. Wohnprojekte wie das Schammatdorf zeigen, dass das funktionieren kann. Für Ottmar Miles-Paul beweist es sogar noch mehr: "Es spiegelt wieder, dass unterschiedliche Lebenslagen und unterschiedliche Lebensorientierung ein gemeinschaftliches Wohnen bereichern."

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