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Neue Synagoge in Mainz Ein Gotteshaus aus Buchstaben

Mit dem Neubau der Synagoge hat die Jüdische Gemeinde in Mainz ein neues Zentrum bekommen. Die Architektur des Gebäudes ist außergewöhnlich und geprägt von religiösen Symbolen.

Die neue Synagoge erhebt sich in der Mainzer Neustadt zwischen Wohnhäusern und der von hohen Bäumen gesäumten Hindenburgstraße. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall ergibt sich für den Betrachter eine neue Perspektive auf das Gebäude. Keine Wand steht im rechten Winkel zu einer anderen. Auf der Fassade sind tausende blaugrüne Keramik-Kacheln angebracht, die wie ein asymmetrisches Stäbchenparkett wirken, das von unterschiedlich großen Fenstern durchbrochen wird.

Der Anblick der Synagoge ist gewöhnungsbedürftig, doch das sei ein durchaus gewollter Effekt, erklärt ihr Architekt Manuel Herz. Sie solle sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließen, sagt er: "Das wäre banal" - und banal dürfe eine Synagoge nicht sein. Nicht zufällig ist Herz ein Schüler des Star-Architekten Daniel Libeskind, der mit dem Jüdischen Museum in Berlin für Aufsehen sorgte.

Gebäudeteile aus hebräischen Buchstaben

Synagoge von oben

Die Synagoge von oben

Die Silhouette des beeindruckenden Bauwerks steckt voller Symbolik. Die Gebäudeteile sind hebräischen Buchstaben nachempfunden. Zusammen ergeben sie das Wort "Kedduscha", was so viel bedeutet wie Heiligung oder Erhöhung. Daneben steht ein 26 Meter hoher, in sich verdrehter Turm. Er soll einen Schofar darstellen, ein Musikinstrument, das bei religiösen Feierlichkeiten genutzt wird.

Im Inneren der Synagoge ist alles weiß, nur der Gottesdienstraum glänzt goldfarben. An den Wänden sind zehntausende Schriftzeichen zu sehen, die sich an einigen Stellen zu lesbaren Texten fügen. Für Peter Waldmann, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Mainz, ist diese außergewöhnliche Architektur ein Zeichen an die Gemeinde: "Es setzt uns unter einen gewissen Druck, uns kulturell zu entwickeln, Veranstaltungen anzubieten, zu denken, zu leben und am öffentlichen Leben teilzunehmen".

"Ein Ort für Diskussionen"

Für die Synagoge muss ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleistet sein, denn immer wieder sind jüdische Einrichtungen Ziel von antisemitischen Anschlägen. So bestehen die Fenster des Gebäudes aus Sicherheitsglas. Die Bauherren verzichteten jedoch auf schwere Gitter und vom Bürgersteig aus können Passanten in die Räume der Synagoge hineinschauen. Denn das Gotteshaus soll als offenes Kultur- und Gemeindezentrum wahrgenommen werden. "Für mich wäre es ganz schlimm, die Synagoge zu einer Art Festung auszubauen", sagt Peter Waldmann. "Denn die ganzen Pläne, sie als etwas Offenes und einen Ort der Diskussion zu schaffen, wären dann natürlich hinüber".

Der Artikel ist eine bearbeitete Fassung von Martin Kochs Beitrag in "SWR1 Sonntagmorgen" vom 29.8.2010. Web-Fassung: Leonie von Bremen.