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Holocaust So funktioniert Erinnerung

"Schindlers Liste" machte für viele Menschen die Schrecken des Holocausts greifbar. Der Film markiert einen wichtigen Punkt in der Filmgeschichte und in der Karriere des Regisseurs Steven Spielbergs. Der Filmemacher gründete danach die "Shoah-Foundation", die insgesamt 52.000 Interviews mit Zeitzeugen aus der NS-Zeit auf Video festhielt - darunter auch 34 Mainzerinnen und Mainzer. Die Stadt Mainz hat diese Videos für das Stadtarchiv erworben.

Zerstörte Mainzer Synagoge

Kristallnacht in Mainz

So funktioniert Erinnerung: Obwohl das Englische für die meisten Überlebenden längst die deutsche Muttersprache ersetzt hat, tauchen immer wieder deutsche Wörter auf: Kaffeeklatsch, Schule – oder Kristallnacht. Dabei ist der im Deutschen als Täterwort verpönte Begriff Kristallnacht in anderen Sprachen durchaus üblich.

Beeindruckende Zeitzeugen-Interviews

Das ist eine von vielen Kleinigkeiten, die die Zeitzeugen-Interviews der "Shoah-Foundation" zu einem historischen Schatz machen. Die Eindringlichkeit des Film-Materials war auch ein Grund für Kulturdezernentin Marianne Grosse, sich trotz der klammen Kassen der Stadt Mainz für den Erwerb der Interviews einzusetzen: "Die Menschen haben Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen und dann natürlich ihre Mainzer Verbundenheit zum Ausdruck bringen: wo sie gewohnt haben, wo sie gespielt haben. Verbunden mit dieser außerordentlich schwierigen Vita als Jude beziehungsweise Jüdin im Dritten Reich ist [das] unglaublich beeindruckend."

Die Holocaust-Überlebende Nanny Mayer

Holocaust-Überlebende Nanni Mayer

Die 34 Zeitzeugen, die in den Interviews zu Wort kommen, sind Anfang der 1920er Jahre geboren und vermitteln ein überaus positives Bild vom Mainz ihrer Kindheit: Eine hübsche Stadt, nette Nachbarschaft, eine lebendige jüdische Gemeinde – bis 1933 ein langsamer Prozess einsetzt, der auch den Kindern klar macht: Ihr gehört nicht mehr zu uns.

Sie müssen jüdische Schulen besuchen, christliche Freunde dürfen plötzlich nicht mehr mit ihnen spielen, nicht-jüdische Hausangestellte dürfen nicht mehr beschäftigt werden. Wenn Hansi Bodenheim mit ihrer Familie auf dem Balkon zum Innenhof steht, hören sie Hitlers Reden aus den Radios der Nachbarwohnungen: "Es war sehr laut und Hitler hielt seine Reden. Er schrie und brüllte und die Leute applaudierten. Es war schrecklich. Wir fühlten uns wirklich schlecht, es machte uns große Angst."

Tägliche Restriktionen und Erniedrigungen

Nazis auf Lastwagen bei Kundgebung

Machtübernahme

Neben den täglichen Restriktionen und Erniedrigungen, die die jüdische Bevölkerung erleiden muss, gab es wenigstens kleine Erfolgserlebnisse, wie Lorle Mann erzählt. Sie und ihr Bruder wollten sich den sonntäglichen Natur-Dokumentarfilm im Ufa-Kino nicht verbieten lassen:

"Ich erinnere mich, wie mein Bruder und ich vor dem Spiegel standen und ich zu ihm sagte: Lass uns gehen, wir sehen nicht jüdisch aus. Vielleicht kommen wir rein. Als wir zum Ufa-Kino kamen, hing da ein riesiges Schild: Juden unerwünscht. Aber wir sind trotzdem reingegangen und keiner hat was gesagt. Vielleicht hat keiner gedacht, dass Juden sich das trauen würden. Wir schon! Das war ein kleiner Triumph für uns: Wir sind trotzdem reingekommen, zur Hölle mit Euch!"

Steven Spielberg vor Plakat

Regisseur Steven Spielberg

Jedes der 34 Interviews ist etwa vier Stunden lang. Die Videos werden nun gesichtet, mit Untertiteln versehen und redaktionell bearbeitet. Frank Teske, stellvertretender Leiter des Mainzer Stadtarchivs: "Wenn man eine Veranstaltung für Kinder oder Jugendliche macht, dann ist es natürlich sinnvoll, Szenen auszuwählen, in denen die Betroffenen über ihre Kindheit erzählen: über die Machtübernahme beispielsweise, wie das die Kinder und Jugendlichen erlebt haben. Wenn man sich eher an ein erwachsenes Publikum richtet, dann kann man ganz andere Fragestellungen an diese Interviews richten. Beispielsweise inwieweit entsprechen diese Erinnerungen dem, was man so aus dem Geschichtsunterricht gelernt hat. Oder: Wie sind diese Interviews überhaupt zu bewerten als historische Quelle."

Darüber hinaus denkt das Land Rheinland-Pfalz über Schulprojekte nach, die den fremdsprachlichen mit dem Geschichtsunterricht verknüpfen, aber auch darüber, die gesamten Interviews vollständig zu archivieren und interessierten Nutzern im Stadtarchiv zugänglich zu machen. Die Videos der "Shoah-Foundation" sind damit ein wichtiger Mosaikstein, der bisher im historischen Bild von Mainz gefehlt hat.

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