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Der Mannheimer "Blumepeter" Eine Geschichte vom schlechten Gewissen

Kleiner Witz gefällig? Der Blumepeter wird dabei erwischt, als er unerlaubt im Neckar angelt. Als der Polizist ihn aufschreiben will, ruft Peter ganz empört: "Isch duh jo gar net fische, isch will bloß moin Worm baade!" - Der Historiker und SWR-Autor Eberhard Reuß hat sich jahrelang mit dem Blumepeter beschäftigt und mehrere Bücher über ihn geschrieben. Wir haben mit ihm über die berühmte Mannheimer Symbolfigur gesprochen.

SWR.de: Welche Rolle spielt der Blumepeter alias Peter Schäfer heute?

Peter Schäfer im Jahr 1903

"Kaafscht merr a eens ab?" Der Blumepeter im Jahr 1903

Eberhard Reuß: Er ist ein Symbol für aufrechte, clevere Kurpfälzer, die trotz mancher Handicaps mit allen Dingen und der Welt zurande kommen und schlagfertig antworten, also Mannheimer "Bloomäuler" (Blaumäuler) sind.

Der Blumepeter war in den 1950er- bis 70er-Jahren eine ganz große Nummer: Es gab Witzbücher, und es wurde ihm auch ein Denkmal gesetzt – das befindet sich mittlerweile auf den Kapuzinerplanken. Jeden Herbst gibt es in Mannheim das Blumepeter-Fest. Sein Bild prangt auch auf Plakaten der Stadtreklame.

Sie haben jahrelang über Peter Schäfer, den Blumepeter, geforscht. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Peter Schäfer ist ein geistig behinderter Mensch mit Zwergwuchs gewesen, der ein Drittel seines Lebens in Anstalten verbracht hat. Er hat ein Schicksal, das stellvertretend für die gesamte Euthanasie-Problematik steht, für den Mord an behinderten Menschen während der Nazi-Diktatur.

Was können Sie von Peter Schäfers Leben erzählen?

Collage von Blumepeter-Fotos nebst dem Buchtitel

Fotos vom Blumepeter

1875 wurde er in Plankstadt unehelich geboren, er hat nie eine Schule besucht. Um 1900 hat Peter Schäfer dann als junger Mann begonnen, in Mannheim Blumen zu verkaufen. Klein und drollig, so wurde er in jungen Jahren bekannt. Aber seine Krankheit verschlimmerte sich im Lauf der Zeit. Man provozierte ihn auch, und manchmal wurde er richtiggehend vorgeführt, beispielsweise bei Fastnachts-Inszenierungen. Er wurde ein Spielball.

Später wurde er wirklich ausfällig, zeigte seine Genitalien und vergriff sich an Mädchen. 1919 wurde er nach Weinheim in die Pflegeanstalt gebracht. Von dort durfte er immer wieder Ausflüge machen. Aber das wurde bald eingestellt, weil sich in Mannheim viele Leute darüber beschwerten: Behaltet ihn lieber!

Peter Schäfer im Jahr 1939 oder 1940 mit einem Pfleger in der Wieslocher Anstalt

Peter Schäfer in der Wieslocher Anstalt

1929 wurde Peter Schäfer nach Wiesloch in die Psychiatrie überwiesen. Dort gab es keine Psychopharmaka, aber Stromschläge und Wasserkuren – das waren die damaligen Methoden. Er hat dort für Matratzen Rosshaare gezupft, also einfachste Tätigkeiten ausgeübt. 1933 wurde in Wiesloch ein strammer Nazi Anstaltsleiter. Als Peter Schäfer 1940 starb, war er 65 Jahre alt. Wie er gestorben ist, ist etwas merkwürdig. In den Anstalts-Akten ist vermerkt, dass er zwischen zwei T4-Euthanasie-Transporten eines natürlichen Todes starb.

Glauben Sie das?
Die Todesursache wird offen bleiben. Nach unseren jüngsten Recherchen ist es aber fragwürdiger denn je, ob er eines natürlichen Todes gestorben ist.

Das Grab von Peter Schäfer auf dem Wieslocher Anstaltsfriedhof

Das Grab von Peter Schäfer

Peter Schäfer steht als Beispiel für viele, viele tausende behinderter Menschen, die in der Nazi-Zeit umgebracht worden sind. Und vielleicht macht er uns auch nachdenklich, was unseren eigenen Umgang mit Behinderten betrifft: Dass wir solche Menschen nicht vorführen, sondern respektieren in all ihren Möglichkeiten und Grenzen.

Wie sind die Mannheimer nach dem Krieg mit ihren Erinnerungen an den Blumepeter umgegangen?
Man hat diesen kleinen Kerl nach 1945 nicht vergessen. Blumepeter-Witzbücher wurden ein großer Renner. Man hat ihn - der wohl zeit seines Lebens nicht in der Lage war, selber einen Witz zu erzählen - zum cleveren, schlagfertigen Blumenverkäufer hochstilisiert, was er nie gewesen ist.

So ist er auch ein Beispiel dafür, wie man mit der Vergangenheit umgeht und mit dem eigenen schlechten Gewissen.

Wie sollten ihn die Menschen künftig erinnern?
Es wäre schon viel gewonnen, wenn man beim Namen "Blumepeter" sofort daran denkt: Der hieß Peter Schäfer. Das war ein behinderter Mensch. Man hat ihn nicht gerade gut behandelt, und er hatte seine Schwierigkeiten. Er war nicht der Witzemacher, als der er geschildert wurde - man hat über ihn Witze gemacht.

Und wenn man ihn so in Erinnerung behält, dann macht auch das Blumepeter-Denkmal einen Sinn. Dann hätte Mannheim in der Tat ein ungewöhnliches Symbol für seine Geschichte.


Buchcover 'Erinnerungen an den Blumepeter'

Buch

Eberhard Reuß

Erinnerungen an den "Blumepeter". Ein Mannheimer Schicksal

Verlag:
Das Wunderhorn, Heidelberg
Produktion:
2007
Länge:
128 Seiten mit 43 Schwarz-weiß-Abbildungen
Preis:
19,80 Euro
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-88423-276-7