Bitte warten...

"Mogadischu": SWR-Spielfilm und Dokumentation Jürgen Schumanns Schicksal in neuem Licht

Im Interview: Maurice Philip Remy, Dokumentarfilmer

Jürgen Schumann war Flugkapitän der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut". Am 16. Oktober 1977 erschossen ihn die Terroristen. Weil er mutig und verantwortungsvoll handelte, sagen viele. Doch Zweifler behaupteten, Schumann habe sich heimlich absetzen wollen. Maurice Philip Remy, Autor und Dokumentarfilmer, wollte das nicht glauben. Er recherchierte, fand neue Zeugen - und zeigt in einer SWR-Dokumentation, was geschah.

Porträtfoto von Maurice Philip Remy

Maurice Philip Remy

SWR.de: Herr Remy, was war die drängendste Frage, die Sie in Ihrer Dokumentation klären wollten?

Maurice Philip Remy: Die wichtigste offene Frage war für mich das Schicksal des Flugkapitäns Jürgen Schumann. Schumann hatte auf dem Flughafen in Aden (Südjemen) die Maschine verlassen - mit Erlaubnis der Terroristen. Die Maschine hatte eine Notlandung hinter sich, Schumann wollte ihre Flugtauglichkeit prüfen.

In den vergangenen 30 Jahren wurde immer wieder der Vorwurf laut, Schumann hätte die Maschine verlassen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Ich hielt das für ausgeschlossen, weil Schumann sich während der Entführung ansonsten immer vorbildlich und sehr mutig verhalten hat, und habe deswegen angefangen nachzuforschen.

Maurice Philip Remy ist Dokumentarfilm-Produzent und Autor. Erkenntnisse aus seinen Recherchen zur "Landshut"-Entführung nutzte er in zweifacher Form: In "Mogadischu - Die Dokumentation" erklärt er das Geschehen und die Hintergründe. Zum Spielfilm "Mogadischu" hat er das Drehbuch geschrieben.

Es ist uns gelungen, in Aden den Mann zu finden, mit dem Schumann vor 31 Jahren gesprochen hat: einen General der jemenitischen Luftwaffe, Scheikh Ahmed Mansur. Er war damals am Flughafen für die Soldaten eines Sonderkommandos zuständig, das die Maschine umstellt hielt.

Schumann war damals mit Mansur zusammengetroffen. Aus dem Gespräch, an dessen Inhalt Mansur sich sehr genau erinnerte, ging eindeutig hervor: Schumann hatte die Maschine verlassen, um den Kontakt zu den jemenitischen Behörden herzustellen. Er forderte von den Jemeniten, auf die Entführer einzugehen, um einen Wiederstart der Maschine zu verhindern. Er war als Kapitän verantwortlich für das Leben seiner Passagiere. Und er hat alles versucht, um die jemenitischen Behörden davon zu überzeugen, dass ein erneuter Start nach der Notlandung ein extremes Risiko gewesen wäre.

Das heißt: Durch Mansur haben Sie es geschafft, Zweifel an den Motiven von Schumann auszuräumen.

Schwarz-weißes Portraitfoto des "Landshut"-Kapitäns Jürgen Schumann

Jürgen Schumann

Nicht nur die Zweifel auszuräumen, sondern vollkommene Gewissheit zu erlangen, dass Schumann sich aus der Verantwortung als Kapitän für die ihm anvertrauten Passagiere geopfert hat.

Sie haben auch mit Jürgen Schumanns Frau Monika gesprochen ...

Ja. Für Monika Schumann war von Anfang an klar, dass ihr Mann nicht fliehen wollte. Sie kannte ihren Mann, und sie hat einfach instinktiv gewusst: Das war völlig ausgeschlossen, weil er ein vorbildlicher Kapitän und charakterlich einwandfreier Mann war. Das Problem für Monika Schumann war: Die Vorwürfe, die unterschwellig geäußert wurden, haben sie verletzt. Sie hat es deswegen begrüßt, dass wir einwandfrei beweisen konnten: Ihr Mann hat so gehandelt, wie sie es von Anfang an wusste.

War das die Begegnung, die Sie im Laufe Ihrer Recherchen am meisten berührt hat?

Monika Schumann; Material aus der Doku "Mogadischu"

Monika Schumann

Es entspricht ja dem Zeitgeist – der Film "Der Baader Meinhof Komplex" zeigt es einmal mehr eindrucksvoll -, sich intensiv mit den Tätern auseinanderzusetzen. Für mich ist die Begegnung mit den Leidtragenden, den Angehörigen der Terroropfer, immer wichtiger gewesen. Von daher sind die Gespräche mit Monika Schumann für mich mit das Wichtigste an der ganzen Recherche gewesen.

Wie lange haben Sie denn diese Fragen mit sich herumgetragen, wie lange haben Sie für die Dokumentation recherchiert?

Ich habe das erste Mal angesetzt vor etwa 15 Jahren. Damals stand der zwanzigste Jahrestag der Entführung der "Landshut" bevor. Dann habe ich nach dem hervorragenden Doku-Drama von Heinrich Breloer ["Todesspiel", 1997 im Ersten gezeigt, Anm.d.Red.] erstmal eine Pause gemacht - und dann vor vier, fünf Jahren wieder angesetzt. Mehr oder weniger hab ich zusammen also etwa zehn Jahre lang recherchiert.

Und wie lange haben Sie gebraucht, um im Jemen Scheikh Ahmed Mansur als Zeitzeugen aufzutun?

Wir haben etwa drei Jahre gesucht. Mit der Suche nach Augenzeugen der Vorgänge auf dem Flughafen Aden im Jemen habe ich bei meinem zweiten Anlauf begonnen. Ich hatte einen hervorragenden arabischen Rechercheur mit jemenitischen Wurzeln, der immer wieder in den Jemen flog, um hier neue Zeitzeugen zu finden, die damals am Flughafen waren: Mitarbeiter der jemenitischen Fluggesellschaft, ein Kameramann des jemenitischen Fernsehens, jemand vom Tower. Ich hab immer gesagt: Das reicht nicht. Wir brauchen den Mann, der mit Jürgen Schumann gesprochen hat. Und dann waren wir sehr, sehr glücklich, als wir das erreicht haben.

Ist das das Recherche-Ergebnis, auf das Sie am meisten stolz sind? Oder gibt es da noch etwas anderes?

Ich bin glücklich darüber, dass es gelungen ist, einen Beitrag geleistet zu haben, das Schicksal Jürgen Schumanns aufzuklären. Aber ich finde auch gut, dass wir mit "Mogadischu" einen Film produzieren konnten, der nicht einmal mehr diesen "Mythos RAF" füttert, sondern die RAF eigentlich links liegen lässt. Der Stammheim nicht zeigt, der die Namen Baader oder Meinhof überhaupt nicht nennt, sondern der einfach aus der Sicht der Opfer, der Entführten argumentiert und die Sache dramatisiert.

Und drittens halte ich es auch für wichtig, dass wir den Blick auf die palästinensische Terror-Organisation PFLP [Popular Front for the Liberation of Palestine – Volksfront für die Befreiung Palästinas, Anm.d.Red.] lenken konnten, die die Entführung der "Landshut" ins Werk gesetzt hat. Es war ja an Bord nicht ein einziger Terrorist der RAF, sondern es waren palästinensische Terroristen.

Mehr zum Thema im WWW: