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Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen "Es herrschte lange Zeit Stille am Drehort"

Teil zwei des Interviews mit Regisseur Till Endemann

Jevgenij Sitochin, Ken Duken, Sophie von Kessel und der Regisseur Till Endemann (v.l.n.r.)

Jevgenij Sitochin, Ken Duken, Sophie von Kessel und Till Endemann (v.l.n.r.)

SWR.de: Sie haben einen Film gedreht, der sich an einem realen, undenkbar schrecklichen Unglück anlehnt. Wie sehr nimmt einen das als Regisseur und Drehbuchautor eigentlich persönlich mit?

Till Endemann: Um so eine Geschichte gestalten und umsetzen zu können, muss man natürlich einen gewissen Abstand wahren. Aber all die Opfer, die Trauer all der Angehörigen, die Geschichte des ermordeten Fluglotsen und seiner Familie, deren Leben danach irgendwie weitergehen musste, das Leid und die Verzweiflung des russischen Vaters, die schließlich so weit geht, dass er zum Mörder wird – das ging mir alles schon sehr nahe. Um die Figuren richtig durch den Film zu führen, muss man sich aber innerlich wieder davon distanzieren ohne seine Anteilnahme zu negieren.

Wie sehr hat die Geschichte die Darsteller belastet?

Ich habe noch nie so lange und so viel vor den Dreharbeiten mit den Schauspielern über dem Drehbuch gesessen und darüber geredet, wie nah jeder einzelne die Geschichte an sich heran lässt. Wir haben uns dazu entschieden, uns sehr stark auf die Emotionen einzulassen. Und das haben die Schauspieler, jeder einzelne, dann auch wahnsinnig gut umgesetzt. An die Grenzen ging die Szene des Mordes. Die ist an keinem spurlos vorüber gegangen, und danach herrschte erst mal lange Zeit Stille am Drehort.

Der Film beschreibt vor allem die Zeit nach dem Unglück, die Frage der Verantwortung und die Suche nach Vergebung. Für die Angehörigen der Opfer ging es aber um die Schuldfrage – ist die überhaupt zu beantworten?

Dreharbeiten "Flug in die Nacht - das Unglück von Überlingen"

Proben für die nächste Szene

Die Frage nach der Schuld an der ersten Katastrophe, der Kollision der Flugzeuge, ist in der Tat nicht einfach zu beantworten. Viele Dinge sind in der Unglücksnacht schief gelaufen. Da haben Menschen - sowohl im Vorhinein als auch in der Nacht selbst - Fehler gemacht, technische Systeme haben falsch oder gar nicht funktioniert. Da steckte der Teufel in vielen Details.

Grundsätzlich ist es aber so, dass mit mehr Verantwortungsgefühl sowohl die erste Katastrophe als auch der Mord am Fluglotsen hätten verhindert werden können. Und das ist das, was der Film versucht zu erzählen. Der Film ist als Appell dafür zu verstehen, dass die zwischenmenschliche Kommunikation und die Verantwortung, die man füreinander hat, ein wichtiges hohes Gut ist.

Und kann es Vergebung geben nach so einem Drama?

Ich glaube, dass Vergebung möglich sein kann – und gewesen wäre. Neben der Verantwortung, von der ich gerade gesprochen habe, geht es im Zentrum dieser Geschichte auch um wahre Anteilnahme. Für mich ist es eben diese wahre Anteilnahme, die dazu führen kann, dass sich Menschen vergeben können. In diesem Fall war nur leider von wahrer Anteilnahme auf der einen Seite nicht viel zu spüren, und dort wo sie war, ist es aus juristischen Gründen nicht erlaubt gewesen, sie zu zeigen. Der Mord ist aber natürlich klar zu verurteilen, das möchte ich hier auch deutlich sagen.

Kann ein Film wie "Flug in die Nacht" eigentlich Hoffnung transportieren?

Unbedingt. Deshalb erzählt der Film neben der Tragödie noch eine Nebengeschichte, in der es allein um die Hoffnung und einen Ausweg geht. Es ist die Geschichte eines Feuerwehrmannes, der in der Unglücksnacht helfen musste, Leichenteile zu bergen. Er und seine Familie haben später – und das ist tatsächlich in der Realität passiert – einen russischen Waisenjungen adoptiert. Es ist eine Geschichte, in der wahre Anteilnahme und Verantwortung am rechten Platz waren. Meinem Co-Autor und mir war es wichtig, dieses Gegengewicht zu zeigen, dass es Hoffnung geben kann und gibt.

Vielen Dank für das Gespräch.