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Interview mit Verkehrspsychologin Warum können wir nicht aufs Auto verzichten?

Zum Bäcker, zur Arbeit oder in die Stadt fährt der Deutsche meistens mit dem Auto. Am liebsten mit dem eigenen. Und das darf gerne sehr groß sein. Warum für viele beim Auto der Umweltschutz aufhört, wollten wir von der Verkehrspsychologin Birgit Scheucher wissen.

Verkehrspsychologin Birgit Scheucher

Verkehrspsychologin Birgit Scheucher

Warum tun wir uns so schwer damit, Mitfahrgemeinschaften zu bilden?

Es beraubt mich der Freiheit und es beraubt mich der Kontrolle. Eine Mitfahrgelegenheit bedeutet ja auch, ich muss Kompromisse schließen. Ich kann nicht einfach während der Fahrt sagen „jetzt überhol mal“ oder „wir fahren fünf Minuten früher los“ – ich muss mich hier anpassen.  Und ich denke für einen Teil der Menschen ist das nicht angenehm.

Für viele symbolisiert das Auto so etwas wie „Freiheit“ – so wird es uns ja auch in der Werbung seit vielen Jahren verkauft. Also, ich kann jederzeit, schnell und flexibel überall hin kommen. Das ist natürlich nur eine Phantasie, denn wir haben im Stadtverkehr eine Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade mal 17 km/h. Da wäre ich mit der U-Bahn definitiv schneller.

Mitfahrer suchen Mitfahrgelegenheit

Mitfahrer schonen die Umwelt

Und es gibt noch einen Aspekt dabei: Das Auto ist für viele ein Ort der Privatsphäre. Da kann jeder machen was er will und zum Beispiel seine Lieblings-Musik hören und dabei einen Kaffee trinken – und diese Umgebung teilen wir ungern mit anderen. 

Oft geht es mit dem Auto gar nicht schneller als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Warum kommt man sich trotzdem schneller vor?

Das Problem dabei ist, dass es nur ein Gefühl ist, dass wir schneller sind. Obwohl es oft gar nicht so ist. Wenn wir zum Beispiel einen Stau umfahren, brauchen wir vielleicht trotzdem viel Zeit, denken aber, dass wir schneller voran kommen. Autofahren hat eben ganz viele irrationale Aspekte. Denn wenn wir es rational angehen würden müssten wir uns abends hinsetzen und genau planen, mit welchem Verkehrsmittel wir unsere Strecke am nächsten Tag am sinnvollsten fahren. Das machen wir aber nicht.

Wir bleiben lieber in unserer Routine. Und jemand der sehr auto-fixiert ist, der blendet die Staus und die Parkplatzsuche aus und kalkuliert nur die „ge-googlete“ Strecke von A nach B. Und braucht in Wirklichkeit 15 oder 20 Minuten länger. Ich nenne das die „Phantasie der schnellen Verbindung“.

SUVs: Schmutziger Trend

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Die Deutschen sind in vielen Dingen sehr umweltbewusst – nur beim Auto nicht so richtig. Die sprit-fressenden SUVs boomen. Woran liegt das?

Die Leute, die diese dicken Autos kaufen, wollen ein Statussymbol. Denn es gibt keinen sinnvollen Grund einen SUV oder auch einen Maserati zu fahren. Das ist irrational. Wenn ich viel Platz will, wäre wahrscheinlich ein VW-Bus viel besser als ein SUV. Denn meine Golftasche krieg ich auch in ein anderes Auto rein. Aber es geht um etwas anderes: „Ich hab was, ich kann was, ich bin was – ich bin groß!“.

SUV

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Angeblich fahren Frauen SUVs auch gerne, weil sie sich in den großen Autos "sicherer" fühlen.

Das ist aus psychologischer Sicht schon ein Argument. Es gibt ja verschiedene Beweggründe für uns, ein bestimmtes Auto-Modell zu kaufen. Der eine kauft nach "Optik", der andere nach Umweltkriterien und der Dritte wegen der Sicherheit. Mir haben einzelne Frauen erzählt, dass sie sich in einem SUV "mächtiger" und "sicherer" fühlen. Aber ob das jetzt für die Mehrheit gilt kann ich nicht sagen.

Wir könnte man denn die Autofahrer dazu bringen, weniger Statussymbole durch die Gegend zu fahren und sich stattdessen umweltbewusster fortzubewegen?

Der erste Schritt wäre, die Menschen mit mehr Fakten zu versorgen. Also ihnen zum Beispiel ganz klar vorzurechnen, dass sie mit dem Auto auf einer bestimmten Strecke tatsächlich länger als mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchen – weil sie jedes Mal fast 15 Minuten lang einen Parkplatz suchen. Was bei U-Bahn oder Bus natürlich wegfällt.

Laut einer Bertelsmann-Studie wollen 66 Prozent der Deutschen nicht auf das eigene Auto verzichten - auch wenn selbstfahrende Autos uns mittels Car-Sharing von zu Hause abholen würden.

Eine zweite Möglichkeit ist es, finanzielle Anreize zu schaffen, also Spartickets für den ÖPNV anzubieten. Und vor allem: Man muss die Leute dazu bringen, es mal auszuprobieren. Wenn sie tatsächlich mal gezwungen sind, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, stellen viele fest: Es tut nicht weh, es ist nicht schlimm und es hat viele Vorteile. Leider sind wir Menschen sehr unwillig unser Verhalten zu ändern. Stattdessen wenden wir viel Energie dafür auf, unser bisheriges Verhalten zu rechtfertigen. Und wenn ich dann wirklich mal schneller bin als die U-Bahn, bestätigt mich das. Ebenso, wenn ich mal schnell einen Parkplatz finde.

Aber ich habe zumindest bei jungen Menschen das Gefühl, dass sich da was ändert. Die nutzen oft zum Beispiel die Mitfahrgelegenheiten und haben gar kein Auto mehr. Aber so einen 40- oder 50-jährigen „Autoabhängigen“ wird man nur sehr schwer auf die öffentlichen Verkehrsmittel kriegen.