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Technik gegen den Klimawandel Wie gewagte Ideen die Welt retten könnten

Gigantische Sonnenschirme, Kohlendioxid-fressende Algen oder einfach superweiße Wolken? Derzeit beraten Experten des Weltklimarats (IPCC) in der peruanischen Hauptstadt Lima über technische Möglichkeiten, die Erderwärmung mit technischen Mitteln zu stoppen. Eine bunte Bandbreite an mehr oder weniger realistischen Ideen soll am Ende mehr liefern als nur heiße Luft.

Geo-Engineering nennt sich der Versuch, mit technischen Mitteln geochemische Kreisläufe wie den Klimawandel zu beeinflussen. Darüber diskutieren im Moment die Experten des Weltklimarats. Teils wirken ihre Ideen noch sehr futuristisch, teilweise sind sie aber auch schon heute umsetzbar.

So wird bereits seit einiger Zeit getestet, Kohlendioxid möglichst umweltschonend in die Erde zu pressen. Also einfach weg mit dem Klimagas in den Boden. Das klingt gut, ist aber eine Frage der Kosten. Außerdem ist fraglich, ob das Gas - obwohl etwas schwerer als Luft - am Ende auch wirklich unter der Erde bleibt. Weitgehend abgehakt sind dagegen bereits die Pläne, Treibhausgase ins Meer einzuleiten. Ebenso die Idee, mit Hilfe von Eisen Meeresalgen zu züchten, damit diese große Mengen an Kohlenstoffdioxid aufnehmen. Die Versuche dazu waren ernüchternd.

Das CO2 zu verwerten klingt dagegen schon besser. Daran arbeiten im Moment viele Forscherteams. Das Problem ist nur: Es erfordert noch zu viel Energie, um aus dem Gas etwas anderes zu machen. Unterm Strich rechnet sich das meistens nicht. Und außerdem: so viel CO2, wie wir derzeit freisetzen, braucht niemand. Nicht mal ein Bruchteil davon wäre wohl wirklich verwertbar.


Forscher tüfteln an einem Sonnenschirm für die Erde


Ein ganz anderer Ansatz: riesige Sonnenschirme verwenden. Die Befürworter dieser Idee lassen Treibhausgase einfach Treibhausgase sein und drehen an einem anderen Temperaturregler der Erde: dem Sonnenlicht. Große Segel im Orbit könnten gewaltige Schatten werfen und damit einen Teil des Sonnenlichts abhalten. Den Vorschlag gibt es tatsächlich, aber er ist wohl eher als Science-fiction ohne Chance auf Verwirklichung abzuhaken.

Schwefelberg an einem Hafen

Solcher Schwefel könnte schon bald in unserer Atmosphäre landen

Ganz heiß diskutiert wird dagegen ein Schleier aus Staub oder Tröpfchen, der den gleichen Zweck erfüllen würde wie ein Sonnenschirm, technisch aber wesentlich einfacher umzusetzen ist. Bereits in den 1970er Jahren gab es den Vorschlag, Schwefel mit Stratosphärenflugzeugen in große Höhe zu bringen und den Schwefel dort zu verbrennen. Dabei würden Schwefeloxide entstehen, die Sonnenlicht filtern könnten. Der Mainzer Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen brachte bereits vor einigen Jahren die Idee auf, Schwefelsäure mit Raketen in dreißig Kilometer Höhe hinaufzuschießen. Der Hintergedanke: die Tröpfchen könnten Sonnenlicht zurückstrahlen und so die Atmosphäre kühlen. Dafür gibt es sogar eine Kostenschätzung: nur eins bis drei Milliarden Dollar pro Jahr sollen dafür nötig sein. An der Universität Bristol in Großbritannien wird außerdem an der Idee gearbeitet, die Sulfate über einen Schlauch nach oben zu bringen. Der Schlauch solle dabei von Stratosphärenballons gehalten werden.


Mehr weiße Farbe könnte für Abkühlung sorgen


Ein bisschen erdnäher geht’s auch: Die NASA hat sich zum Kampf gegen den Treibhauseffekt gewaltige Türme ausgedacht, die Wasser aus den Ozeanen versprühen sollen. Das Ziel: weißere Wolken über dem Meer. Denn hellere Wolken reflektieren mehr Sonnenlicht. Auch das soll für wenige Milliarden Dollar realisierbar sein.

Mehr Helligkeit könnte tatsächlich weiter helfen. Denn derzeit wird die Erde eher dunkler, weil z.B. die weißen Eisflächen an den Polkappen wegen der Erderwärmung wegschmelzen und statt dessen dunkle Meeresflächen zu sehen sind. Was liegt da näher, als die Erdoberfläche an anderen Stellen einfach wieder aufzuhellen: Der amerikanische Energieminister Chu fände es gut, Dächer weiß zu färben - denn weiße Dächer reflektieren mehr Licht und würden zusätzlich Klimaanlagen überflüssig machen. Es gibt tatsächlich eine Berechnung, nach der man die Erdtemperatur auf diese Weise so stark senken könnte wie mit einem weltweiten Verzicht aufs Autofahren über achtzehn Jahre. Auch helle Getreidesorten und Waldbäume werden diskutiert.


Technische Lösungen können nicht das letzte Mittel sein


Die Gedanken sind frei, aber jeder einzelne dieser Vorschläge hat Nebenwirkungen. Es ist wie bei Medikamenten: je gewaltiger der Effekt, desto größer das Risiko. Deshalb sind sich die meisten Wissenschaftler einig: wer gesund lebt und erst gar keine Medikamente benötigt, lebt länger! Das bedeutet: Treibhausgase am Besten erst gar nicht entstehen lassen! Das ist zwar anstrengender als einfach eine der in Lima diskutierten Ideen umzusetzen, aber dafür wesentlich sicherer. Fakt ist: Damit die Erderwärmung halbwegs erträglich bleibt, müssen die Industriestaaten ihren Verbrauch an Kohle, Öl und Gas bis 2050 um achtzig Prozent zurückfahren.  

Werner Eckert; Onlinefassung: Stephan Braig

Letzte Änderung am: 20.06.2011, 11.36 Uhr