Ewiges Eis, menschenleere Weiten und eine unberührte Natur. Die Arktis war bisher als unwirtlicher und größtenteils unzugänglicher Ort bekannt. Doch wegen des Klimawandels steigen die Temperaturen und die Eismassen beginnen zu schmelzen. SWR-Reporter Jörn Freyenhagen reiste als Tourist auf den Spuren großer Entdecker mit dem Schiff durch die Nordwest-Passage und schildert im Interview seine Eindrücke und Erlebnisse.
SWR.de: Worin liegt Bedeutung der Nordwest-Passage?
Jörn Freyenhagen: Sie verkürzt den Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik um etwa 4.000 Seemeilen (ca. 7.000 km) und man muss nicht mehr durch den Panama-Kanal. Und natürlich ist die Nordwest-Passage ein alter Traum der Seefahrer.
Was reizt Sie an solch unwirtlichen Orten?
Mich fasziniert die Ursprünglichkeit, die einzigartige Natur, die Tierwelt. Dieses Unberührtsein und dass dort so wenig Menschen leben. Das erinnert an die Entstehung der Welt.
Wo sind Sie in den hohen Norden gestartet?
Ausgangs- und Zielpunkt der Reise war "Resolute Bay" in Nordkanada. Dieser Ort war früher schon Ausgangspunkt von Expeditionen von Seeleuten, die auf der Suche nach der Nordwestpassage waren. Geplant war, zwei Drittel der Passage - nach Cambridge Bay - zu befahren. Wir haben den südlichen, historischen Weg genommen, Richtung "King William Island".
Mit welchem Schiff waren Sie unterwegs?
Mit dem russischen Kreuzfahrtschiff "Lyubov Orlova". Ich dachte zuerst, ich reise auf einem Eisbrecher. Es war aber dann kein Eisbrecher, sondern ein eisverstärktes Schiff, das Eisschollen zur Seite drücken, aber selbst kein Eis brechen kann. Bemerkenswert war, dass es ein russisches Schiff war, das von einem kanadischen Veranstalter gechartert wurde.
Was war der Beweggrund für die Reise?
Die Nordwest-Passage zu erleben, und zwar eisfrei. Wir haben dann auch gleich eine Überraschung erlebt: Lokale Wetterphänomene sorgten dafür, dass die Strecke eben nicht komplett eisfrei war. Wir mussten den Kurs ändern, weil die "Victoria Strait" so stark mit Eis bedeckt war. Und der Weg nach "King William Island" war durch Packeis versperrt. Deshalb waren wir auf die Hilfe eines zufällig vorbeifahrenden Eisbrechers der kanadischen Küstenwache angewiesen.
Das heißt, die Situation war nicht ungefährlich?
Auf jeden Fall. Das haben die Passagiere auch bemerkt. Ich bin nachts wegen des Lärms aus dem Schlaf aufgeschreckt. Das waren die Eisschollen, die an unserem Schiffsrumpf entlangschrammten. Ich konnte das auch deutlich sehen, als ich aus dem Bullauge schaute. Am nächsten Tag dagegen war alles eisfrei. Nicht eine Eisscholle zu sehen.
Gab es weitere beeindruckende Ereignisse?
Vor allem die Tierwelt. Gleich am zweiten Tag haben wir eine Gruppe der relativ seltenen Narwale gesehen, das „Einhorn unter den Walen“. Ein weiterer Höhepunkt war die Sichtung einer Schule von etwa 20 Orcas. Im gesamten Nordatlantik gibt es nur etwa 600 Orcawale und wir haben davon 20 gesehen. Das war sehr beeindruckend.
Beeindruckend im negativen Sinne waren die zahlreichen Begegnungen mit Eisbären. Wir haben etwa 20 gesehen. Die Eisbären irrten auf dem nackten Fels herum, wo kein Eis mehr da war. Dann gingen sie ins Wasser, schwammen ziellos umher, auf der Suche nach Robben. Das sind die Auswirkungen des Klimawandels. Eisbären sind auf Eis angewiesen. Eine Jagdstrategie der Eisbären ist es, an Löchern im Eis zu warten, bis Robben zum Atmen auftauchen. Dann greifen sie zu. Ohne Eis können sie die Robben nicht mehr so gut jagen. Ein ausgewachsener Eisbär braucht circa 45 Robben im Jahr zum Überleben. Das schaffen die Eisbären immer seltener wegen des zurückgehenden Eises.
Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie die Inuit auf den Klimawandel in der Arktis reagieren.
Letzte Änderung am: 04.11.2009, 09.00 Uhr