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„Das Radioprogramm von SWR3 ist der Kern für alles”

Interview mit Thomas Jung, SWR3 Programmchef

Thomas Jung, SWR3-Programmchef

Thomas Jung

Wie setzt SWR3 den öffentlich-rechtlichen Anspruch im Programm um?

SWR3 erfüllt mit Unterhaltung und Information den öffentlich-rechtlichen Auftrag. Schnelle Information, präziser Service und popkulturelle Themen sind eine wesentliche Säule. Die andere Säule ist natürlich die Musik, die Unterhaltung – unter anderem mit Comedy – in allen Facetten. Wer uns hört, erfährt die wichtigsten Themen des Tages, kann sich aber auch in der aktuellen Mittagssendung oder beim Topthema intensiver informieren. Nachrichten, Thementage und Reportagen sind sicher meinungsbildend. Was den Verkehrsservice betrifft, ist SWR3 das Leitprogramm im SWR. Öffentlich-rechtliches Radio muss auch weiterhin das machen, was es am besten kann: Große Bevölkerungsschichten erreichen, informieren, Spaß machen, durch den Tag begleiten. Aber künftig wird ein UKW-Sender nicht mehr reichen. Distribution wird im journalistischen Handwerk immer wichtiger. Wie bekommen wir unseren Content schnell, markengerecht und moderner an den Kunden? Das Webradio liefert bei SWR3 heute schon Bewegtbild mit. Im Auto werden wir über Apps weiter im Relevant Set der Hörer sein, selbst wenn Autohersteller mal kein Radiogerät mehr einbauen. In der digitalen Welt gibt es in zunehmend kürzer werdenden Abständen neue Ausspielwege, die wir auch immer ausprobieren.

SWR3 ist mehr als Radio: Wie ist das gemeint?

Wir orientieren uns am Medienverhalten der Hörer und nutzen heute alle Kanäle, um sie zu erreichen. Der Kern ist nach wie vor das Radio. Es kommen aber ständig neue Plattformen hinzu. Wir möchten dort sein, wo unsere Nutzer sind. Dabei ergänzen sich aber die Medien: Das klassische UKW-Radio hat längst neue Verbreitungswege hinzugewonnen, vom Streaming über DAB+ bis hin zur Satellitenverbreitung. Dazu kommen Facebook, Twitter, Instagram oder YouTube. Auf Desktop- und natürlich mobilen Endgeräten. Nicht zu vergessen der Video-Livestream, bei dem man nicht nur per Audioaufnahme, sondern auch per HD-Cams SWR3 Shows live verfolgen kann, ergänzt um Social Media, Musikinformationen usw. Über SWR3.de und die SWR3 App bleiben unsere Nutzer immer aktuell und zielgruppengerecht informiert, die SWR3 Eilmeldungen sind stark gefragt. SWR3 hat seine starke Position in den digitalen Medien weiter ausgebaut. Die Pop-Unit gehört Ende 2015 mit fast 400.000 Fans und Followern zu den reichweitenstärksten Social-Media-Angeboten im Südwesten. Ähnliches gilt für das Webportal und die Radio-App, die von mehr als 45 Millionen Hörern besucht wurden. Die starken digitalen Präsenzen wurden im Lauf des Jahres durch eine erheblich verbesserte Verzahnung der Radio- und Digitalredaktion weiter gestärkt. Alle Redaktionen planen Themen seither stets für alle Ausspielwege von SWR3.

Besonders gestärkt wurde 2015 auch der Bereich des sogenannten Second Screen, also die Fernsehbegleitung durch digitale Medien. So erreichen wir bei der Begleitung populärer Fernsehereignisse wie dem „ESC“ oder dem „Tatort“ in den sozialen Medien immer wieder rund 500.000 Nutzer – ein Markt, der dem linearen Hörfunk naturgemäß verschlossen bleibt. Interaktive Angebote, Höreraktionen sowie die zahlreichen Events, Konzerte und Festivals runden das 360-Grad-Angebot ab und machen die Marke SWR3 erlebbar. Im SWR Fernsehen sind wir mit der „Die Pierre M. Krause Show – SWR3 Latenight“ und einer Konzertstrecke vertreten. Das „SWR3 Magazin“, das der SWR3 Club zehn Mal im Jahr herausbringt, bindet die Fans noch stärker an die Marke. SWR3 ist weit mehr als Radio.

Wie erklären Sie sich den nationalen Erfolg? Woher kommt diese Leistung?

Der Erfolg von SWR3 beruht auf mehreren Säulen. SWR3 ist eine 360-Grad-Marke. Unser Anspruch ist, dass unsere Nutzer ihr Produkt SWR3 auf den relevanten Ausspielwegen leicht auffinden. Inhaltlich machen wir einen großen Bogen um Beiträge und Drehs, die es woanders genauso gibt. Wir spielen den Live- und Eventcharakter des Radios aus, beziehen die Hörerinnen und Hörer mit ein, pflegen ein hohes Maß an Interaktion. Musik spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. On Air, aber auch bei Veranstaltungen. Auch in Zeiten von Spotify oder Apple Music bleibt Musik ein wichtiger Impuls für die Wahl eines Programmes. Es ist die Mischung aus alt und neu, aus tagesaktueller Musik und großen Hits, die Radio neben dem relevanten Wort immer noch attraktiv macht. Überraschend muss es sein, Impulse liefern, in der digitalen Überflusswelt den Menschen Tipps geben und ihnen das Angebot sortieren. Dazu kommt die große Verlässlichkeit in Bezug auf Aktualität und Service. Dann die Persönlichkeiten am Mikrofon und die Comedy, der Humor in all seinen Facetten. Der Markenkern ist bei SWR3 wichtig. Das Programm hat schon immer eine Vorreiterrolle und dieser bleibt die Welle bis heute treu. Das bedeutet, dass wir unser redaktionelles und technisches Know-how multimedial ständig weiterentwickeln und täglich zu hundert Prozent einbringen. Das Team ist mit Spaß bei der Sache: Egal ob Moderatoren, Redakteure, Techniker, ob linear oder digital, ob Radio oder Bewegtbild-Unit. Wir haben viele gute Leute in der Crew, die immer Neues ausprobieren. Gleichzeitig sind wir schnell und haben auch kein Problem damit, Fehler zu erkennen und sofort zu korrigieren. Es gibt viele Möglichkeiten, sich als Teil der SWR3 Community zu fühlen – nicht nur auf unseren Veranstaltungen. Um auch für neue Zielgruppen interessant zu bleiben, schaffen wir zeitgemäße Formate und fördern Talente: Das neue „SWR3 Comedy Festival“ mit dem Comedy-Förderpreis ist ein Beispiel dafür.

Hat sich SWR3 seit seinen Anfängen verändert?

Aus der Radiowelle ist heute ein interaktiver Multimedia-Kanal mit globalem Weitblick geworden, der sein Publikum durch den Alltag begleitet und ihm das Gefühl gibt, an das aktuelle Geschehen im Südwesten, aber auch weltweit, angeschlossen zu sein: Rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche. Das Wort wird immer wichtiger, dabei steht Relevanz im Zentrum. Hat der Content Neuigkeitswert, Nutzwert, bringt er Nähe? Gute Unterhaltung statt Gelaber sind genauso wichtig wie Interaktion. Die Nutzer wollen auch mitbestimmen, was in ihrem Radio läuft. Nicht im Call-out und damit nachgeordnet, sondern von vornherein aktiv. Die Marke muss erlebbar sein, deshalb machen wir auch eine Vielzahl von Veranstaltungen vor Ort. Die Marke muss aber auch visuell erlebbar sein: Ob mit Highlights im Video-Livestream oder als Bewegtbild auf Drittplattformen. Radio ist längst nicht mehr nur Audio.

Welche Rolle spielt heute Radio neben Internet, Konzerten und Fernsehen?

Das Radioprogramm von SWR3 ist der Kern für alles, was inzwischen noch hinzugekommen ist. Es enthält den Gedanken des Gemeinschaftsgefühls, der persönlichen Nähe, der Interaktivität. Alle Angebote wurden weiterentwickelt und haben über die neuen Ausspielwege noch mehr Wucht bekommen. So haben wir für viele Bedürfnisse der Hörer etwas anzubieten. Wir verstehen uns heute nicht mehr nur als Radioprogramm – die Marke denkt und handelt digital. Die gesamte Redaktion plant ihre Themen für alle Ausspielwege und wir hören aufmerksam auf die Themen unserer Nutzer: Wir beginnen beispielsweise jede Redaktionskonferenz mit Netztrends. Online ist also schon lange keine Zweitverwertung mehr für uns und wir sehen das auch in den Reichweiten. Nehmen Sie die Fußball-EM als Paradebeispiel: Üblicherweise hören Menschen beim Fernsehen kaum Radio. Dort erreichen wir sie aber über ihre Smartphones auf der Couch, per Second Screen. Ein guter Post zu einer ungerechten Schiedsrichter-Entscheidung kann locker fünf Millionen Menschen erreichen. Oder eine Programmaktion, in der wir gemeinsam mit Johann Lafer ein Halbzeitgericht anbieten, wird von 700.000 Menschen im Netz verfolgt. Wenn Sie an so einem Abend einfach „nur“ Radio machen, haben Sie den Schuss noch nicht gehört.

Wie kamen Sie auf den Elch als Maskottchen?

Die Idee kam von einem Moderator, der eine „Muh-Dose“ mit ins Studio brachte und diese ab und an muhen ließ, gewissermaßen als Spielpartner. Daraus entstand die Idee des „Schwarzwald-Elchs“. Am Anfang war der Sound, der besondere Dialog des ungezogenen Elchs mit dem Moderator. Die Entwicklung des Maskottchens kam erst später. Inzwischen hat der Elch eine Markenbekanntheit von 95 Prozent.