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Waldsterben Der kranke Wald: ein Mythos von gestern?

Die gute Nachricht vorweg: Die Prognosen zum Waldsterben haben sich nicht bewahrheitet. Glaubte man manchem Horrorszenario aus den 80er Jahren, gäbe es in Deutschland heute keinen Baum mehr. Ein kleiner Spaziergang aber reicht aus, um festzustellen, dass er noch lebt, der deutsche Wald.

Die hitzigen Debatten der 80er und 90er Jahre sind vielen in Erinnerung: "Über allen Wipfeln ist Gift", schrieb der "Stern" 1981. Der "Spiegel" legte eine Serie über sauren Regen und sterbenden Wald nach. Die Schadstoffbelastung, die Forscher in Waldbäumen entdeckt hatten, wuchs im Mediendschungel schnell zu dem großen Umweltthema der Nachkriegsgeschichte heran.

Die Auseinandersetzung berührte die Menschen, zumal sie in den Wäldern die Schäden selbst wahrnehmen konnten: Viele Nadelbäume waren bis zu den Kronen kahl, nackte, brüchige Äste blieben an den Stämmen zurück.

Zweifel wurden nicht gehört

Die Industrie geriet infolge der Diskussion ins Fadenkreuz der Waldbesitzer und Umweltaktivisten. Sie forderten Schadenersatz, ein Gutachten jagte das nächste, ohne dass vor Gericht je eine der Parteien Recht erkämpfen konnte. Zu undurchsichtig war der Wust an Mutmaßungen und Behauptungen.

Die Presse schlug sich auf die Seite der Umweltaktivisten. Wer am Waldsterben zweifelte, fand keinen Platz in den Zeitungen, um seine Zweifel auch kund zu tun. Die Nachbarstaaten verfolgten die deutsche Waldsterbedebatte mit Schmunzeln. Für sie war der Wald gesund. Die Franzosen übernahmen "le Waldsterben" als Wort in ihre Sprache.

Katalysator und Schadstofffilter

Doch die Debatte zeigte Wirkung in Deutschland: Die Politik verschärfte die Gesetze, der Katalysator wurde eingeführt, Fabriken mussten Schadstofffilter einsetzen. Der Schwefeldioxid–Ausstoß ging bis 2003 um 88 Prozent zurück, Stickstoffoxid um die Hälfte. Auch der Zusammenbruch der Industrie der Ostblockstaaten und das Aus für die Kohlekraftwerke in der ehemaligen DDR entlasteten die Luft. Der saure Regen wurde langsam wieder süß.

Lothar und Kyrill statt Schwefel und Stickstoff

Ist der Wald also wieder gesund? Jens Stengert von der Schutzgemeinschaft deutscher Wald verneint: "Laut Waldzustandsbericht der Bundesregierung haben wir sogar 2004 so viele kranke Bäume gehabt wie nie zuvor." Nur hat der Forscher für das "neue" Waldsterben ganz andere Erklärungen, als die Wissenschaftler in den 80ern: "2003 gab es einen Jahrhundertsommer - lange Durstperioden und immense Hitze. Die Schäden waren eindeutig klimabedingt", erläutert Stengert.

Dennoch findet er, dass die Maßnahmen der 80er und 90er nicht ins Leere gelaufen sind. "Wir wissen nicht, wie der Wald aussähe, wenn es die Filter heute nicht gäbe", sagt der Forstwissenschaftler. Das Problem ist heute ein anderes: der Klimawandel. Lange Dürre- und Regenperioden werden häufiger, Stürme wie Lothar (Dezember 1999) oder Kyrill (Januar 2007) roden ganze Landstriche.

Der Wald stirbt auch in Zukunft nicht

Die von den Nachbarn einst belächelte deutsche Waldsterbe-Diskussion ist längst Teil der globalen Klimadiskussion geworden. Naturbedingte Klimaveränderungen, die sich früher über Tausende Jahre erstreckt haben, laufen heute in wenigen Jahrzehnten ab. Der rapide Wetterwandel lässt dem Wald nicht die Zeit, sich anzupassen. Die Herausforderung ist es, dem Wald unter die Arme zu greifen. Zu alter Schwarzmalerei aber sehen selbst die Naturschützer keinen Grund. So mahnt Magnus Herrmann vom Naturschutzbund (NABU), dass Autoabgase immer noch die höchste Belastung für den Wald sind. Aber dennoch sagt auch Herrmann: "Der deutsche Wald lebt und wird in Zukunft nicht sterben!"


Autoren: Barbara Paul und Marcel Wagner

Letzte Änderung am: 19.08.2008, 15.46 Uhr