Seite vorlesen:
Emilies Augen leuchten. Mit beiden Händen schaufelt sie feuchte Erde in ihren blauen Stoffhut und grinst verschmitzt: "Da ist auch ein Regenwurm drin", verrät sie. Die 4-Jährige geht in den Mainzer Waldkindergarten "Die Bäumlinge". Sind Waldkindergärten aber für alle Kinder zu empfehlen?
Egal ob es regnet oder schneit: Die Kinder sind immer draußen. Sie toben durch den Wald, balancieren über Baumstämme, entdecken kleine Krabbeltiere. "Unser Tagesablauf ist total vom Wetter bestimmt", erklärt Claudia Holzinger, die Leiterin des Mainzer Waldkindergartens. "Bei Regen, zum Beispiel, kommen die Regenwürmer raus. Bäche bilden sich und Pfützen, in denen die Kinder matschen können." Im Winter, wenn es knackig kalt ist, fahren die Bäumlinge dann Schlitten und machen Laufspiele, um sich aufzuwärmen.
Klar: Die Kleidung muss natürlich stimmen – und einiges aushalten. Auf allen Vieren durch Schlammpfützen krabbeln und in modrigen Blätterhaufen wühlen, das ist in Waldkindergärten Alltag. Feste Schuhe und lange Hosen sind deshalb Pflicht – auch im Sommer, als Schutz vor Zecken. Außerdem haben die Kinder immer eine Regenjacke und ein Sitzkissen in ihrem Rucksack dabei. "Ganz billig ist die Ausrüstung nicht", erklärt Silke Löhr vom rheinland-pfälzischen Landesverband der Wald- und Naturkindergärten. "Mit 200 Euro muss man schon rechnen."
Plastikautos, Puppen, Bausteine - all das gibt es in Waldkindergärten nicht. Die Kinder spielen mit dem, was die Natur zu bieten hat: Kastanien, Schilfrohre, Zweige. Ruckzuck wird in der Fantasie ein Erdklumpen zum Handy und ein Ast verwandelt sich kurzerhand in einen Kehrbesen. Ein Buchenblatt wird zum Pflaster erklärt, das der "Tierarzt" seinem "Patienten" aufklebt.
Waldkindergärten gibt es seit den 90er Jahren in Deutschland - die Idee stammt aus Dänemark. Häufig werden sie von Elterninitiativen getragen. Meist sind sie dann teurer als normale Kindergärten. Inzwischen bieten aber auch einige Kommunen Waldkindergarten-Gruppen an.
Ziel der Waldkindergärten ist es, das Bewusstsein der Kinder für die Natur zu schärfen. Draußen im Wald erfahren sie zum Beispiel, was sich in einer Kastanie befindet, wie eine Kaulquappe zum Frosch wird, und dass man selbst gesammelte Bucheckern zum Brotbacken verwenden kann. Und sie lernen die Natur zu schätzen - vielleicht der größte Vorteil.
Der Pädagoge Dr. Peter Häfner hat in einer Studie an der Universität Heidelberg untersucht, ob Waldkindergärten eine sinnvolle Alternative zum "normalen" Kindergarten sind. Als Vorteile von Waldkindergärten nennt er zum Beispiel:
Doch nicht jeder steht den Waldkindergärten positiv gegenüber. Als Nachteil wird häufig angeführt, dass Waldkindergarten-Kinder in der Schule nicht still sitzen könnten. Peter Häfners Studie hat dies allerdings nicht bestätigt: "Sollte es bei dem ein oder anderen Kind Defizite geben, gleichen sie sich innerhalb weniger Schulwochen aus", erklärt er.
Trotzdem: "Der Waldkindergarten ist nicht für jedes Kind geeignet", gibt Silke Löhr zu bedenken. Stubenhocker, die kein Interesse an der Natur zeigen, solle man nicht in den Waldkindergarten zwingen.
Autorin: Claudia Butter
Letzte Änderung am: 19.08.2008, 16.29 Uhr