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Schichtarbeit nimmt deutlich zu  Arbeiten, wenn andere schlafen

Frühmorgens, spätabends, nachts und am Wochenende - Flexibilität ist Trumpf in der weltweit vernetzten Wirtschaft. Den Preis dafür zahlen die Beschäftigten. Immer mehr Menschen arbeiten in Schicht- und Wechseldiensten. Jeder Vierte muss auch am Wochenende ran...

Nachtarbeit beim Expressdienst  DHL am Flughafen Halle/Leipzig

Nachtarbeit - Alltag in der Logistikbranche, wie hier am Flughafen.

Warum arbeiten inzwischen mehr Menschen nachts und am Wochenende?

Die Schicht- und Wochenendarbeit nimmt zu, weil wir unser Leben verändern. Wir kaufen spät abends noch im Supermarkt ein, wir bestellen im Internet und wollen eine schnelle Lieferung. Wir haben also einen regelrechten Kulturwandel in unserer Gesellschaft. Dabei spielt sich diese Nacht- und Wochenendarbeit häufig außerhalb unserer Wahrnehmung ab. Wer zum Beispiel etwas beim Teleshopping oder im Internet bestellt, erlebt zwar keine Verkäuferin mehr direkt, aber die bestellte Ware wird ja von jemandem herausgesucht, verpackt und verschickt. Das leisten eben Menschen. Wenn also die Ware am Abend bestellt wird und am nächsten Tag schon ankommt, ist klar, dass an so einem Interneteinkauf gleich mehrere Nachtarbeiter in einer regelrechten Kette dranhängen.

Können die Unternehmen den Mitarbeitern die Arbeitsbedingungen diktieren?

In vielen Bereichen ist das so. Deshalb gibt es eine Zunahme zum Beispiel in der Gesundheitsbranche oder beim Verkaufspersonal, aber auch in sozialen Berufen. Es sind dabei häufig nicht die bestbezahltesten Jobs, bei denen nachts oder am Wochenende gearbeitet werden muss. Das wiederum bedeutet: dort wird in der Regel schlecht verdient, und die Leute müssen verfügbar sein. Nehmen wir noch einmal das Beispiel Handel: Wer dort als Verkäuferin arbeitet, muss eben auch in den Abendstunden ran. Die großen Supermärkte, die Läden in den Einkaufsstraßen, haben heute meist bis 22 Uhr auf. Manche sogar noch länger. Dafür braucht es Personal, und das trifft dort gerade viele Frauen, die in dieser Branche arbeiten.

Braucht es mehr Schutz für Schicht- und Wochenend-Arbeiter?

Ich finde ja, denn es trifft den Einzelnen, aber der kann sich in den Strukturen häufig nicht wehren. Zahlreiche Studien belegen, dass die Arbeitsbelastung zunimmt. Schichtdienst erhöht das Risiko körperlich krank zu werden oder sogar psychisch zu erkranken. Das hat die Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage der Fraktion "Die Linke" nun noch einmal bestätigt: So steigt etwa für Schichtarbeiter das Risiko von psychischen Belastungen und auch die gesundheitliche Risiken sind größer als bei Menschen, die zu normalen Zeiten - also zwischen 9 und 5 Uhr - ihrer Arbeit nachgehen.

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Von 2001 bis 2011 ist die Zahl der Schichtarbeitenden von 4,8 auf 6 Millionen Menschen gestiegen. Das ist fast ein Viertel mehr. Darunter übrigens (mit einem Gesamtanteil von 43 Prozent) besonders viele Frauen. Schicht gearbeitet wird etwa in "Sozialen Berufen" (etwa als Erzieherin) und in "übrigen Gesundheitsdienstberufen" (also als Krankenschwester oder Altenpflegerin).

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Vor zwölf Jahren - 2001 - waren es 6,1 Millionen Beschäftigte, die zur Nachtzeit, also zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens - arbeiten mussten. Zehn Jahre später - 2011 - sind es 8,9 Millionen Beschäftigte. Ein Plus von 46 Prozent mehr Nachtarbeitern! Besonders oft nachts gearbeitet wird in der Gesundheitsbranche, in Hotels und Gastwirtschaften. Aber durch die immer weiter gehende Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten (zuletzt im Jahr 2006) ist mehr und mehr auch das "Verkaufspersonal" von Nachtarbeit betroffen, etwa dann, wenn der Supermarkt bis 24 Uhr geöffnet hat.

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Laut Bundesregierung mussten im Jahr 2001 ungefähr 6,7 Millionen Menschen in Deutschland auch an den Wochenenden (also samstags und/oder sonntags) arbeiten. Zehn Jahre später - 2011 - sind es 8,9 Millionen Beschäftigte. Das entspricht einem Anstieg von 33 Prozent. Jeder vierte Arbeitnehmer muss inzwischen also auch am Wochenende arbeiten.

Fazit: Gewerkschaften kritisieren die Zunahme an so genannten "atypischen Arbeitszeiten", denn sie führe zu einer Zunahme von psychischen Belastungen. Nach den Worten einer Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums jedoch, werde diese Entwicklung erst dann zum Problem, wenn Missbrauch betrieben werde. Etwa wenn Leute ohne Vergütung mehr arbeiten müssten oder die gesetzlich schon heute vorgeschriebenen Ausgleichsstunden nicht gewährt würden.

Johannes Schmid-Johannsen (SWR Wirtschaft); Online-Fassung: Lutz Heyser

Letzte Änderung am: 18.02.2013, 11.06 Uhr