Experten diskutieren in Tübingen

Placebo – Wirksam ohne Wirkstoff

Autorin: Ulrike Till, Online: Dimi Triantafillu

Wer als Patient zum Arzt geht, vertraut auf die Kompetenz des Doktors - und auf die Heilkraft des verordneten Medikaments. Doch selbst Pillen ganz ohne Wirkstoff lassen Schmerzen und andere Symptome oft verschwinden: Das ist der berühmte Placebo-Effekt.

Fragen und Antworten von Ulrike Till, SWR Wissenschaftsredaktion:

Pillen

Medikamente ohne Wirkstoff - Placebos können helfen

Warum helfen Placebos, obwohl gar kein Wirkstoff drin steckt?

Zunächst muss man sagen, dass Placebos wohl nur bei ganz bestimmten Krankheiten wirken: am besten gegen Schmerzen, also Rücken- oder Kopfschmerzen; auch bei Depressionen, Magenbeschwerden und Hautleiden haben Ärzte schon verblüffende Erfolge beobachtet.

Bei Krebs oder Diabetes dagegen kommt man mit Placebos nicht weiter. Außerdem wirken sie nicht bei jedem: manche Menschen sind besonders empfänglich für Placebos - vermutlich liegt das nicht an der Psyche, sondern steckt in den Genen.

Neue Studien beweisen, dass die Wirkung von Placebos keineswegs reine Einbildung ist: im Kernspin lässt sich beobachten, dass Placebos im Gehirn körpereigene Schmerzhemmer aktivieren. Das funktioniert umso besser, je mehr der Patient seinem Arzt vertraut. Einfühlsame Mediziner, die sich viel Zeit nehmen, erzielen in Studien mit Placebos die besten Erfolge.

Heißt das, dass es eher auf den Arzt, als auf das Medikament ankommt?

Ein Arzt hält in einer Hand eine Pillendose, während er mit der anderen ein Formular ausfüllt

Auch Placebos können oft Schmerzen lindern

Es kommt natürlich auch auf das Mittel an - aber selbst ein Antibiotikum wirkt besser, wenn der Patient seinem Arzt vertraut. Und umgekehrt zeigen immer mehr Studien, dass selbst gute Medikamente versagen können, wenn der Arzt sie schlecht verordnet. Wenn ein Mediziner selber nicht an den Erfolg glaubt, überträgt sich das.

Was ist der Nocebo-Effekt?

Wenn zum Beispiel ein Arzt bei einem ängstlichen Patienten in einem Nebensatz erwähnt, dass sein Medikament in ganz seltenen Fällen auch Herzrasen verursacht - dann wird der Patient vermutlich bald Herzrasen bekommen.

Forscher nennen das einen Nocebo-Effekt, also eine schädliche Placebo-Wirkung. Trotzdem dürfen Ärzte gefährliche Nebenwirkungen natürlich nicht verschweigen - aber sie müssen sie realistisch einordnen.

Deshalb diskutieren die Experten in Tübingen auch darüber, wie sich Warnhinweise in Beipackzetteln besser formulieren lassen.

Können Ärzte den Placebo-Effekt ganz gezielt nutzen?

Arzneimittelverpackung mit roten Pillen

Wenn man nur stark genug an eine Wirkung glaubt, tritt sie auch ein

Ja, da gibt es ganz spannende neue Ansätze: offenbar kann man bei einigen chronischen Krankheiten die Medikamentendosis und damit auch die Nebenwirkungen dadurch reduzieren, dass der Patient immer mal wieder nur ein Placebo bekommt.

In einer Studie zur Schuppenflechte wirkte die Behandlung genauso gut, wenn die Patienten nur an jedem zweiten Tag das echte Medikament erhielten und dazwischen lediglich ein Placebo.

Man weiß auch von Menschen mit Schlafstörungen, dass sie manchmal mit Placebopillen wunderbar einschlafen - vorausgesetzt das Mittel sieht so aus wie das übliche Medikament.

Jetzt müssen weitere Studien zeigen, bei welchen Mitteln und in welchen Abständen ein solcher Einsatz von Placebos helfen kann.

Stand: 23.01.2013, 10.54 Uhr