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Leistungsdruck im Bett  Andere haben auch keinen Sex

Da wird gelogen, übertrieben und an sich selbst gezweifelt: Was ist normal? Wie machen es die anderen? Sex ist ständig präsent, aber ehrliche Antworten gibt es selten. Im Bett herrscht nicht selten unnötiger Leistungsdruck.

Füße schauen unter der Bettdecke heraus

"Oversexed and underfucked" - die Autorin Ariadne von Schirach ("Der Tanz um die Lust") prägte den Begriff, der ausdrückt, dass wir in unserer Gesellschaft ständig von Sex umgeben sind, aber deshalb nicht unbedingt viel Sex haben.

Nur beim Thema Geld werde noch mehr gelogen als beim Thema Sex. "Die häufigste Lüge ist natürlich, wie oft man kann", sagt der Sexualwissenschaftler Dr. Kurt Seikowski im SWR-Gespräch. "Sexualität wird bei den Männern auf den Penis reduziert. Über Zärtlichkeit redet kein Mensch."

Das komme erst im Alter, so Seikowski: "Neuere Zahlen belegen, dass Sexualität bis ins Alter erhalten bleibt. Dabei steht aber nicht der Orgasmus im Vordergrund, sondern Körperkontakt, Nacktheit, Streicheln - das was wir Zärtlichkeit nennen."

Lass uns über Sex sprechen

Für jüngere Menschen sei Sex dagegen ein "Statussymbol". Das komme im Freundeskreis immer gut an. "Sex ist kein Schmuddelthema mehr, es wird mehr darüber geredet. Erziehung, Religion und Schule spielen dabei natürlich eine Rolle", betont Seikowski. "In Ostdeutschland redet man lockerer über Sex, als in den katholischen Hochburgen im Westen. Die Jugend sagt immer häufiger: Sex interessiert uns nicht, das wissen wir schon, erzählen Sie uns lieber etwas über Liebe."

Dennoch ist die Unsicherheit bei vielen Jugendlichen noch immer groß, weiß Jutta Stiehler, Leiterin des "Dr.Sommer"-Teams bei der Jugendzeitschrift "Bravo". "Wir bekommen in der Woche mehrere hundert Anfragen", sagt die Sozialpädagogin. "Dabei drehen sich viele Fragen um das erste Mal."

Was ist guter Sex?

"Guter Sex ist, wenn beide Lust aufeinander haben und man sich ein bisschen Zeit für einander nehmen kann", erläutert Kurt Seikowski. "Es muss nicht der Orgasmus sein, es sollte einfach entspannend und schön sein. So allgemein sollte man es auch belassen."

Das Nachlassen der Sexualität im Rahmen einer langjährigen Partnerschaft habe auch mit dem Alltag zu tun. "Liebe und Sex muss immer wieder erneuert werden", betont der Wissenschaftler. "Die meisten haben Sex im Schlafzimmer, da ist es kalt, es wird an der Heizung gespart. Da kann man doch auch mal eine andere Ecke in der Wohnung benutzen."

Hilfsmittel wie Pillen seien nicht wirklich die Lösung. Da stelle sich die Partnerin doch die Frage: "Wer schläft denn hier mit mir - das Potenzmittel oder Du?" Für Seikowski steht fest: "Sexualität hat sich verändert. Es ist eigentlich nicht weniger geworden. Aber die Selbstbefriedigung ohne einen Partner hat sehr zugenommen, auch bei Frauen."

SWR1 Der Abend; Online-Redaktion: Peter Mühlfeit

Letzte Änderung am: 18.01.2013, 08.21 Uhr