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Jugendamt Pflege- und Heimkinder müssen zahlen

Ob Ausbildungsgehalt oder Lohn für Heftchenaustragen: Heim- und Pflegekinder, die einer Beschäftigung nachgehen, müssen 75 Prozent ihrer Einnahmen an das Jugendamt überweisen. Eine Regelung, die mehr schadet als nützt, und auf jeden Fall demotiviert.

Eine Auszubildende blättert in einem Dokument

Der Staat holt sich seine Kosten zurück

Jeden Tag zur Arbeit gehen und trotzdem nichts in der Tasche haben - demotivierend ist das, findet Christine Grünwald. Sie ist 20 Jahre alt und macht eine Ausbildung bei der Bahn. Von ihrem Ausbildungsgehalt werden ihr aber 75 Prozent abgezogen, weil sie noch bei ihren Pflegeeltern wohnt. Auch wenn Pflege- oder Heimkinder Zeitungen austragen, um damit ihr Taschengeld aufzubessern, gehen 75 Prozent an das Jugendamt. "Das ist alles ungerecht", findet Christine, denn sie hat sich ihre Lebenssituation ja nicht ausgesucht.

Christine Grünwald: "Wir Kinder werden dafür in die Verantwortung gezogen, dass unsere Eltern - ich sage mal - Mist gebaut haben, dass wir das bezahlen müssen." Die leibliche Mutter abgehauen, der Vater mit der Erziehung von vier Kindern völlig überfordert - mit sieben Jahren kam Christine zu ihrer Pflegefamilie in der Nähe von Böblingen. "Ich habe hier alles gelernt, was ich so heute bin und mache jetzt meine Ausbildung seit September."

Von 584 Euro zieht das Jugendamt 75 Prozent ab

Ein Lehrer während des Unterrichts in seiner Schulklasse.

Pflegeeltern freuen sich mit, wenn ihre Schützlinge eine Ausbildung anstreben

Christine wird Kauffrau für Verkehrsservice bei der Deutschen Bahn - also Schaffnerin. 732,30 Euro brutto stehen auf ihrem Lohnzettel. Nach allen Abzügen bleiben 584 Euro netto. Davon rechnet das Jugendamt 75 Prozent ab und zieht diesen Betrag vom Pflegegeld ab, als Anteil der Jugendlichen an den Unterhaltskosten. "Ich bekomme noch 150 Euro circa raus." Mal ins Kino oder im Sommer mal ins Freibad - Christine muss scharf mitrechnen.

Zusammen mit Christine leben noch drei weitere Pflegekinder bei Silke Altrieth-Auer und ihrem Mann. Die Pflegemutter fragt sich, wie sie ihren Kindern unter diesen Umständen beibringen soll, dass sich Arbeit lohnt. "Wichtig ist es, ihnen beizubringen, dass wenn man sich etwas leisten möchte, man auch Leistung bringen muss - sprich Arbeiten geht. Das passt hier überhaupt nicht. Es bleibt einfach nichts übrig."

Beim Nebenjob wird abgezogen, beim Ferienjob nicht

Männerhand steckt eine Zeitung in einen Briefkasten.

Regelmäßig Zeitung austragen wird belastet, ein Ferienjob nicht

Abgezogen wird auch, wenn Heim- oder Pflegekinder ihr Taschengeld aufbessern, indem sie zum Beispiel Zeitungen austragen. Das Geld von einem Ferienjob dagegen rührt das Amt nicht an, bestätigt Wolfgang Trede, der Leiter des Jugendamtes in Böblingen. "Das kann man sagen, ist möglicherweise ungerecht, wenn einer vier Wochen beim Daimler einen guten Ferienjob hat und viel verdient, wird es nicht herangezogen, aber eine kleine Zeitungsaustragungsgeschichte, die dauerhaft ist, zu der müssen wir heranziehen."

Das Gesetz müsste geändert werden

Seit diesem Jahr gibt es eine neue Regelung, die alles noch verwirrender macht. Die Ämter können bei Schülerjobs auf den Abzug verzichten, wenn diese dem "Zweck der Jugendhilfe" dienen. Laut Gesetz sind das Jobs im kulturellen oder sozialen Bereich. Das ist aber viel zu kurz gedacht, kritisiert die Rechtsanwältin Gila Schindler. Sie hat bis 2010 die Bundesregierung in Sachen Jugendhilfegesetz beraten.

Gila Schindler, Rechtsanwältin

Gila Schindler, Rechtsanwältin

"Die Jugendämter werden dazu tendieren zu sagen, Zeitungsaustragen diene nicht dem Zweck der Jugendhilfe. Da muss man gegenhalten und sagen, der pädagogische Wert liegt darin, dass der Jugendliche sein Taschengeld aufbessern will - auch das erzieht zur Selbständigkeit." Die Kinder und Jugendlichen sollen das Geld aus einem Nebenjob behalten können, fordert Gila Schindler. "Ich finde schon, es wäre sinnvoll, an der Stelle das Gesetz zu ändern."

Der Staat holt sich seine Ausgaben zurück

Köche in einer Hotelküche

Die Ausbildungsvergütung geht zu 75 Prozent an das Jugendamt

Die 75 Prozent Abzug beim Ausbildungsbetrag findet sie gerechtfertigt. Auch Jugendamtsleiter Wolfgang Trede rechnet die Ausgaben des Staates dagegen. Schließlich würden die Pflegeeltern weiter Pflegegeld erhalten, die Heim- und Pflegeplätze den Steuerzahler ja etwas kosten.

"Richtig ist, wenn sie dauerhaft einen Job haben, dann ist es nicht arg motivierend, dass ihnen nur ein kleiner Teil bleibt. Aber das ist auch in anderen Sozialleistungsbereichen so: Wenn sie heute einen behinderten Menschen haben in einer beschützten Werkstatt, ist es genau das gleiche."

Pflegeeltern stehen hinter Pflegekindern: 25 Prozent reichen

Zwei Hände ziehen an Geldscheinen

Weniger reicht auch

Sobald etwas zu holen ist, greift der Staat zu – bei HartzIV-Empfängern, bei behinderten Menschen und bei Heim- und Pflegekindern. Silke Altrieth-Auer findet die Abzüge zu hoch. Die Kinder sollen sich an den Kosten beteiligen, sobald sie einen Ausbildungsplatz haben - "aber 25 Prozent würden reichen", meint die Pflegemutter. Sie will dafür kämpfen, dass ihrer Pflegetochter mehr vom Lohn bleibt.

"Das ist ungerecht, das macht mich wütend, und da geht mir der Knopf auf."

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