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Fehlbildungen bei Säuglingen Wer hat schuld: Zika-Virus oder Insektengift?

In Brasilien wird großflächig Insektengift verteilt gegen Mücken, die Hauptüberträger des Zika-Virus. Jetzt vermuten Forscher, Babies erkranken nicht durch das Virus, sondern durch ein Larvengift.

Mutter mit erkranktem Kind

Baby mit "Mikrozephalie" - für Erwachsene harmlos, für Embryos mit dramatischen Folgen

Ein Bericht von Ulrike Till, SWR Wissenschaft

Vier Millionen Flugblätter und 220.000 Soldaten: Mit der Aktion "Zero Zika" - "Null Zika" - hat die brasilianische Regierung jetzt den Kampf gegen das Zika-Virus aufgenommen. Dazu gehört auch das großflächige Verteilen von Insektengift, denn Mücken sind die Hauptüberträger des Zika-Virus.

Für gesunde Erwachsene ist eine Infektion in der Regel harmlos, bei Schwangeren aber soll der Erreger schon im Mutterleib Fehlbildungen und geistige Behinderung des Babies auslösen - die sogenannte "Mikrozephalie". 3852 Verdachtsfälle gibt es im Moment.

Neue These: Insektengift Pyriproxyfen statt Zika-Virus

Jetzt aber melden sich Forscher und vermuten, dass für die kranken Säuglinge gar nicht das Zika-Virus, sondern das Larvengift Pyriproxyfen verantwortlich sein könnte.

Desinfektion gegen das Zika-Virus

Desinfektion gegen das Zika-Virus

Bisher sind in Brasilien 462 Fälle von "Mikrozephalie" bestätigt, nur bei 17 Säuglingen mit zu kleinem Kopf und geistiger Behinderung wurde tatsächlich das Zika-Virus nachgewiesen. Wissenschaftler auf der ganzen Welt diskutieren deshalb schon länger, ob hinter den Fehlbildungen tatsächlich eine Zika-Infektion steckt. Die WHO hatte wegen des vermuteten Zusammenhangs vor zwei Wochen den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Jetzt bringt die argentinische Umwelt-Vereinigung REDUAS eine andere These ins Spiel: Die Ärzte, Wissenschaftler und Aktivisten gehen davon aus, dass das Insektengift Pyriproxyfen für gehäufte Fehlbildungen brasilianischer Babies verantwortlich ist.

Krankheitsfälle gehäuft im armen Norden Brasiliens

Allerdings lehnt die Organisation chemischen Schädlingsschutz grundsätzlich ab. Pyriproxyfen wird seit eineinhalb Jahren vor allem im Norden Brasiliens auch dem Trinkwasser beigemischt, denn in vielen Gegenden ist Wasser knapp und wird in großen Behältern gesammelt - ideale Brutplätze für Mücken.

Zika-Tests für Brasilien

Zika-Tests für Brasilien

Ärzte in den betroffenen Gebieten verweisen darauf, dass die meisten Verdachtsfälle von Mikrozephalie genau aus diesen bitterarmen Provinzen im Nordosten stammen. Das würde auch erklären, warum zum Beispiel im Nachbarland Kolumbien trotz vieler Zika-Fälle bisher keine ungewöhnlichen Fehlbildungen beobachtet wurden. Genauso wenig wie bei früheren Ausbrüchen in anderen Ländern.

Pharmakonzern hat keine Bedenken gegen sein Larvengift

Das Larvengift wird unter dem Namen SumiLarv vom japanischen Pharmakonzern Sumitomo Chemical hergestellt. Auf der Website des Unternehmens heißt es, das Risiko für Säugetiere, Vögel und Fische sei minimal; man könne das Mittel auch ins Trinkwasser geben.

Allerdings ist die empfohlene Dosis mit 0,01 mg Wirkstoff pro Liter Wasser extrem gering - auf die Gefahren einer möglichen Überdosierung wird nicht hingewiesen.

SumiLarv wird auch in Europa angewendet

Tiegermücke

Ein Stich genügt: Die Tigermücke überträgt das Zika-Virus.

SumiLarv kommt seit Jahren auch bei Obstbauern in Südafrika, Israel, Italien und Spanien zum Einsatz - allerdings in erster Linie auf den Feldern, nicht im Trinkwasser. Die brasilianischen Behörden versichern, das Mittel sei unbedenklich. Auch die WHO empfiehlt den Wirkstoff zur Mückenbekämpfung.

Jetzt ist also dringend weitere Forschung nötig, damit wir endlich wissen, ob das Zika-Virus oder ein Insektengift oder ein ganz anderer Faktor für behinderte Babies in Brasilien verantwortlich ist.

Online: Heidi Keller, Martina Schlick

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