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Nach überstandener Krise Kein Aufschwung ohne Zeitarbeit?

Die Konjunktur brummt, aber was haben Arbeitssuchende davon? Immer mehr Betriebe setzen auf Leiharbeiter. Das sind Beschäftigte, die deutlich weniger verdienen als die Stammbelegschaft und von heute auf morgen gekündigt werden können. Doch die Zeitarbeit ist besser als ihr Ruf.

Die Drogeriemarktkette Schlecker trägt eine Mitschuld daran, dass Zeitarbeit in Deutschland einen schlechten Ruf genießt. Das Unternehmen entließ im vergangenen Jahr Mitarbeiter, um sie über eine eigene Leiharbeitsfirma wieder einzustellen – zu viel schlechteren Bedingungen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte diese Praxis, die von Schlecker mittlerweile aufgegeben wurde.
Schlecht fürs Image der Zeitarbeit ist auch der geringe "Klebeeffekt". Damit wird beschrieben, wie viele Arbeiter von der Firma, für die sie leihweise tätig sind, irgendwann eine Festanstellung erhalten. Nur sieben Prozent, ist das ernüchternde Ergebnis einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.

Zeitarbeit kann auch ein faires Angebot sein

Viele Leiharbeiter müssen also lange Zeit damit leben, dass sie für die gleiche Arbeit "bis zu 40 Prozent weniger Lohn" erhalten als die Stammbelegschaft, so Detlef Schwoon von der IG Metall in Stuttgart. Der Gewerkschaftsmann differenziert aber: Noch sei die Schlecker-Praxis nicht die Regel in Deutschland, und es gebe auch Zeitarbeitsfirmen mit besseren Arbeitsbedingungen, die ihren Beschäftigten einen unbefristeten Vertrag anbieten. "Vernünftige Firmen entlassen ihre Mitarbeiter nicht einfach nach zwei Monaten", einige zahlten sogar ordentliche Stundenlöhne, sagt Schwoon.

Zum Beispiel "Select-Zeitarbeit". Geschäftsführer Rüdiger Probst bietet den meisten seiner Mitarbeiter nach eigenen Angaben eine Festanstellung an. Probst beschäftigt "alles vom einfachen Helfer bis zum Ingenieur" und verleiht diese Personen dann an interessierte Unternehmen. Der Select-"Klebeeffekt" liege bei beachtlichen 42 Prozent, sagt Probst. Selbst der Hilfsarbeiter erhalte noch einen garantierten Mindestlohn von 7 Euro 60 plus Fahrtkostenerstattung, Verpflegungsaufwand, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Probst hat in der Krise nicht einfach alle Mitarbeiter auf die Straße gesetzt, sondern wie andere Unternehmen Kurzarbeit angemeldet.

Siegt am Ende das Modell "Schlecker" oder die "Select"-Methode?

Dr. Werner Eichhorst vom Institut Zukunft der Arbeit in Bonn glaubt, dass wir unsere Vorstellung von Arbeit überdenken müssen: "Wir bemerken ein Anwachsen atypischer Arbeitsverhältnisse, aber immer noch hat ein Großteil der Beschäftigten eine feste Stelle." Die Zeitarbeit werde noch etwas zunehmen. Zugleich würden Arbeitgeber wegen des wachsenden Fachkräftemangels versuchen, solche Kräfte mit festen Verträgen an sich zu binden. Eichhorst sieht eine sich öffnende Schere: "Umworbene Arbeitskräfte werden es besser haben. Mit eingeschränkten Qualifikationen wird es schwieriger, eine feste Anstellung zu erhalten."

Fest steht: Der Status von Zeitarbeitern wird sich deutlich ändern. Die EU wird demnächst eine völlige Freizügigkeit für Arbeitnehmer einführen. Dann können beispielsweise Leiharbeiter aus osteuropäischen Ländern zu den Tarifen ihrer Heimat in Deutschland arbeiten – also zu Dumpinglöhnen von drei oder vier Euro pro Stunde. Deswegen muss die Bundesregierung handeln. Die Union will einen Mindestlohn für die gesamte Branche einführen. Die FDP fordert dagegen, dass Zeitarbeiter nach einer gewissen Zeit genauso gut bezahlt werden wie die Stammkräfte. Die Zeit drängt: Die EU-Regelung gilt ab Mai des kommenden Jahres.

Ist die Krise überstanden? Fragen an Sabine Geipel (SWR Wirtschaft)

Der Aufschwung ist unverkennbar da, die Frage ist nur, wie nachhaltig er ist. Risikofaktoren sind die hohe Verschuldung vieler Staaten, die Sparpakete in vielen Ländern, die sich negativ auf den Konsum auswirken können. Wie stabil sind der Euro, die Banken, das Finanzsystem? Es gibt noch zu viele Risiken, um Entwarnung zu geben.

Wo gestern noch kurz gearbeitet wurde, werden heute Sonderschichten gefahren. Daimler hat angekündigt, 400 neue Arbeitsplätze zu schaffen, auch viele andere Unternehmen stellen neu ein. Im Maschinenbau füllen sich die Auftragsbücher wieder, und auch uns Bürgern ist die Lust am Shoppen noch nicht vergangen – Stichwort positives Konsumklima.

Wir waren in den letzten Jahren nicht hysterisch. Der Einbruch der Weltwirtschaft war wirklich dramatisch. Der Aufschwung kommt jetzt so schnell, weil wir viel exportieren. Da spüren wir es sofort, wenn anderswo die Wirtschaft wieder anzieht. Da viele Länder Konjunkturprogramme aufgelegt haben, profitieren unsere Unternehmen auch davon.

Uns hat die Kurzarbeit über die Krise hinweg geholfen. Dass in vielen Unternehmen weniger und auch für weniger Geld gearbeitet wurde, statt Mitarbeiter zu entlassen, hat wie eine Brücke über die Krise gewirkt. So haben die Unternehmen jetzt ihre Belegschaft parat, um die neuen Aufträge abzuarbeiten – das ist ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern.


Andreas Braun

Letzte Änderung am: 29.07.2010, 11.48 Uhr