Schlamm und Zement gegen hunderttausende Liter Rohöl, die täglich ins Meer sprudeln. Mit dem Top-Kill-Verfahren will der BP-Konzern das Bohrloch im Golf von Mexiko endlich schließen. Jetzt hoffen alle, dass es gute Nachrichten aus 1.500 Metern Tiefe geben wird.

Die Operation Top-Kill läuft in zwei Phasen ab, erklärt Susanne Henn aus der SWR-Umweltredaktion. Los geht es mit dem Junkshot. Das heißt auf deutsch Müllbeschuss: "Junkshot ist ein Gemisch aus zerkleinerten Autoreifen, Golfbällen und Seilenden und wird unter hohem Druck in das Bohrloch geschossen. Auf diese Weise soll das Ventil zunächst grob verstopft werden. Den Rest soll dann zäher Schlamm besorgen, der ebenfalls mit Hochdruck in das Loch gepresst wird." In Phase zwei soll das Bohrloch dann mit Zement versiegelt werden. So will BP die Ölpest endlich in den Griff bekommen
Das Unternehmen zeigt sich verhalten optimistisch. Nach Einschätzung von BP-Chef Tony Hayward liegen die Erfolgschancen für Top-Kill bei 60 bis 70 Prozent. Doch bislang hat niemand Erfahrung mit dieser Methode, gibt SWR-Umweltredakteurin Susanne Henn zu bedenken. Denn das Bohrloch liegt 1.500 Meter unter Wasser. Dort hat man das Vorgehen noch nicht ausprobiert:
Risikofaktor 2:
Das eigentliche Öllager liegt in rund sieben Kilometern Tiefe. Mehrere Tonnen Gestein lasten auf diesem Lager und setzen das Öl zusätzlich unter Druck.
Risikofaktor 1:
In 1.500 Metern Tiefe ist der Wasserdruck sehr groß - nämlich 150 Mal höher als der Luftdruck. Niemand weiß, ob der Top-Kill dort unten funktioniert.
"Bei diesen Druckverhältnissen müssen Müll und Schlamm mit noch höherem Druck in das Leck gepresst werden. Denn es sind gigantische Kräfte, die dort am und unter dem Meeresgrund wirken", sagt Susanne Henn.
Wenn es ganz schlecht läuft, würde die Operation Top-Kill genau das Gegenteil bewirken. "Das Bohrloch könnte noch weiter aufgerissen werden", dieses Szenario könne auch BP nicht ausschließen, sagt die SWR-Umweltredakteurin. Sollte der Verschluss des Bohrlochs gelingen, ist es nach derzeitigem Kenntnisstand keinesfalls sicher, ob das Leck auch dauerhaft versiegelt ist. Sollte der geplante Top Kill nicht klappen, will BP ein weiteres Loch für eine zweite Ölleitung in den Boden bohren. Rund 4.000 Meter unter dem Meeresboden soll diese Entlastungsleitung dann auf die bestehende Leitung treffen. "Aber auch bei diesem alternativen Vorgehen gibt es gleich mehrere Haken", sagt SWR-Umweltredakteurin Susanne Henn: "Erstens muss extrem präzise gearbeitet werden, denn in dieser Tiefe hat die bestehende Leitung einen Durchmesser von gerade mal 18 Zentimetern. Und zweitens dauert eine solche Aktion mindestens drei Monate. Und in dieser Zeit kann noch verdammt viel Öl ins Meer fließen."
In den vergangenen Wochen hat BP immer wieder versucht, das Öl mit Chemie zu bekämpfen. Doch die Chemiekeule könnte mehr schaden als nutzen. Sie funktioniert im Prinzip wie Spülmittel gegen Fett, erklärt Sabine Gronau aus der SWR-Umweltredaktion. Gemeint sind so genannte Dispergiermittel, die unter Wasser gegen das Öl eingesetzt werden. "Diese Dispergiermittel sollen aus Rohöl und Wasser ein Gemisch machen. Das Öl löst sich auf, wird zu kleinen Tröpfchen und schwimmt schließlich als Partikel vermischt mit dem Meereswasser."
Nachteil:
Die Chemiekeule ist giftig und hat etliche Risiken und Nebenwirkungen.
Vorteil:
Das Öl verklebt nicht mehr Flora und Fauna, wenn es an Land gespült wird.
"Das Dispergiermittel Propylenglykol entzieht bei einer chemischen Reaktion der Umgebung viel Sauerstoff. Für viele Meeresbewohner könnte das den Erstickungstod bedeuten", sagt Sabine Gronau. "Vom Dispergiermittel Corexit weiß man, dass es die Fortpflanzung schädigen, Embryos töten und Geburtsdefekte auslösen kann." Ungeachtet einer Anordnung der US-Umweltbehörde EPA will der Konzern BP weiterhin diese umstrittene Chemikalie einsetzen, um die Ölpest zu bekämpfen.
Das Abfackeln ist die billigste Methode und für die Umwelt nicht die schlechteste, darauf weist SWR-Umweltredakteur Werner Eckert hin. "Der schwarze Rauch lässt zwar Schlimmes befürchten, aber Versuche in den USA und Kanada haben gezeigt: Die Konzentration von Schadstoffen lag schon 150 Meter vom Brand entfernt weit unterhalb der Grenzwerte." Für die US-Küste am Golf von Mexiko käme das Abfackeln allerdings zu spät. "Das Öl ist schon zu alt - flüchtige Bestandteile sind schon verdampft", erklärt Werner Eckert. "Sie aber machen Rohöl überhaupt erst brennbar. Der Rest ist zäher Teer."
Gute Chancen bestehen allerdings an der Stelle, an der das Öl an die Wasseroberfläche kommt. Dort kann man einen Ring aus unbrennbarem Material legen, der das Öl staut. Eine Öl-Schicht von zwei bis drei Millimetern ist notwendig. Nur dann kann das Feuer heiß genug werden, um dauerhaft zu brennen und möglichst viele Schadstoffe zu zerlegen. "Das Abbrennen kann erstaunlich effektiv sein", betont SWR-Umweltredakteur Werner Eckert. "In einem Kreis von gut 100 Metern Durchmesser kann man bis zu 15.000 Barrel Öl am Tag verbrennen. Das ist das Fünfzehnfache dessen, was aus dem Leck im Golf von Mexiko nach oben kommt."
Andreas Böhnisch, Werner Eckert, Sabine Gronau, Susanne Henn
Letzte Änderung am: 25.05.2010, 14.56 Uhr