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30 Jahre nach Entzug der Lehrerlaubnis Hans Küng: Begegnung mit einem Unbeugsamen

Der Rausschmiss war für ihn ein Schock: Vor 30 Jahren entzog die Katholische Kirche dem Tübinger Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt hatte. Die Hoffnung des Vatikan, Küng damit mundtot zu machen, erfüllte sich nicht.

Die Nachricht erreichte Hans Küng auf der Skipiste in Lech am Arlberg beim vorweihnachtlichen Wintersport. "Es war eine Nacht- und Nebelaktion von führenden Personen der römischen Glaubenskongregation und der deutschen Bischofskonferenz", sagt der Tübinger Theologe im SWR cont.ra-Interview. "Es waren für mich die bittersten Monate meines Lebens, sowohl spirituell als auch physisch extrem belastend. Es bestand immerhin die Gefahr, dass ich in Kirche und Universität völlig an den Rand gedrängt und mundtot gemacht würde."

Theologischer Streit: Die Bücher "Strukturen der Kirche" (1962) und "Unfehlbar? Eine Anfrage" (1970) machten Hans Küng zu dem Kritiker am Papsttum. Als Johannes Paul II im Jahr 1978 die Leitung der römisch-katholischen Kirche übernahm, stand fest: Küng war zum Abschuss freigegeben. Der neue Papst forderte Disziplin und duldete keinen Widerspruch. Jörg Vins, Leiter der SWR-Redaktion Religion und Gesellschaft kritisiert: "Nie hat Johannes Paul II ein persönliches Gespräch mit Küng geführt und mitverantwortet, dass einer der brillantesten Theologen innerkirchlich ausgegrenzt wurde.

Hans Küng: Stationen eines bewegten Lebens

Eine Zeit des Aufbruchs und der neuen Freiheit

Der "Fall Küng" erschütterte die Kirche. Der Vatikan verbot dem Theologen zu lehren. Aber der unbeugsame Schweizer machte weiter. Die Universität Tübingen unterstützte ihn. Sie schuf für Hans Küng einen fakultätsunabhängigen Lehrstuhl für Ökumene. "Ich konnte nun anders als zuvor, mich dem Dialog der Religionen widmen und schließlich ein Jahrzehnt später auch das Projekt Weltethos entwickeln", sagt Hans Küng rückblickend. "Insofern war das eine höchst fruchtbare Periode für mich." Bis zu seiner Emeritierung 1996 lehrte Küng in Tübingen. Wenn er jetzt noch Vorlesungen hält, kommen oft mehr als 1000 Zuhörer. Er ist Erfolgsautor. Seine Bücher erzielen eine Millionenauflage.

"Der Papst hat sich der Restauration verschrieben"

Auch 30 Jahre nach dem Entzug der Lehrerlaubnis hadert Hans Küng mit vielen Entscheidungen des Vatikan. Im Mittelpunkt seiner Kritik steht Benedikt XVI. "Josef Ratzinger hat sich sehr viele Leute zu Gegnern gemacht, wenn er den evangelischen Kirchen, die Eigenschaft überhaupt Kirche zu sein, abspricht." Negative Äußerungen des Papstes über den Islam, das Judentum und seine Entscheidung, vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft zu rehabilitieren, sind für Küng ein weiterer Beleg, dass sich "der Papst der Restauration verschrieben hat".

"Die Kirche muss sich reformieren"

Inquisition: Diese Behörde der römisch-katholischen Kirche heißt inzwischen Glaubenskongregation. Sie ist für die Glaubenslehre zuständig. Im Auftrag des Papstes soll sie die römisch-katholische Kirche vor abweichenden Glaubensvorstellungen schützen.

Für die Zukunft wünscht sich Hans Küng, dass sich der Papst stärker um die Situation vor Ort kümmert. "Immer mehr Gemeinden sind am Zusammenbrechen, weil sie keine Pfarrer mehr haben." Und die Kirche müsse mit der Zeit gehen. Beispiel: das Zölibat. "Dieses mittelalterliche Gesetz helfe den Menschen nicht auf ihrem Weg zu Gott." Es sind diese Ideen Küngs, die ihm viel Sympathie einbringen. Innerkirchliche Reformkräfte haben sich wiederholt dafür ausgesprochen, der Vatikan solle Küng rehabilitieren. Er selbst äußert sich verhalten in SWR cont.ra: "Das ist schön. Aber man soll sich nicht unbedingt Dinge wünschen, von denen man enttäuscht ist, wenn man sie nicht bekommt."

Kristin von Heyden, Jörg Vins, Andreas Böhnisch

Letzte Änderung am: 18.12.2009, 10.49 Uhr