Wolf im Westerwald

"Der Wolf gehört einfach zur heimischen Fauna"

Onlinefassung: Stephan Braig

Seit zwölf Jahren gibt es in Deutschland wieder Wölfe, die meisten der Tiere leben in der Lausitz. Doch ein Wolf hat es jüngst auch nach Rheinland-Pfalz geschafft - so weit nach Westen wie seit 120 noch keiner mehr. Als vor einigen Tagen bekannt wurde, dass dieser Wolf erschossen wurde, war die Aufregung groß. Olaf Strub ist Naturschutz-Referenten des Naturschutzbund Deutschland (NABU) im Landesverband Rheinland-Pfalz und stellte direkt nach Bekanntwerden des Abschusses Strafanzeige gegen den Todesschützen.

Herr Strub. Zunächst war unklar, wer den Wolf im Westerwald erschossen hat. Mittlerweile hat sich ein 71-jähriger Jäger der Polizei gestellt und erklärt, dass es ihm leid tue den Wolf erschossen zu haben. Er hielt das Tier für einen streunenden Hund. Ist diese Erklärung für Sie nachvollziehbar?

Fakt ist, ein Jäger darf einen wildernden Hund erschießen, das ist konform mit dem Landesjagdgesetzt. Wenn der Mann den Wolf wirklich für einen streunenden Hund hielt, war ihm der Abschuss also gestattet. Ob sich das wirklich so verhalten hat und wie die Begleitumstände waren, das müssen die zuständigen Behörden nun aber erst einmal klären.

Man kann dem Schützen also nicht zwangsläufig einen Vorwurf machen?

Wenn das für ihn ein wildernder Hund war, dann war das so. Es stellt sich dann aber eher die Frage, wie genau ein Jäger ein Tier identifizieren muss, bevor er es schießen darf. Wenn ich in einer Gegend lebe, in der Wölfe mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auftauchen können, dann muss man für solche Zweifelsfälle zumindest sagen, dass ein Jäger nicht sofort schießen sollte. Er könnte beispielsweise erst einmal die Naturschutzbehörde informieren und dann müsste der Fall geprüft werden. Ansonsten könnte im Nachhinein immer behauptet werden, dass es auch ein Hund gewesen sein könnte.

Warum war dieser Wolf denn alleine und nicht im Rudel unterwegs? Bei dem Tier handelte es sich doch um einen jungen Rüden, der Interesse daran haben müsste, jetzt im Frühling mit der Familiengründung loszulegen.

toter Wolf in Hachenburg

Der erschossene Wolf

Daran hatte er natürlich auch ein Interesse. Aber bei jungen paarungsbereiten Wölfen ist es so, dass sie das elterliche Rudel verlassen und als Einzelgänger – als sogenannte Wanderwölfe - umherstreunen. In dieser Zeit können Wölfe binnen einer Nacht bis zu 70 Kilometer wandern, auf der Suche nach einem Revier und einem Partner. Genau dieses Verhalten hat der abgeschossene Wolf gezeigt.

Inzwischen gibt es in der Lausitz neun Wolfsrudel mit jeweils bis zu zehn Tieren. Besorgte Anwohner haben nun einen Verein gegründet, der sich offen für die Zurückdrängung der Wölfe ausspricht. Klingt danach, als seien Wölfe in einer großen Zahl dann doch eine mögliche Gefahr?

Nein, eigentlich sind sie das nicht. Und die Gründe, die die Menschen gegen die Wölfe vorlegen, erschließen sich mir auch nicht wirklich. Ich glaube dahinter steckt eher eine anerzogene Urangst des Menschen durch jahrhundertelange Märchenbildung. In Wirklichkeit sind Wölfe sehr scheue Tiere, die den Kontakt zu Menschen meiden. Selbst Wolfsbetreuer vom NABU, die sich intensiv mit den Tieren auseinandersetzen, bekommen ein Rudel phasenweise wochenlang nicht zu sehen. Wölfe meiden den Kontakt zu Menschen. Die haben eine sehr feine Nase und ein gutes Gehör, deshalb kommen sie auch nicht in die Nähe von Wanderwegen.

Wenn ich in der Lausitz wandern gehe, werde ich also keinen Wolf zu Gesicht bekommen?

Nein im Gegenteil. Um einen zu sehen, müssen Sie vermutlich sehr viel Zeit investieren und können sich dann immer noch glücklich schätzen, einen gesehen zu haben.

Wir sind in Deutschland ja über 120 Jahre ohne Wölfe ausgekommen. Wieso ist es denn plötzlich so wichtig, dass wir sie wiederkriegen?

Olaf Strub ist Naturschutzreferent der NABU-Landesgeschäftsstelle Rheinland-Pfalz. Im Auftrag des NABU stellte er Strafanzeige gegen Unbekannt, kurz nachdem der erschossene Wolf im Westerwald entdeckt wurde

Naja, er ist ein großer erfolgreicher Beutegreifer, der seine ökologische Funktion hat. Wenn wir jetzt sagen, wir wollen den Wolf wieder haben, dann besteht ja noch immer ein Unterschied darin, diese Entwicklung zu forcieren, oder zu sagen "Wenn er kommt ist er da!" Und genau so läuft es ja. Wenn der Wolf es aus eigener Kraft schafft, hier wieder Fuß zu fassen, dann ist er willkommen. Wenn nicht, dann halt nicht. Dazu muss man aber auch sagen, dass der Wolf in Deutschland ja nicht ausgestorben ist, da er seinen Lebensraum verloren hat, sondern weil er durch den Menschen gezielt verfolgt und ausgemerzt wurde.

Im Zusammenhang mit dem Wolf in Rheinland-Pfalz ist ständig die Rede von einem "Wolf-Management-Plan". Was können wir uns darunter vorstellen?

Wolf im Westerwald

Der freilebende Wolf im Westerwald

Das ist ein bisschen ein irreführender Begriff, da er impliziert, dass entschieden wird, wo Wölfe leben sollen und wo nicht. Das ist damit aber gar nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, einen Plan in der Schublade zu haben, wie man vorgehen soll, wenn sich in Rheinland-Pfalz tatsächlich ein Wolfsrudel ansiedelt. Da wird natürlich erst einmal geschaut, wo im Land das wahrscheinlich ist – und ein Rudel wird eher im Westerwald leben als in Rheinhessen. Dann wird geprüft, wo es zu Konfliktpunkten zwischen Wolf und Mensch kommen kann. Die kann es dann schon geben, ganz klar. Denken wir zum Beispiel an Schafshalter: Der Wolf nimmt was er kriegt und wenn da eine Schafsherde ist, die er recht einfach erjagen kann, dann wird er das auch machen. Man muss also Schafhalter informieren und über ein Entschädigungssystem oder Präventionsmaßnahmen nachdenken.

Wie können Schäfer ihre Herden denn vor Wölfen schützen?

Wenn die Schafe beispielsweise nachts durch einen Stromzaun geschützt werden, macht das schon einen riesen Unterschied. Oder auch der Einsatz von Herdenschutzhunden ist sehr effektiv. Die schlagen die Wölfe in die Flucht. Der Wolf ist ja eigentlich ein Tier, das sehr große Angst hat. Der hat keine Lust auf Risiko. Und er ist schon gar nicht die Märchenfigur, die mordlüstern durch die Wälder streift.

Das Gespräch führte Sabine Schütze. Das komplette Interview hören Sie am Samstag, den 28.04.2012, um 19.32 Uhr bei SWRinfo "Global" - oder als Podcast auf der Umweltseite bei SWRinfo.de [Link].

Stand: 27.04.2012, 12.42 Uhr