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Sie sind noch Kinder, haben allerdings schon mehr Brutalität erfahren als viele Erwachsene in ihrem ganzen Leben: Hunderttausende Minderjährige werden weltweit als Kindersoldaten missbraucht. Darauf haben der Bundestags-Menschenrechtsausschuss und mehrere Kinderrechtsorganisationen anlässlich der weltweiten Aktion "Rote Hand" hingewiesen. Der Konstanzer Professor Thomas Elbert hilft bei der Therapie der Kinder.

Kindersoldat - Maschinengewehr als Elternersatz
Schon im Vorfeld des Aktionstages sammeln Aktivisten weltweit rote Handabdrücke, die das Nein zur Rekrutierung von Kindersoldaten symbolisieren. Bis zu 250.000 Kinder werden nach Angaben der Vereinten Nationen in bewaffneten Konflikten eingesetzt. Viele haben ein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen. Nur mit entsprechenden Therapien kann ihnen geholfen werden.
Gemäß der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ist der Missbrauch von Kindern als Soldaten seit dem 12. Februar 2002 verboten. Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass sich seitdem kaum etwas geändert hat. Immer noch werden hunderttausende Minderjährige als Kindersoldaten eingesetzt.
In einem Camp in Ruanda werden ehemalige Kindersoldaten auf ein neues Leben vorbereitet - in Frieden, ohne Waffen. Auf dem Stundenplan steht Ackerbau und Viehzucht. Unter den Schülern ist der 22-jährige Augustin. Er freut sich in die Schule gehen zu können, erzählt er, aber nachts holen ihn Albträume ein.
"Wir Kinder sind an die Front geschickt worden, um zu kämpfen. Im Krieg ist es normal zu töten. Wenn du das nicht machst, wirst du getötet. Aber die wahren Schuldigen sind meiner Meinung nach die, die nicht an der Front sind, und uns Kindern das Töten beibringen", erzählt der ehemalige Kindersoldat.
Nur Medikamente helfen
Augustin kann nur schlafen, wenn er starke Tabletten eingenommen hat. Der Traumatologe Professor Thomas Elbert von der Universität Konstanz arbeitet mit ehemaligen Kindersoldaten im Kongo, in Uganda, in Somalia, in Afghanistan oder Sri Lanka zusammen. Wie der damals sechsjährige Augustin werden auch dort die Kinder auf bestialische Weise in Armeen zwangsrekrutiert.
"Wenn Sie ein Kind dazu zwingen, jemanden aus dem Dorf oder der Gemeinschaft umzubringen - es muss nicht einmal ein Verwandter sein - dann ist es für dieses Kind unmöglich, wieder dorthin zurückzukehren", erklärt Professor Elbert.
Weg zurück bleibt versperrt
Am "Red-Hand-Day" gibt es öffentliche Proteste, Demonstrationen und andere Aktivitäten. Das Symbol des Aktionstages ist die Rote Hand, die überall in der Welt von vielen Organisationen benutzt wird, um NEIN zu sagen zur Rekrutierung und zum Einsatz von Kindersoldaten.
Auch Augustin konnte nicht mehr zurück. Die Milizen töteten seine Eltern vor den Augen des Jungen. Dann verschleppten sie den gerade mal Sechsjährigen. Nur ein Jahr später schickten ihn die Anführer an die Front - 16 Jahre lang. Er wurde zur Killermaschine ausgebildet an leichten Maschinengewehren - hergestellt in vielen Staaten, auch in Deutschland.
"Mit diesen Gewehren können die Kindersoldaten dann Massentötungen durchführen", erklärt Professor Elbert. Die Kinder hätten nicht die "erlernte" Moral und könnten auch nicht realisieren, was sie damit anrichten.
Waffe als Elternersatz
Die Kinder leben in permanenter Angst vor dem Terror ihrer Anführer und vor Angriffen ihrer Gegner. Der einzige Schutz ist ihre Waffe. "Das Gewehr war mein Elternersatz. Denn es konnte mich beschützen und mich ernähren. Ich musste es benutzen, um zu überleben", sagt Augustin.
Flucht nach Ruanda - Beginn der Trauma-Therapie
Vor Monaten gelang Augustin die Flucht nach Ruanda. Dort erhält er neben Schulunterricht eine Therapie. Anhand eines Seils, das die Lebenslinie des ehemaligen Kindersoldaten symbolisiert, soll Augustin sein Leben beschreiben. Blumen und Steine stehen für markante Erlebnisse, Gedanken, Gefühle.
Augustin legt nur am Anfang und Ende des Seils - seiner Lebenslinie - Blumen: sie stehen für seine Geburt, die Erinnerung an seine Eltern und die Flucht. Der Rest sind nur Steine. Ehemalige Kindersoldaten leiden an Trauma-Folgeerkrankungen. Viele auch daran, dass sie zu grausamen Menschen geworden sind.
Elbert weiß, eine Therapie allein reicht nicht aus, um den jungen Männern wieder Halt zu geben und ein Auskommen zu sichern. Die Rückfallquote ist hoch, denn ihre Dorfgemeinschaften wollen sie häufig nicht mehr aufnehmen. Sie haben Angst.
Therapie und Ausbildung - Tandemprojekt soll weiterhelfen
Deshalb setzt der Trauma-Experte auf ein Tandemprojekt. In Ausbildungsprogrammen sollen die Jugendlichen nach der Therapie auf ein ziviles Leben vorbereitet werden. So könnte die Rückfallquote gesenkt und vor allem Menschenleben gerettet werden, hofft Elbert.
"Es reicht, um die Traumatisierung zu überwinden. Das haben groß angelegte Studien gezeigt", so Professor Elbert. Ob es gelinge, die Personen zu guten Mitgliedern in der Zivilgesellschaft zu machen, das sei Gegenstand seiner Untersuchungen. Erste Auswertungen zeigten, man sei auf einem guten Weg.
Autorin: Susanne Babila / Online: Dimi Triantafillu
Quelle: SWR International
Letzte Änderung am: 08.02.2012, 12.21 Uhr