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Plagiatsaffäre "Es geht um geistigen Diebstahl"

Brachten deutsche Wissenschaftler den Verteidigungsminister am Ende zum Fall? In den vergangenen Tagen hatten sich viele Promovierende und Promovierte über die umstrittene Doktorarbeit zu Guttenbergs erregt. Ihr Vorwurf: Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt.

"Wenn ein Ladendieb eine Tube Haargel geklaut hat und er sie eine Woche später samt Entschuldigung zurückbringt, dann kann man doch davon ausgehen, dass sich die Sache damit nicht erledigt hat", meint Dr. Norman Weiss von Thesis e.V., einem Netzwerk für Promovierende und Promovierte. "Es handelt sich ja weiterhin um Diebstahl. In der Plagiatsaffäre um zu Guttenberg geht es um geistigen Diebstahl." Und auch den könne man nicht einfach aus der Welt schaffen, in dem man das Ganze zurückbringe und sage: Einen Versuch war’s wert, so Weiss. Er äußerte sich im SWR-Gespräch kurz vor dem Rücktritt des Ministers.

Entscheidend ist der Mehrwehrt der Arbeit

Der Tenor bei vielen Promovierten oder gerade Promovierenden ist eindeutig: Sie fürchten um den Ruf ihrer Dissertation, berichtet Weiss. Viele hätten Bedenken, dass die Affäre die Dissertation entwerten oder zumindest in ein schlechtes Licht rücken werde. Karl-Theodor zu Guttenbergs Argumentation, er habe die Übersicht über die Quellenangaben verloren, könne man nicht mit einem einfachen Versehen wegerklären. Es sollen ja auch in der Einleitung und im Fazit nicht gekennzeichnete Zitate anderer Quellen zu finden sein. Das seien aber die Teile einer Dissertation, in denen Zitate nichts zu suchen hätten. Das sollte die absolut originäre Arbeit des Autors sein, sagt Norman Weiss. Und: "Wie will ich ein Fazit eines anderen Autors übernehmen? Das ist in den meisten Fällen ja überhaupt nicht sinnvoll möglich. Vergessenes Zitat hin oder her."

Kein Vorwurf an die Uni Bayreuth
Im vorliegenden Fall wurden auch Texte aus der FAZ oder der NZZ kopiert. "Was mache ich als Doktorvater, wenn ich nicht jeden Tag diese Zeitungen lese? Dann erkenne ich den kopierten Text nicht und wenn es stilistisch passt, fällt es sehr schwer, dieses Plagiat zu entdecken", so Norman Weiss. Auch deshalb setzen mittlerweile viele Universitäten bei Master-, Bachelor- und Diplomarbeiten automatisierte Plagiatserkennungssysteme ein.

Es gehe in der ganzen Affäre – aus wissenschaftlicher Sicht – nicht nur um ein paar vergessene Fußnoten oder Anführungszeichen, so Weiss: "Selbst wenn die Zitate in der Arbeit korrekt gekennzeichnet wären, hätte man sich die Frage stellen müssen: Was bleibt von der Arbeit noch übrig. Wo ist der originäre Wert? Die eigenständige, wissenschaftliche Arbeit, die Erkenntnisgewinn bringt?" Wenn man diese Fragen nicht beantworten könne, weil die Arbeit nur aus Zitaten besteht, gekennzeichnet oder nicht, dann müsse man klar sagen: Es geht nicht um Fußnoten, es geht um den Wert der wissenschaftlichen Arbeit.

Wie wichtig ist Integrität in der Politik? 

Auch dieser Verweis ist Norman Weiss wichtig: Gemeinhin herrsche in Deutschland die Auffassung, dem Träger eines Doktortitels könne man ein besonderes Maß an Kompetenz in seinem Fach und an persönlicher Integrität unterstellen. "Da muss man natürlich fragen, inwieweit das Amt des Verteidigungsministers nur ein politischer Posten ist", folgert Norman Weiss. "Und die Frage, ob dieses Maß an Integrität durch eine plagiierte Doktorarbeit nun zerstört wird oder nicht, diese Frage muss man sich, Fußnote hin oder her, stellen."

Doris Bimmer

Letzte Änderung am: 11.05.2011, 10.18 Uhr

Thesis e.V. Logo Fragen an Dr. Norman Weiss von Thesis e.V.

Der Verein "Thesis" ist nach eigenen Angaben das einzige Netzwerk für den wissenschaftlichen Nachwuchs mit rund 650 Mitgliedern im In- und Ausland. Und für "alle, die sich an das Abenteuer Promotion gewagt haben". SWR cont.ra sprach mit Norman Weiss wenige Tage vor zu Guttenbergs Rücktritt.

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