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Karl-Theodor zu Guttenberg steht in der Defensive. Doch trotz der Plagiatsvorwürfe sind 73 Prozent der Deutschen laut einer ARD-Umfrage mit der politischen Arbeit des Verteidigungsministers zufrieden. Nach Meinung von SWR-Hauptstadt-Korrespondent Mark Kleber schadet zu Guttenberg der Demokratie.
Fußnoten? Quellenangaben? Zitate? Darum geht es schon längst nicht mehr. Dass die Internetgemeinde inzwischen auf fast 290 Seiten der Doktorarbeit Plagiate entdeckt hat - geschenkt. Entscheidend ist, wie Karl Theodor zu Guttenberg damit umgeht. Und das macht mich sprachlos, denn der CSU-Politiker und Verteidigungsminister verspielt dabei viel mehr als nur seine eigene Glaubwürdigkeit. Er läuft Gefahr der Demokratie zu schaden, indem er grundlegende Werte verdreht. Zu hören war das sehr genau bei seiner Rede im hessischen Kelkheim. Guttenbergs Strategie finde ich erschütternd.
Schritt Eins: Zunächst inszeniert er sich als reumütigen Sünder, der nicht etwa von sich selbst Schaden abwenden will, sondern von anderen, von der Universität Bayreuth etwa. Edle Motive also. Guttenberg nimmt damit, von einem Nebensatz zum anderen, für sich moralische Überlegenheit in Anspruch. Danach die nächste rhetorische Finte: Diesen Maßstab, so seine Forderung, müssten nun auch die Medien anlegen, die ihn in den letzten Tagen so kritisiert hätten. Für etwas, was eigentlich doch privat sei, wie Guttenberg beiläufig fallen lässt. Im Klartext: Nicht die Doktorarbeit selbst, die Berichte darüber sind für ihn das Problem. Der dritte Schritt ist nur konsequent: Nicht er, sondern die Presse habe ein moralisches Problem. Es ist deshalb kein Zufall, dass Guttenberg in seiner Rede sich indirekt mit Thilo Sarrazin verglich. Indem er sich als Opfer der Medien stilisiert, nutzt Guttenberg die gleichen populistischen Mechanismen. Er scheut nicht einmal davor zurück, sich auf den Tod von drei Bundeswehrsoldaten zu berufen, um anderen vorzuwerfen, sie verschöben die Maßstäbe.
Auf diese Weise aber wertet Guttenberg grundlegende Werte um: Wenn man zugibt, was nicht mehr zu leugnen ist, soll das Glaubwürdigkeit sein. Moral ist, was man selbst dazu erklärt. Und Pressefreiheit wird zum Medienmob. Selbst seine eigenen Maßstäbe verdreht Guttenberg: Bisher legte er so großen Wert darauf, als ganze Persönlichkeit glaubwürdig zu sein. Plötzlich lässt sich Guttenberg aufteilen in den Politiker und in den Doktoranden. Und statt echter Erklärungen, wie es zu so vielen Plagiaten kommen konnte, menschelt es nur, möglichst volksnah.
Stimmt schon, an dieser Situation haben die Medien durchaus Schuld. Aber nicht weil sie jetzt kritisch nachfragen, sondern weil viele das Image mitgeschaffen haben, das Guttenberg jetzt zu retten versucht. Mehr als eine Fußnote ist da für mich die Richtschnur von Immanuel Kant, Zitat: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Die Chance dazu hat Guttenberg verpasst. Ich hoffe nur, dass seine Maßstäbe sich nicht durchsetzen.
Andreas Böhnisch
Letzte Änderung am: 22.02.2011, 17.04 Uhr