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Wissenschaftler können zwar den exakten Weg eines Wirbelsturms prognostizieren und mit modernen Messgeräten vor einem Tsunami warnen. Doch warum tun sich die Forscher mit der Vorhersage von Erdbeben immer noch so schwer?
In Neuseeland sind Erdbeben nichts Ungewöhnliches. Jedes Jahr bebt die Erde mehr als 14.000 mal, nur etwa 150 sind aber tatsächlich spürbar. Der jüngste Erdstoß vom Dienstag hatte die Stärke 6,3 und es war bereits der zweite größere in Christchurch innerhalb von fünf Monaten. Neuseeland liegt im pazifischen Feuergürtel, auch Ring aus Feuer genannt, einer Zone reger Vulkantätigkeit. Ähnlich wie Haiti. Hier kam es vor gut einem Jahr zu einem folgenschweren Erdbeben. Seismologen hatten schon 2008 vor einem schrecklichen Beben gewarnt - das irgendwann in den nächsten Jahren Haiti heimsuchen würde. Aber kein Mensch war in der Lage, den genauen Zeitpunkt vorherzusagen.
Die Erdoberfläche ist ein Mosaik aus vielen Kontinentalplatten, die in verschiedene Richtungen driften. Erdbeben entstehen vor allem dort, wo diese Platten aneinander stoßen und sich ein Druck aufbaut, der sich dann plötzlich entlädt. Wann genau, kann die Wissenschaft zwar auch im 21. Jahrhundert noch nicht vorhersagen, aber immerhin erkennt sie manchmal "Symptome" unmittelbar vor dem Ausbruch. SWR-Wissenschaftsredakteur Gabor Paal nennt als Beispiele Vorbeben oder aus der Erde austretende Gase wie Radon. Paal kennt keinen Forscher, der die Katastrophe in Haiti "auf den Tag genau" vorhergesagt hätte.
Tiere als Erdbeben-"Sensoren": In China konnte die Bevölkerung 1975 rechtzeitig gewarnt werden, weil viele Tiere plötzlich das Weite suchten. Doch ein Jahr später gab es dort wieder ein schweres Beben - ohne vorherige "Symptome"
Zumal die Wissenschaft auch in viel besser erforschten Regionen im Dunkeln tappt: So wurde vor sieben Jahren Kalifornien von einem Beben erschüttert. In keiner anderen Gegend der Welt verfügen die Seismologen über so viele Daten aus dem Erduntergrund. Doch auch dieses Naturereignis hat die Forscher überrascht: "Es gab keine Vorbeben, kein Austreten von Gas und keine Tiere, die weggelaufen sind", sagt Gabor Paal.

Gábor Paál
Auch bestimmte Wolkenformationen und Lichteffekte werden manchmal vor Beben beobachtet. Möglicherweise besteht da tatsächlich ein Zusammenhang, erklärt der SWR-Wissenschaftsredakteur: "Man weiß zum Beispiel, dass sich die elektrische Leitfähigkeit in Gesteinen verändern kann. Wenn Gesteine im Untergrund Wasser enthalten und unter großen Druck geraten, dann können dort elektrische Felder entstehen. Dadurch gelangen elektrisch geladene Teilchen in die Atmosphäre, wo sie möglicherweise Lichteffekte erzeugen, auf die Gehirne von Tieren einwirken oder die Bildung von Wolken beeinflussen. Aber das sind alles Hypothesen, die noch nicht dazu geführt haben, dass Forscher eine verlässliche Vorhersage erstellen können."
Die USA setzen mittlerweile auf eine neue Methode und nehmen Tiefenbohrungen im Erdbebengebiet an der San-Andreas-Spalte vor. Doch auch hier macht Gabor Paal keine Hoffnung auf schnelle Ergebnisse: "Einzelne Bohrungen liefern immer nur eine punktuelle Information über die Verhältnisse im Untergrund. Die Spannungen, die am Ende zu einem Beben führen, verteilen sich dagegen über Hunderte von Kilometern. Außerdem herrschen an jedem Ort andere Gesteinsverhältnisse. Da ist es schwierig, einheitliche Schwellenwerte zu ermitteln, aus denen man ableiten kann: Jetzt wird es kritisch." Immerhin gibt es inzwischen verlässliche Frühwarnsysteme. Diese informieren die Bevölkerung, sobald das Beben ausgelöst wird. Für viele Menschen ist es dann jedoch schon zu spät.
Irrwege der Erdbebenforschung
| 6. Jhd. v. Chr. | Der Naturphilosoph Thales von Milet glaubt: Die Erde schwimmt wie ein schaukelndes Schiff auf dem Wasser. Bei unruhigem Wasser kommt es zu einem Erdbeben. |
| 4. Jhd. v. Chr. | Aristoteles vermutet, dass die Wärme von Sonne und Erdinnerem die Erde so aufheizen, dass unterirdische Stürme entstehen. Diese erschüttern den Untergrund mit seinen zahllosen Aushöhlungen. |
| 18. Jhd. n. Chr. | Der deutsche Universalgelehrte Leibniz macht plötzlich ausbrechende Feuerherde in Erdhöhlen für Beben verantwortlich. Andere Forscher raten, einen "Bebenableiter" zu entwickeln, da elektrische Entladungen im Untergrund die Naturkatastrophen auslösen. |
| 19. Jhd. n. Chr. | Immer mehr Wissenschaftler nehmen die Erdkruste ins Visier. Manche glauben, die Kruste schrumpft und bricht dann an bestimmten Stellen. Andere vermuten, dass sich die Erde ausdehnt und deshalb die Kruste bricht. |
| 1912 n. Chr. | Der deutsche Geowissenschaftler Alfred Wegener liefert die entscheidende Theorie, wonach die Kontinente auf Platten liegen, die sich bewegen. |
Andreas Braun, Gabor Paal (SWR-Wissenschaftsredaktion)
Letzte Änderung am: 23.02.2011, 10.37 Uhr