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Neuer Sarkophag für Tschernobyl-Ruine eingeweiht Reaktor nun mit Koblenzer Hilfe geschützt

Mehr als 30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl ist eine gewaltige Stahlhaube eingeweiht worden. Sie soll die Ruine des Reaktors schützen. In der Haube steckt viel Arbeit einer Koblenzer Firma.

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2:09 min | Di, 29.11.2016 | 18:00 Uhr | SWR Fernsehen RP

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Koblenz

Kalzip schützt in Tschernobyl

Eine gewaltige Stahlhaube schützt ab sofort die Atomruine in Tschernobyl. Ein wesentlicher Teil des gigantischen Schutzdachs stammt von einer kleinen Firma aus Koblenz. Sie lieferte die Außen- und Innenhaut der Haube.

Wie ein gigantischer Käfer war die neue Schutzhülle seit Tagen auf die Atomruine in der Ukraine zugewandert. Ein System aus Spezialschienen und Hydraulik schob das größte bewegliche Bauwerk der Welt über den 1986 havarierten Reaktor. Am Dienstag erreichte die mehr als 36.000 Tonnen schwere Konstruktion ihre endgültige Position. Die neue Hülle wurde bei einem Festakt vom ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko dem Betrieb übergeben. "Das ist die größte bewegliche Konstruktion, die jemals von der Menschheit gebaut wurde", sagte er. Der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak sprach von einem historischen Moment. "Dank dieser Konstruktion wird der Katastrophenort sicher."

100 Jahre lang soll die High-Tech-Decke den Austritt radioaktiver Strahlen verhindern sowie vor Umwelteinflüssen wie Nässe schützen. Die Hülle ergänzt einen Betonsarkophag, der von der Sowjetunion nach dem Super-Gau am 26. April 1986 eilig errichtet worden war und mittlerweile brüchig ist. Mehr als 40 Geber-Länder haben das etwa zwei Milliarden Euro teure Projekt finanziert.

Kalzip sorgt für eine Spezialschicht

Ein wesentlicher Teil des gigantischen Schutzdachs stammt von einer kleinen Firma aus Koblenz. Sie lieferte die Außen- und Innenhaut der Haube. "Wir sind stolz, dass wir bei etwas mitgearbeitet haben, das den Planeten ein bisschen sicherer macht", sagt der Export-Vertriebsleiter der Kalzip GmbH in Koblenz, Christoph Schmidt.

Beim Dach- und Fassadensystem-Hersteller Kalzip werden Metallprofile inspiziert.

Stolz auf das Projekt: Kalzip-Geschäftsführer Jörg Schwall (l.) und Export-Vertriebsleiter Christoph Schmidt

Kalzip hat 160.000 Quadratmeter dünner Außen- und Innenhaut für den gewaltigen Schutzbogen von 110 Metern Höhe, 165 Metern Länge und 257 Metern Breite geliefert. Geschäftsführer Jörg Schwall erklärt: "Wir sind Weltmarktführer für Aluminium-Stehfalz-Eindeckungen." Damit verkleidet die Firma Fassaden und Dächer. Bei Tschernobyl hat sie allerdings ausnahmsweise hitzebeständigeres Edelstahl verwendet.

Weitere Firma aus dem Land dabei

In geringerem Maße dort beteiligt ist noch eine andere Firma aus dem Land: Skylotec, ein Neuwieder Hersteller von Absturzsicherungen für die Arbeiter. Auch der Schraubenproduzent EJOT im nordrhein-westfälischen Bad Berleburg ist mit von der Partie und hat laut einem Sprecher drei Millionen Schrauben geliefert.

Für Kalzip ist es einer der beiden größten Aufträge der 1968 begonnenen Firmengeschichte, mit einem Volumen "in kleinerer zweistelliger Millionenhöhe", wie Geschäftsführer Schwall sagt. Seit 2005 gehört Kalzip zur indischen Tata-Gruppe, die auch die Automarken Jaguar und Land Rover übernommen hat. Kalzip beschäftigt 300 Mitarbeiter.

Zunächst Bedenken wegen der Strahlengefahr

Baustelle an der Hülle für den Atomreaktor

Ein Metallgerüst, auf das mit mehr als einer halben Million Bolzen eine Doppelwand aus Edelstahlplatten fixiert wurde

"Erst hatte das Projekt Tschernobyl keine große Lobby bei uns," so Vertriebsleiter Schmidt. Doch dann habe die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit Bedenken ausgeräumt. Schwall versichert: "Beim Röntgen beim Arzt hier in Deutschland bekommt man eine höhere Strahlendosis." Rund 20 Kalzip-Mitarbeiter meldeten sich schließlich freiwillig für den Einsatz in der Ukraine mit einer Erschwerniszulage. Geschützt von einer riesigen, zwei Meter dicken Betonbodenplatte verlegten sie vor Ort in drei Jahren 0,6 Millimeter dünne Edelstahlpaneele, durchschnittlich 100 Quadratmeter pro Tag, insgesamt rund 1.200 Tonnen.

Doch der gefährlichere Teil der Sanierung steht erst noch bevor. In einem ersten Schritt muss unter der mächtigen Stahlglocke der bisherige Sarkophag abgebaut werden. Experten vermuten in dem explodierten Reaktor noch etwa 200 Tonnen Uran, dessen Radioaktivität für Menschen tödlich ist. Für die Räumung gibt es bisher weder Geld, noch ein Konzept. Die endgültige Sanierung der strahlenden Ruine beginnt also vermutlich erst irgendwann in ferner Zukunft.

Tschernobyl und der neue Sarkophag

22.11.2016, WDR Fernsehen

Der sogenannte Sarkophag besteht aus zwei Hälften, die zu einem fast 30.000 Tonnen schweren Hallenkonstrukt zusammengeschoben wurden. Aufgebaut wurden die Hallenhälften ein paar hundert Meter abseits der Strahlenruine auf einer extra dafür gegossenen zwei Meter dicken Betonplatte und damit auf strahlungsarmem Untergrund. Die Hallenwand ist ein Metallgerüst, auf das mit mehr als einer halben Million Bolzen eine Doppelwand aus Edelstahlplatten fixiert wurde. Im Zwischenraum der Doppelwand sind Kunststoffmembranen und Isolationsstoffe. Diese "Sandwich"-Wand muss computergesteuert belüftet werden, damit sich an keiner Stelle in ihrem Innern Kondenswasser bildet und Rost das Metallgerüst zersetzt. Die Halle ist luftdicht. Spezielles Silikon dichtet die Fugen ab. Im Innern der luftdichten Halle herrscht Unterdruck. Wie in einem riesigen Sicherheitslabor soll der verminderte Druck im Innern dafür sorgen, dass auch im Fall eines kleinen Lecks die kontaminierte Innenluft nicht ins Freie gedrückt wird, sondern nur Frischluft von außen eingesogen wird.

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