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Kulturgespräch 29.5.2013 Vom Flakhelfer zum führenden Demokraten

Malte Herwig über seine publizierten Forschungen über die Nachkriegselite und ihre Nazivergangenheit

„Davon haben wir nichts gewusst.“ So hieß die Studie eines Historikers aus dem Jahr 2006. Davon habe ich nichts gewusst, hätte wohl auch der deutsche Fernsehkommissar Derrick alias Horst Tappert gesagt. Dass er Mitglied der Waffen-SS war, kam erst jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, heraus. Bundesdeutsche Politiker und Intellektuelle, die von ihrem Beitritt als Jugendliche in die NSDAP nichts gewusst haben wollen, gibt es viele -  Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Walter Jens oder Hans-Dietrich Genscher. Der Publizist Malte Herwig bezeichnet die Behauptung der Unwissenheit als Mythos. Er stellt morgen in Berlin sein neues Buch „Die Flakhelfer – Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden" vor.

Ein ausgedruckter Scan der Zentralkarteikarte der Wehrmachtauskunftstelle des Schauspielers Horst Tappert

Ausgedruckter Scan der Zentralkarteikarte der Wehrmachtauskunftstelle von Horst Tappert

Herr Herwig, Sie sagen, Ihnen geht es nicht um Skandalisierung. Im Rahmen Ihrer Recherchen haben Sie aber sehr wohl einen Skandal aufgedeckt. Nämlich dass die bundesdeutschen Regierungen die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang daran hinderten, Unterlagen, aus denen NSDAP-Parteimitgliedschaften zu entnehmen waren, an die BRD zu übergeben.

Richtig. Ich wollte nicht als Ankläger von Personen auftreten, die in einer Diktatur aufgewachsen und indoktriniert worden sind und dann mit siebzehn in die herrschende Partei eingetreten sind. Das möchte ich moralisch gar nicht beurteilen. Was ich allerdings nicht akzeptiere, ist, mich für dumm verkaufen zu lassen. Diese Ausreden, dass man ohne eigenes Wissen in die Partei kommen konnte oder eben auch, dass die Rückgabe dieser Kartei jahrzehntelang von den Amerikanern angeblich verhindert wurde oder an technischen Problemen scheiterte. Das wurde ja immer wieder von deutscher Seite behauptet. In Wirklichkeit hat die Bundesregierung, wie ich herausgefunden habe, unter Federführung des Auswärtigen Amtes - viele Jahre unter Hans-Dietrich Genscher - alles getan, um die Rückgabe dieser Kartei an Deutschland zu verhindern. Und warum? In Bonn wusste man: Das ist die Büchse der Pandora. Und bei den Amerikanern war sie sicher. Die haben keine Journalisten, keine Historiker an die Personenakten gelassen.

Was waren das für Personenakten?

Das war zum Beispiel die NSDAP-Mitgliedskarte von Hans-Dietrich Genscher. Dessen Ministerium noch im Februar 1990 die amerikanische Regierung aufgefordert hat zu sagen: „Wir können Euch die Kartei noch nicht zurückgeben“. Obwohl die Amerikaner das schon seit Jahrzehnten wollten.

Haben Sie denn im Zuge Ihrer Recherchen auch mit einzelnen der führenden Demokraten, wie Sie sie in Ihrem Buchtitel nennen, gesprochen? Darüber, wie sie sich heute damit fühlen, dass sie versucht haben, diese Daten zurückzuhalten - und ja auch erfolgreich damit waren?

Das habe ich natürlich in jedem einzelnen Fall versucht, und in den meisten ist es mir auch gelungen. Ich habe mit Martin Walser, Günter Grass, Hans-Dietrich Genscher, Dieter Wellershoff und vielen anderen gesprochen. Das waren oft lange, intensivste Gespräche, die drei, vier Stunden lang dauerten und in denen wir um die Erinnerung der Betroffenen kreisten. Es gibt von Nietzsche einen schönen Spruch: „„Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis. „Das kann ich nicht getan haben“, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach.“ Ich halte sowas für durchaus möglich.

Dass man so lange verdrängt, bis man tatsächlich vergisst.

Bis man tatsächlich glaubt, dass man es nie getan haben kann. Und wenn Sie sich anschauen, wie sich viele der Betroffenen auch in der Öffentlichkeit geäußert haben, dann haben Sie tatsächlich das Gefühl, dass da so eine Spaltung vorliegt. Und viele sind ja immer wieder drum rum gekreist. Künstler zum Beispiel. Hans Werner Henze hat noch in den frühen 90er Jahren ein Requiem komponiert, in dem er die NS-Zeit wieder aufleben lässt. Er hat großartige Memoiren geschrieben. Wenn Sie die heute lesen, mit dem Wissen im Hinterkopf, dass er in die NSDAP eingetreten ist, dann wird Ihnen mancher Satz und manche Andeutung viel klarer. Das gleiche gilt für Günter Grass‘ „Die Hundejahre“ oder „Im Krebsgang“. Und auch für Martin Walsers „Ein springender Brunnen“. Wenn Sie jetzt wissen, welches Moment der Verdrängung dahintersteckte, dann sehen Sie auch, was für einen Impetus zur Sublimation diese künstlerischen Biografien geprägt hat.

Sie sprechen unter anderem von der Angst vor moralischer Inhaftnahme, auf die Sie gestoßen seien.

Ja. Das habe ich oft erlebt. Die Menschen haben Angst, wenn ihnen das Etikett NSDAP angehängt wird. Hilmar Hoffmann zum Beispiel sagte zu mir: „Dann kann ich mir ja gleich einen Strick nehmen“. Das macht einem bewusst, was für ein Stigma das heute ist. Und ich glaube, je weiter das Dritte Reich zurückliegt, desto schlimmer wird dieses Stigma.

Noch mal zu Hans-Dietrich Genscher. Was hat er darüber gesagt, was seine Motivation war, alles zu tun, damit diese Akten von den Amerikanern nicht ausgehändigt werden?

Dazu hat er gar nichts gesagt. Und ich kann Ihnen auch sagen, wie es dazu gekommen ist. Nach eineinhalb Jahren habe ich es geschafft, bei Herrn Genscher einen Termin zu bekommen. Als ich dann in seinem Haus bei Bad Godesberg schließlich auf seine NSDAP-Mitgliedschaft zu sprechen kam, wurde er recht ungehalten und beendete das Gespräch dann relativ schnell. Interessanterweise habe ich jetzt erfahren, dass nachdem der „Spiegel“ die Vorabmeldung zu meinem Buch brachte, Herr Genscher dort anrief und sich beschwerte, er habe mich nie getroffen. Offensichtlich liegt ihm das Leugnen immer noch.

Wie ist Ihre persönliche Haltung denjenigen gegenüber, die Sie interviewt haben, mit denen Sie gesprochen haben. Empfinden Sie für Männer wie Erhard Eppler, Günter Grass oder Martin Walser so etwas wie Empathie?

Ich glaube, Empathie ist immer eine wichtige Voraussetzung, wenn man Geschichte, wenn man Biografien verstehen will. Sie müssen versuchen, sich in die Situation eines solchen Menschen hinein zu fühlen. Mir ging es immer darum, die Wahrheit der Zeitzeugen nicht unter zu bewerten. Wir können nicht von der Warte unseres heutigen Wissens aus zum Beispiel darüber urteilen, wie viel man damals auf jeden Fall über Ausschwitz hätte wissen müssen. Ich habe großen Respekt davor, was diese Menschen, die im Dritten Reich aufgewachsen und indoktriniert wurden, nach 1945 aus sich gemacht haben. Das ist eine große Leistung. Es ging nämlich gegen diesen inneren Kern, diese Indoktrination mit der NS-Ideologie, die man nicht unterschätzen darf. Ich glaube, diese Verdrängung des letzten unrühmlichen Details, des Stigmas - bei Grass die Waffen-SS-Mitgliedschaft, bei Walser die NSDAP-Mitgliedschaft - war der Preis, dass sie es geschafft haben, sich ein neues demokratisches Leben aufzubauen und sich im Dienst der Demokratie auch sehr zu engagieren. Ich hätte statt des etwas prosaischen Titels das Buch lieber „Die Engagierten“ genannt. Sie wurden mal engagiert für die NSDAP. Nach '45 haben sie gelernt, sich selber zu engagieren - und das um den Preis der Verdrängung. Aber ich glaube, das ist ein Mechanismus, den man ganz gut nachvollziehen kann. Es gibt diese in Deutschland etwas klischeehafte Formulierung: Gegen das Vergessen anschreiben. Damit ist natürlich immer das Vergessen der anderen gemeint. Wir haben hier mit Grass und Walser einen ganz interessanten Fall. Denn das sind Leute, die gegen das Vergessen anschreiben und zwar gegen das eigene Vergessen. Das fand ich faszinierend und deswegen so wichtig.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Publizisten Malte Herwig führte Doris Maull am 29.5.2013 um 7.45 Uhr.

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