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Die Zukunft des Lesens ist das Nicht-Lesen Neue Medien, neue Literatur?

Die Litflow-Konferenz in Berlin will in die Zukunft blicken. Sie tut das mit Kurzvorträgen von Menschen aus Deutschland und den USA, die sich mit Büchern beschäftigen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Das Publikum fläzt sich auf Holztribünen, fast jeder hat einen Bildschirm vor sich, seinen Laptop oder ein Tablet. Oder zumindest ein gutes altes Notizbuch. Welche kreativen Möglichkeiten bieten die neuen Medien für Autoren, Leser und den Literaturbetrieb?

Wenn man Feuilleton liest oder wenn man die einschlägigen Branchenblätter liest, ist ja jetzt immer von der Krise die Rede, Krise der Verlage, Krise der Autoren, Krise des alten Literaturmodells. Aber es ist eine Boomzeit, vielmehr - weil man nur ins Netz schauen muss oder ums Netz herum schauen muss, um zu sehen, dass es wirklich tausend interessante Projekte gibt, von Leuten, die jetzt was ganz Neues ausprobieren.

Der Blick in die Zukunft basiert auf einer Gegenwart, die schon voll ist mit Texten, die nicht mehr nur zwischen zwei Buchdeckeln schlummern. Die E-Books – in Amerika schon auf dem Vormarsch, in Deutschland lange Zeit misstrauisch beäugt – kommen langsam hier an. Der Onlineversandhändler Libri zum Beispiel hat 2012 seinen E-Book-Handel im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht und verkaufte damit im Gesamtjahr sogar mehr elektronische als gedruckte Bücher.
Und im Internet gibt es einfache digitale Werkzeuge, mit denen jeder sein eigenes E-Book veröffentlichen und vertreiben kann.

Die Zukunft des Schreibens ist das Zeigen

Autoren haben heute viel mehr Möglichkeiten, ihre Texte zu veröffentlichen. Sie werden bestärkt, auf verschiedene Art und Weise. Noch vor fünf oder zehn Jahren war der einzige Weg zur Veröffentlichung über den traditionellen Verlag. Aber jetzt, wo es viel mehr Möglichkeiten gibt, müssen die Verlage aus der Deckung kommen und sagen: Hey, wir sind tatsächlich wichtig, wir bieten etwas. Wir sind keine Tyrannen, wir sind nicht geldgierig. Sie müssen sich verteidigen. - Noch vor fünf Jahren hätten Verlage niemals erklären müssen, warum ihre Existenz für Autoren wichtig ist.

Die Texte fangen an zu fließen, zwischen den Geräten, sie werden beweglicher, sie werden kommentiert, sie werden verschickt. Sie werden aufgenommen, sie werden bearbeitet, das ist ein ganz neuer Fluss, den die Literaturkultur so bisher noch nicht erlebt hat und den man jetzt in den Mittelpunkt stellt.

Die Fußnote wird zum ausgestreckten Arm

Ein Beispiel. Im Grunde ist es die Neuerfindung der Fußnote, ganz wörtlich, weil es eine Notiz darüber ist, wohin man gehen soll. Aber ganz einfache Dinge können sehr komplizierte Folgen haben. Mit dem Geotaggen von Buchkapiteln würde man nicht einfach einen Ort und ein Buch verbinden, darüber hinaus gibt es sehr viele semantische Beziehungen zwischen einem Text und einem Ort. Eine davon wäre zum Beispiel die naheliegende Idee des Reiseführers. Du fährst an einen Ort, Neuschwanstein, und du willst mehr darüber wissen, du weißt nicht, was du dazu lesen sollst, aber du kannst dir ganz einfach Informationen besorgen.

Experimente mit Geotagging gibt es im Augenblick vor allem im Radio. Mit dem Smartphone durchwandert man ein bestimmtes Gebiet. Erreicht man bestimmte Koordinaten, startet automatisch ein Audiofile mit einem zum Ort passenden Hörfunk-Text.
Für Bücher, die mit geotagging versehen werden, gäbe es unzählige Möglichkeiten. Hilmar Schmundt macht es am Beispiel von Alfred Döblins „Berlin. Alexanderplatz“ deutlich, dessen Kapitel den Originalschauplätzen zugeordnet werden könnten. Wandert man dann durch Berlin, erscheinen die entsprechenden Kapitel auf dem Smartphone oder einem anderen digitalen Lesegerät. Oder andersherum: Man liest das Buch und es schlägt einem Orte vor, an die man gehen könnte.

Poesie in 140 Zeichen

In vielen sozialen Netzwerken schlummert Leser- und Schreibpotential. Darum suchen etablierte Verlage neue Wege, um die Social Networks für die Vermarktung ihrer Buchprojekte zu nutzen. Auf der Litflow-Konferenz ist zum Beispiel Bastei Lübbe zu Gast, ein Verlag, der vor allem für Heftromane und Unterhaltungsliteratur bekannt ist, von leichten Romanzen bis zu Science-Fiction. Bastei hat 2012 die 12teilige E-Book-Serie „coffeeshop“ gestartet. Die Autorin Gerlis Zillgens erzählt darin die Geschichte der Sachensucherin Sandra, deren Schaltzentrale ein Berliner Cafe ist.

Zusätzlich zu den Romanfolgen haben alle Hauptfiguren ein eigenes facebook-Profil. Ihre Nachrichten auf facebook – die sogenannten Statusmeldungen - tauchen dann wieder im Roman auf. Das junge Litflow-Publikum reagiert auf die Idee des Verlags kritisch und lacht ironisch über die Ausführungen zu den Figuren Sandra, Klaudi und Captain. Die Innovation des ganzen scheint sich den meisten nicht zu erschließen – und social-media-Marketing erntet nicht viel Sympathie.

Schmierereien erwünscht

Bob Stein, der Direktor des „Institute for the future of book“, stellt etwas vor, das es zwar schon gibt, das aber gleichzeitig viel Potential für zukünftige Leserinnen und Leser enthält. Er nennt es „social reading“. Er veröffentlichte dafür zusammen mit McKenzie Wark ein Buch im Internet, das noch keinen Verlag gefunden hatte, um etwas auszuprobieren. Der Text wurde mit einer Spalte am Rand veröffentlicht, in der Leute sich unterhalten konnten. Wie in einem Blog, nur dass dort die Kommentare unten drunter stattfinden.

E-Book

E-Book

Eine Stunde später begann bereits die erste rege Diskussion. Plötzlich hatten Bob und Mark die gesamte Hierarchie des Gedruckten, die so tief in unserer Tradition verwurzelt ist: dass der Autor oben ist und der Leser unten und dass die Weisheit nur in diese Richtung fließt, verlassen und aufgebrochen. Mittlerweile hat das „Institute for the future of book“ die Plattform „socialbook“ eingerichtet. Hier kann sich jeder diskussionswillige Leser ein Konto anlegen und Bücher kommentieren. Wenn man ein Buch öffnet, kann man angeben, ob man es allein oder mit anderen zusammen lesen will.

Die Zukunft des Schreibens ist das Nicht-Schreiben

Kenneth Goldsmith spricht über seinen Kernpunkt: das unkreative Schreiben. Das lehrt er an der Universität von Pennsylvania. Unkreatives Schreiben, sagt Goldsmith, ist die Reaktion eines Dichters auf das Digitale Zeitalter. Einem Zeitalter, in dem fast jeder Text online verfügbar ist, in dem alles kopiert, neu kombiniert und formatiert werden kann. Der Autor wird zum Informationsmanager.

Über die literarische Qualität der Texte, die durch „unkreatives Schreiben“ entstehen, kann man durchaus diskutieren. Aber um gute Literatur geht es den Schreibenden nicht. Es geht um Konzepte. Und die gehen sogar so weit, dass die Autoren gar nicht mehr schreiben, sondern programmieren. Die Künstlergruppe Traumawien zum Beispiel entwarf für ein Projekt so genannten Bots, kleine automatisierte Programme, die die Videoplattform YouTube abtasteten und aus den Kommentaren Theaterstücke zusammenstellte.

Die digitale Literatur hat bislang keine besonders erfolgreiche Geschichte

Nur eine Gruppe fehlt auf der Litflow-Konferenz: die Leserinnen und Leser. Die digitale Literatur hat bislang keine besonders erfolgreiche Geschichte. Ende der 90er Jahre, mit der Ankunft des worldwideweb in den Wohnzimmern, gab es eine erste euphorische Welle der Hypertextliteratur. Eine Literatur, die online steht, die über Links und nicht über Umblättern funktioniert. Nicht-linear, ein bisschen interaktiv, ein bisschen animiert, vielleicht. Die Hypertextliteratur verebbte aber nach wenigen Jahren wieder – weil kaum jemand sie lesen wollte.
Im Grunde ist digitale Literatur ein Widerspruch in sich, der schon wieder von der Literatur weg führt, denn wenn es nur Texte sind, die digitalisiert sind, also die einfach nur im Computer erscheinen oder im Internet präsentiert werden, dann kann man das auch einfach nur als digitalisierte Literatur bezeichnen. Aber entwickeln sich durch das Internet tatsächlich neue Kulturtechniken für das Lesen und Schreiben?

Der Feind der Literatur lauert überall

Ein Bildschirm ist auch eine feindliche Umgebung, eine für den Text feindliche Umgebung, weil man, wenn man online ist, natürlich jederzeit die ganzen Ablenkungen hat, die das Internet zur Verfügung stellt. Man kann jedes Wort bei Wikipedia nachschlagen oder sich übersetzen lassen, die tags und thematischen Wolken dazu ansehen. Oder einfach auf Youtube nachgucken. Und wenn man dann nach einer Stunde zurückkommt zum Text, dann dauert es vielleicht nicht länger als fünf oder zehn Minuten, bis man ein facebook-update bekommt, und wieder aus dem Lesen herausgerissen wird.

Das Lesen ist also verloren

Während die Litflow-Bewegung also eine radikal positive Einstellung vertritt und mit einem Lächeln in die Zukunft schaut, kann man auch die Ansicht vertreten, dass mit Texten eher gespielt wird, als dass sie gelesen werden oder dass das Deep Reading verloren geht, im powerbrowsing von einem Textsegment zum nächsten. Dann muss man die Frage natürlich stellen, was geht verloren, wenn die Kulturtechnik des konzentrierten Lesens nicht mehr da ist. So käme man zu einem künftigen Leser, der gar nicht mehr liest, sondern nur noch teilt, was er liest, was dann euphemistisch als social reading bezeichnet wird, aber nichts anderes ist, als die Vermeidung des Lesens durch das Reden über das Lesen.

Doch egal, wo man hinsieht: Alle lesen immer noch Bücher. Alle nehmen immer noch das gute alte gedruckte Buch in die Hand, auch wenn viele, vor allem die Jüngeren, mittlerweile mehrgleisig fahren. Und auch in gewisser Weise mehrgleisig denken: Digital und Analog. Im Buch und ums Buch herum. Aber alle lesen noch Bücher – das klingt wie die letzte Pointe der Litflow-Konferenz.

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