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Der Polizistenmord von Heilbronn Die vielen Zufälle im Mordfall Kiesewetter

2007 wurde die Polizistin Michele Kiesewetter in ihrem Dienstwagen in Heilbronn erschossen. Der Mord wird dem NSU zugeordnet. Doch noch immer gibt es viele offene Fragen und zahlreiche Ungereimtheiten.

Foto von Michèle Kiesewetter

Acht Jahre danach ist der Mord an Michèle Kieswetter noch immer nicht aufgeklärt (Archivbild)

Michèle Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. hatten sich freiwillig für den Routineeinsatz "Sichere City" am 25. April 2007 gemeldet. Kurz vor 14.00 Uhr parkten sie ihren Streifenwagen im Schatten einer alten Pumpstation auf der als Festplatz bekannten Theresienwiese. Als sich die Täter von hinten an den Dienstwagen anschlichen, waren die beiden Beamten der Böblinger Bereitschaftspolizei chancenlos. Michèle Kiesewetter wurde mit einem Kopfschuss getötet, sie starb noch am Tatort. Ihr Kollege, der ebenfalls angeschossen wurde, überlebte schwer verletzt.

Ermittlungspannen und Versäumnisse

Viereinhalb Jahre blieb der Mord an der Polizistin ein Rätsel. Zunächst gerieten Schausteller, die auf der Theresienwiese campierten, ins Visier der Ermittler. Dann jagten sie zwei Jahre lang einer DNA-Spur vom Tatort nach - bis sich das "Phantom von Heilbronn" als Mitarbeiterin der Wattestäbchenfirma herausstellte, die besagte Stäbchen mit ihrer DNA kontaminiert hatte.

In der Zwischenzeit wurden mögliche andere Spuren nicht weiter verfolgt. Das Handy und der private E-Mail-Account von Kiesewetter wurden gar nicht ausgewertet, die Videos der Kameras im Stadtgebiet Heilbronn erst nach zwei Jahren. Man hatte sich zu sehr auf die DNA-Spur konzentriert, selbst als die Tatorte des "Phantoms von Heilbronn" immer widersprüchlicher wurden. 2009 begann das Landeskriminalamt Baden-Württemberg dann erneut mit Befragungen - ohne konkrete Ergebnisse. Ein politisch motivierter Anschlag wurde aber ausgeschlossen.

Der NSU und seine Opfer

Blick auf das durch eine Explosion zerstörte Haus der rechtsextremen Terrorzelle NSU in Zwickau

In diesem durch eine Explosion zerstörten Wohnhaus in Zwickau fanden Ermittler die Tatwaffen von Heilbronn (Archivbild)

2011 dann die Wende: Die Bundesanwaltschaft erklärte die Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu den alleinigen Tätern. Ihre Leichen wurden in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach gefunden, ebenso die Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten. In ihrem Zwickauer Unterschlupf, der von Beate Zschäpe in Schutt und Asche gelegt worden sein soll, fand die Polizei unter anderem die Heilbronner Tatwaffen und ein Bekennervideo. Darauf sind auch Hinweise auf den Kiesewetter-Mord.

Das Tatmotiv ist bis heute ein Rätsel. Der Angriff auf die Polizisten passt nicht wirklich in die Reihe der rassistisch motivierten Morde an Migranten, die dem NSU zugeordnet werden. War Kiesewetter wirklich ein Zufallsopfer, wie es die Bundesanwaltschaft sieht und wie es in der Anklageschrift beim Münchner NSU-Prozess steht? Oder wurde sie gezielt ermordet? Michèle Kiesewetter war tatsächlich eher zufällig am Tatort, sie hatte eigentlich Urlaub, sich aber freiwillig für den Dienst in Heilbronn gemeldet.

Ein paar Tage zuvor hielt sich die gebürtige Thüringerin im heimatlichen Oberweißbach auf, um Eltern und Freunde zu besuchen. Dort gab es auch einen Treffpunkt der Thüringer Neonazi-Szene. Das NSU-Trio soll in der Vergangenheit auch schon dort gewesen sein. Über mehrere Ecken könnte es Berührungspunkte zwischen der Familie von Kiesewetter und dem NSU-Umfeld gegeben haben, zudem soll sich ihre Cousine in der rechten Szene bewegt haben. Kannte das Trio die Polizistin vielleicht doch?

Zahlreiche Umgereimtheiten

Schild mit Aufschrift "Festplatz Theresienwiese"

Was geschah auf der Theresienwiese?

Warum wurden bei dem Angriff auf die Polizisten andere Waffen benutzt, als bei den übrigen NSU-Morden? Auf den Tatwaffen fanden sich auch keine Fingerabdrücke von Böhnhardt und Mundlos. Außerdem hatten mehrere Zeugen unabhängig voneinander bis zu sechs Verdächtige gesehen. Einer hatte einen Mann gesehen, der sich die blutigen Hände im Neckar wusch. Ein anderer hatte beobachtet, wie sich ein Mann mit blutigem Hemd in ein Fluchtauto stürzte.

Nach dem Mord an Michèle Kiesewetter wurden zwar mehrere Phantombilder angelegt, die Staatsanwaltschaft Heilbronn lehnte aber letztlich eine Veröffentlichung ab. Begründung: Die Aussagen seien nicht plausibel. In einer Ringfahndung nach dem Mord wurde zwar das Kennzeichen des Wohnmobils, das Böhnhardt und Mundlos nutzten, registriert. In Heilbronn gesehen hat die beiden aber niemand.

Wirklich alles nur Zufälle?

Zweifler an den Thesen der Bundesanwaltschaft gibt es viele, darunter auch Walter Martinek, der Anwalt von Kiesewetters angeschossenem Kollegen Martin A. Für ihn kommen hier einfach zu viele Zufälle zusammen:

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0:44 min

Mehr Info

Interview mit Walter Martinek

"Da habe ich persönlich meine Zweifel"

Walter Martinek, NSU-Opferanwalt aus Stuttgart, äußert seine Zweifel an der offiziellen Version der Bundesanwaltschaft zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn.

Ein weiterer Zufall: In Schwäbisch Hall - ebenso wie in Thüringen - gab es eine Sektion des rassistischen Ku-Klux-Klans. Einer der ehemaligen Haller Klanmitglieder war ein Kollege von Michèle Kiesewetter. Am Mordtag war er sogar ihr direkter Vorgesetzter. Er hielt sich nur einige Hundert Meter entfernt von der Theresienwiese auf. Obendrein sollen an diesem Tag auch US-Agenten, deutsche Verfassungsschützer und V-Männer der Polizei in Heilbronn gewesen sein. Was sie dort gemacht oder gesehen haben, ist bis heute unbekannt.

Hoffnungen auf den Untersuchungsausschuss

Weder das Landeskriminalamt, die Staatsanwaltschaft Heilbronn, die Heilbronner Polizei noch die Präsidentin des Landesamtes für Verfassungsschutz haben bisher Stellung genommen, überall wird auf das laufenden NSU-Verfahren in München gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte verwiesen.

Der Mord an Michèle Kiesewetter gehört noch immer zu den größten Rätseln rund um den NSU. Was ist wirklich am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese geschehen? Der Komplex beschäftigt auch den Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss. Ob und wie weit er Licht ins Dunkel bringen kann, bleibt abzuwarten.

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