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Armutsbericht 2017 Deutschland erreicht Negativ-Rekord

Die Armutsquote in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Besonders wenige arme Menschen gibt es in Baden-Württemberg.

Armut fängt an, bevor man nichts mehr zu essen hat

Armut fängt an, bevor man nichts mehr zu essen hat

Fast 13 Millionen Menschen in Deutschland sind arm - das sagt der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband. Er hat zusammen mit anderen Verbänden den Armutsbericht 2017 vorgestellt und hat einen Negativ-Rekord vermeldet.

"Deutschland hat mit 15,7 Prozent Armutsquote leider einen neuen Rekordwert seit der Wiedervereinigung erreicht", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider.

Armut fängt nicht erst beim Flaschensammeln an

Dem Armutsbericht liegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 zugrunde – und zwar aus der sogenannten kleinen Volkszählung, dem Mikrozensus. Als arm gelten Menschen, denen 60 Prozent oder weniger des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen. Für Alleinstehende liegt die Armutsschwelle demnach bei rund 1.400 Euro im Monat.

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Ulrich Schneider

"Heute fühlt man sich schneller arm"

Der Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie. In seiner Kindheit sei wenig Geld da gewesen sagt er, aber arm gefühlt, hat er sich nicht.

Schneider wehrt sich gegen Kritik an der Berechnung. Man könne nicht erst dann von Armut sprechen, wenn Menschen von Pfandflaschen leben müssten, die sie sammeln, wenn sie unter Brücken schlafen müssten, wenn sie keine Kleidung hätten oder nicht genügend Ernährung. "Als Wohlfahrtsorganisation wissen wir, Armut in diesem reichen Land kann auch versteckt sein. Armut beginnt bereits dann, wenn Menschen nicht mehr Teil haben können."

Kritiker halten dagegen, wie zum Beispiel der Dortmunder Ökonom Walter Krämer: Armut müsse an Notlagen festgemacht werden, sagt er. So gesehen sinke sie seit Jahren.

Alleinerziehende sind besonders benachteiligt

Am niedrigsten liegt die Armutsquote in Bayern und Baden-Württemberg. Rheinland-Pfalz kommt mit etwas mehr als 15 Prozent auf Platz 5. Ganz hinten liegen Berlin und Bremen mit 22 und fast 25 Prozent. Einen starken Zuwachs der Armut weist der Bericht für Rentner aus. Im Zehn-Jahresvergleich ist die Quote von 10,7 auf zuletzt fast 16 Prozent gestiegen.

Die Erwerbslosen sind die mit 60 Prozent die größte Gruppe der armen Bevölkerung. Danach kommen die Alleinerziehenden mit 44 Prozent. Wer sich allein um seine Kinder kümmern muss, sei besonders benachteiligt, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Verbandes Alleinerziehender, Erika Bien. Die wirtschaftlichen Nachteile, die durch die eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten wegen Kindererziehungszeiten entstünden, vom betreuenden Elternteil allein getragen werden.

Weniger Geld für Schule und Sport

Und das, so die Geschäftsführerin des Kindesschutzbundes, Cordula Lasner-Tietze, wirkt sich auch auf die Kinder aus. Nicht arme Eltern geben durchschnittlich 360 Euro im Jahr für Schulmaterial oder Sportartikel ihrer Kinder aus. Arme Kinder bekämen dagegen aus dem Teilhabepaket nur 100 Euro.

"Dies zeigt, Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Einkommen beziehungsweise im Grundsicherungsbezug sind massiv benachteiligt und werden abgehängt, so dass sich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung weiter verschärft und weiter verschärfen wird.

Soziale Gerechtigkeit wird Thema im Bundestagswahlkampf

Schneider freut sich daher, dass seiner Ansicht nach soziale Gerechtigkeit ein zentrales Thema im Bundestagswahlkampf wird. Und nennt seine Forderungen, wie Politik gegen Armut vorgehen müsse: "Es ist Bildung, Wohnen, gute Arbeit, eine auskömmliche Alterssicherung für alle und gute soziale Dienstleistungen - die fünf großen Felder, auf denen Armutsbekämpfung stattzufinden hat."

Von Uwe Lueb, Berlin | Online: Christine Veenstra

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