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Kulturthema 20.11.2013 "Und das hier ist die Lach- und Schieß, wo der Hildebrandt...?"

Kabarettist Hans Gerzlich mit Erinnerungen an den heute verstorbenen Dieter Hildebrandt

Foto: Markus Scholz/dpa

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt (2012)

So gegen Mittag rief mich der erste Kollege an. "Hast du schon gehört? Der Dieter ist tot?" Der Dieter? Dieter Nuhr? Was?
"Nein, Dieter Hildebrandt. Der Hildebrandt ist tot!"

Ich konnte es kaum glauben. Auf jeden Dieter wäre ich gekommen - aber doch nicht Hildebrandt. Hildebrandt gab es immer und würde es immer geben. Hildebrandt gab es schon, bevor ich Kabarett machte. Hildebrandt gab es schon, bevor ich mich überhaupt für Kabarett interessierte. Hildebrandt gab es schon, bevor ich Kabarett schreiben konnte. Bevor ich überhaupt schreiben konnte.

An Silvesterabenden war nicht 'Dinner for one' Pflichtprogramm, sondern 'Schimpf vor 12'. Im Fernsehen stand ein Mann mit Brille, der stammelte, der stotterte, der seine Sätze selten zu Ende sprach. Ich war sieben oder acht oder zehn, verstand kein Wort, aber die Erwachsenen lachten, also lachte ich sicherheitshalber mal mit. Dass der stotternde und stammelnde Mann seine Sätze absichtlich nicht zu Ende formulierte, um dem Publikum die Chance zu geben, selbst einen Geistesblitz zu haben, verstand ich erst viel später...

Um das Jahr 2000 kam ich selbst zum Kabarett und 2008 trat ich dann zum ersten Mal in der legendären 'Münchner Lach- und Schießgesellschaft' auf. Jener von Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt gegründeten Kabarettbühne in Schwabing. Während der Tonprobe am Nachmittag stand ich auf der Bühne und fragte in den Raum: "Und das hier ist die Lach- und Schieß, wo der Hildebrandt...?" Normalerweise kenne ich kein Lampenfieber - an diesem Abend wartete ich hinter der Bühne schweißgebadet auf meinen Auftritt.

Seit 2008 bin ich oft wieder in der 'Lach- und Schieß' aufgetreten - bis zu vier Mal im Jahr. Und immer wieder stehe ich kurz vor meinem Auftritt, für das Publikum unsichtbar, neben der Bühne und denke: "Und das hier ist die Lach- und Schieß, wo der Hildebrandt...?"

Und irgendwann war es dann der Hildebrandt persönlich. Einmal bin ich mit ihm zusammen aufgetreten. Es war vor einer Bundestagswahl. Hildebrandt als der unbestrittene Star des Abends spielte natürlich am Schluss. Vor ihm arbeiteten sich nacheinander vier oder fünf junge Kabarettisten ab - unter ihnen ich - an der Regierung, an der Opposition, an einzelnen Politikern, am System, am bevorstehenden Wahlsonntag, an den Linken, den Rechten, an der Mitte, einfach an allem. Der Großmeister strich nach jedem von uns eine Seite aus seinem Skript, bis nicht mehr viel übrig war. Schließlich zerknüllte er es ganz, ging auf die Bühne und hielt aus dem Stegreif die politischste unpolitische Rede, die ich je gehört habe. Das Publikum dankte es ihm - und wir hatten wieder etwas gelernt.

Dieter Hildebrandt wirkte mit 86 noch so wach und frisch und kämpferisch. Dass wir einmal ohne ihn auskommen würden müssen, war immer klar, und trotzdem ist es unbegreiflich. Er war kein Großer, er war der Größte.

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