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Sie teilten den Bauch ihrer Mutter, die Karriere als Tänzerinnen, die Träume der Männer - und jetzt auch den Lebensabend: Alice und Ellen Kessler feiern am 20. August ihren 75. Geburtstag. Ein Grund kürzer zu treten ist das für sie allerdings nicht. Ganz im Gegenteil: Im Herbst startet ihr Musical "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" in Rom - wo die beiden übrigens auch ihren Geburtstag feiern. Wir werfen einen Blick auf ein aufregendes und nicht immer einfaches Zwillingsleben.

Alice und Ellen kamen am 20. August 1936 im sächsischen Nerchau mit dem Nachnamen Kaessler zur Welt. Weil die Eltern beide musisch interessiert waren, schickten sie die Mädchen zum Ballett. 1947 nahm sie das Kinderballett der Leipziger Oper auf, 1950 bestanden sie mit Auszeichnung die Aufnahmeprüfung der Operntanzschule. Die Familie verließ noch vor dem Mauerbau gemeinsam die DDR in Richtung Westen, wo die Zwillinge 1952 am Düsseldorfer Revuetheater Palladium engagiert wurden.
"Unsere Angst vor seiner blinden Wut und das Gefühl, uns an niemand anderem festhalten zu können, hat uns für alle Zeiten zusammengeschweißt."
Unbeschwert waren die Kinderjahre der Zwillinge nicht. Ihre beiden älteren Brüder starben an Gelbsucht und Typhus. Der Vater hatte eine Geliebte. Besonders schwer war es für die Mädchen, nachdem die Geliebte den Vater verlassen hatte. Danach sei er monatelang nachts betrunken nach Hause gekommen und habe die Mutter beleidigt oder ihr Gewalt angetan, erzählten sie.
Lange galten die beiden Blondinen als fleischgewordene Männerträume und als die erfolgreichsten deutschen Show-Exporte. In den prüden Nachkriegsjahren gehörten sie zu den ersten, die in seriösen Shows viel Bein zeigten. Glamour und Glitzer wurden ihr Leben. Sie tanzten erst in der DDR, nach der Flucht der Familie in den Westen dann in Düsseldorf, in Paris - und tourten schließlich um die ganze Welt. Die Kesslers tanzten in New York, Caracas, Monte Carlo, Barcelona, Buenos Aires oder Sydney, waren Gast in internationalen Fernsehshows und hatten auch mehrere Auftritte in Kinofilmen.
"Abgehoben sind wird nie. Wir kennen keine Drogen, keine Alkoholexzesse - wie die arme Amy Winehouse."
Sie hatten sogar das Angebot, mit Elvis Presley in dem Film "Viva Las Vegas" aufzutreten. Doch das sagten sie ab - aus Angst, auch in Amerika auf Filme mit Musik und Tanzauftritten festgelegt zu sein. Sonderlich beeindruckt vom "King" waren die beiden ohnehin nicht. "Wir sind nicht dahingeschmolzen. Wir waren cool und das hat er nicht verkraftet." Presley war nicht der einzige große Name im Bekanntenkreis der Zwillinge: Sie kannten Frank Sinatra und Elizabeth Taylor, Sammy Davis jr. und Fred Astaire.
Abgesehen von wenigen Wochen waren sie stets zusammen, geheiratet haben sie nie - beide hatten aber durchaus längere Beziehungen. Ellen war 20 Jahre mit dem italienischen Schauspieler Umberto Orsini zusammen, Alice mehrere Jahre mit dem französischen Sänger Marcel Armond. Doch alle Beziehungen scheiterten, für ihr eigenes gegenseitiges Verhältnis fanden die Kesslers einmal den Begriff der "zärtlichen Hassliebe".
Seit 1986 nun leben die Schwestern in einem Doppelhaus in Grünwald bei München, die Haushälften sind per Schiebetür verbunden. Wie aber wird es sein, wenn für eine der beiden das Leben endet? Dies könne sich keine von beiden vorstellen, sagten sie vor fünf Jahren der "Zeit". Und dann erinnerten sie an ihre Großmutter, die auch eineiiger Zwilling war und nach dem Tod ihres Mannes mit der Schwester lebte. "Als die eine starb, folgte ihr die andere kurz darauf."
Im Herbst soll ihr Musical "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" in Rom starten - ihrer zweiten Heimat. Dort wollen sie auch ihren Geburtstag feiern.

Letzte Änderung am: 19.08.2011, 08.18 Uhr