aus Radioladen vom Mittwoch, 3.5.2006 | 9.00 Uhr | SWR4 Rheinland-Pfalz
"Mir kann nichts passieren" denkt sich eine Frau, die auf der Straße Zeugin eines Taschenraubs wird. Sie läuft dem Dieb nach und zwingt ihn, die Tasche wieder rauszurücken. Nichts Besonderes, könnte man meinen. Allerdings: Die Dame war damals 71 Jahre alt. Und hat für ihr beherztes Einschreiten den "Preis für Zivilcourage des Landes Rheinland-Pfalz" bekommen.

Sich couragiert in der Öffentlichkeit für Andere einzusetzen, ist keine Selbstverständlichkeit. In unserer SWR4-Serie „Menschen mit Mut“ stellen wir Ihnen diese besonderen Menschen vor. Beispiel: Ilse Stewen aus Ludwigshafen Oppau. Daniela Engelhardt hat sie besucht.
Musik tönt aus der Wohnung, es öffnet eine schicke, gepflegte Frau mit einem jungen Lachen, der ich die 73 einfach nicht abnehme: "Ich bin ein froher Mensch, ich freue mich jeden Tag, ziehe mich gern an und höre gerne Musik, bin halt viel unterwegs und habe gute Freundinnen. Jetzt lebe ich halt allein, aber ich bin nicht einsam."
Trotz künstlichen Hüftgelenks ist Ilse Stewen viel mit dem Fahrrad unterwegs - so auch am 14. Juli 2004, einem Sommertag: "Oben an der Ecke steht eine alte Frau: Hilfe, hilfe, meine Tasche, meine Tasche! Ich bin abgestiegen und hab gesagt: Bleiben Sie stehen, ich hol Ihre Tasche!"
Ilse rast dem kräftigen jungen Mann hinterher, wobei sie laut schreit. Überall bleiben Leute stehen und gaffen, keiner hilft. Irgendwann verschwindet der vermummte Dieb in einem Gebüsch: "Und dann hab ich gedacht, wie kriege ich den raus. Ich sage: Die Polizei ist ja sowieso verständigt, die muss jetzt jeden Augenblick kommen - das war ja gar nicht wahr. Und wie er das gehört hat, hat er sie hingestellt und hat mir zugerufen: Es tut mir leid."
Ilse gibt die gestohlene Tasche an die Besitzerin zurück, damit ist für sie der Fall erledigt. Dass sie dafür den „Preis für Zivilcourage des Landes Rheinland-Pfalz“ bekommt, freut sie zwar, erstaunt sie aber heute noch. Ihren Einsatz für die ältere Dame betrachtet sie als selbstverständlich. Für Andere da sein – das sei doch nichts Besonderes. Zwei Kinder hat sie groß gezogen, ihren Mann lange Jahre gepflegt, jetzt kümmert sie sich um zwei türkische Nachbarskinder, ihre Ersatzenkel, wie sie sie nennt. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wuchs sie mit Feldarbeit auf dem Land auf, half ab 15 für einen Hungerlohn im Städtischen Krankenhaus, und war dann 25 Jahre lang Vorarbeiterin bei der BASF. Auch im Job hatte sie immer viel und gerne mit Menschen zu tun.
Warum die vielen anderen Leute, die den Überfall auch verfolgt haben, nicht eingriffen, versteht sie bis heute nicht. Hat sie keine Angst gehabt, einfach einen jungen, möglicherweise gefährlichen Dieb zu verfolgen? "Ich habe gedacht, mir kann nichts passieren, es ist hellichter Tag. Und ich schreie einfach mal - den hab ich unsicher gemacht mit meinem Schreien."
Die klassische ängstliche alte Dame war Ilse Stewen nie. Wenn sie spät nachts vom Seniorentanz nach Hause kommt, hat sie zwar Tränengas dabei, meint aber trotzdem: "Es gibt mehr gute Menschen als böse, diese Erfahrung habe ich in meinem Leben gemacht!"
Letzte Änderung am: 02.05.2006, 16.25 Uhr