Seite vorlesen:
So hübsch verwinkelt wie in Tübingen sind Reutlingens Altstadtgassen nicht. Gut einkaufen kann man, aber nicht so billig wie in der Nachbarstadt Metzingen. Das Kulturleben ist respektabel, aber nicht so hochkarätig wie in Stuttgart. Sind die Reutlinger deswegen neidisch auf die Nachbarorte? Nein, denn die Stadt am Fuß der Schwäbischen Alb hat eine ganze Menge zu bieten.

An der Marienkirche im Zentrum Reutlingens können Sie sich bei Ihrem ersten Besuch prima orientieren. Auf die prächtige gotische Basilika aus dem 13. Jahrhundert sind die Reutlinger stolz, und ihre Ernennung zum "nationalen Kulturdenkmal" im Jahre 1988 gibt diesem Stolz recht.
Nur wenige Meter von der Marienkirche entfernt liegt der Marktplatz, der eng mit Reutlingens Geschichte verknüpft ist: Um 1180 verlieh Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa dem Ort das Marktrecht. Irgendwann zwischen 1220 und 1240 wurde Reutlingen zur Freien Reichsstadt, also zu einer Stadt, die nur dem Kaiser untertan war und bestimmte Privilegien hatte.
Reutlingens Innenstadt wurde in den ersten drei Monaten des Jahres 1945 durch Luftangriffe beschädigt. Im Stadtkern stehen heute neben stattlichen historischen Gebäuden markante moderne Bauten, darunter das große Rathaus.
Einer der schönsten Orte in Reutlingen ist ein etwas versteckt liegendes, verwunschenes Gärtchen direkt hinter dem Heimatmuseum, keine 200 Meter vom Marktplatz entfernt. Neben einer nur noch selten genutzten, spätgotischen Kapelle lässt es sich wunderbar entspannen.
Daneben befinden sich außer dem Heimatmuseum noch das Städtische Kunstmuseum Spendhaus und die Stadtbibliothek. Das Spendhaus genießt bundesweites Ansehen und hat seinen Schwerpunkt auf dem künstlerischen Holzschnitt. Zahlreiche Werke HAP Grieshabers, der viele Jahre in Reutlingen lebte, sind dort zu sehen.
Die Stadtbibliothek rangiert bei bundesweiten Leistungsvergleichen zwischen öffentlichen Bibliotheken stets auf den vorderen Plätzen. Das renommierte Haus bietet den rund 110.000 Reutlingern neben einer großen Auswahl an Medien auch ein ganz hervorragendes Kulturprogramm aus Lesungen, Ausstellungen und Konzerten.
Etwas entfernt, neben der Marienkirche, befindet sich das Naturkundemuseum mit einer sehenswerten Ausstellung zur Tier- und Pflanzenwelt der Region.

Im Gmindersdorf
Früher prägten Textil-, Metall- und Maschinenfabriken die Stadt. Sichtbar ist das unter anderem noch heute am "Gmindersdorf" im Reutlinger Ortsteil Betzingen. Diese Arbeitersiedlung wurde 1903 von der Ulrich Gminder GmbH gegründet, damals eine bedeutende europäische Textilfirma. Baulich und sozialpolitisch war das Gmindersdorf auf modernstem Stand: Jedes Kind bekam einen Platz in der betriebseigenen Kindertagesstätte, Rentner wohnten im Altenhof, und die Häuser hatten - damals keine Selbstverständlichkeit - eine Küche und eine innen liegende Toilette.
Heute ist Reutlingen eine Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungs-Metropole und wichtigstes Wirtschaftszentrum zwischen Bodensee und Stuttgart. Für die Ausbildungs-Angebote in der Textil- und Lederbranche ist die Stadt weltweit anerkannt.
Eine hervorragende Möglichkeit, die Sitten der Eingeborenen zu studieren, bietet das Mutscheln. Bei dieser Reutlinger Gepflogenheit können Sie immer am Donnerstag nach Dreikönig um ein Mürbgebäck, die Mutschel, spielen. Das geht oft lautstark zu, und auch der Genuss von Wein ist im Zusammenhang mit dem Mutscheln beobachtet worden. Doch keine Sorge, wenn Sie beim Wettkampf gegen die Einheimischen nichts gewonnen haben: Das Gebäck bekommen Sie in Reutlinger Bäckereien über Wochen hinweg angeboten.
Autorin: Diane Scherzler
Quelle: SWR.de - Regionen
Letzte Änderung am: 04.06.2009, 13.53 Uhr