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Die Streifzüge haben uns diesmal nach Münsingen geführt. Das heißt eigentlich an den nördlichen Stadtrand von Münsingen.

Denn dort hört die frei begehbare Welt auf und erste Schilder "Betreten verboten! Lebensgefahr!" zeigen die Grenze des Truppenübungsplatzes an.
Dieser Truppenübungsplatz zählt inzwischen zu den größten unzerschnittenen Stücken Natur in Baden-Württemberg. 6.700 Hektar, so groß wie 10.000 Fußballplätze.
Weil Industrie, Baufirmen und Landwirte bislang ausgesperrt waren, hat sich hier ein seltsames Stück Natur erhalten. Denn die Landschaft erscheint noch so, wie sie vor 100 bis 200 Jahren überall auf der Alb ausgesehen hat.
Graugrüne Magerwiesen überziehen die sanften Hügelkuppen. Im Mai blühen Enzianfelder, seltene Vogelarten nisten in Waldformen, die sonst längst verschwunden sind. Zum Beispiel einsame, knorrige Bäume, deren Stamm sich schon kurz über dem Boden in fünf, manchmal sechs dicke Äste spaltet, weil die Schafe dem Baum in seiner Jugend regelmäßig den Trieb abgebissen haben.
Über 250 Dollinen sind auf dem Übungsplatz verstreut. Viele von ihnen bilden heute kleine Tümpel, die abseits der Zivilisation zum Überlebensraum für viele Tiere und Pflanzen geworden sind. Kenner des Übungsplatzes und seiner Flora schwärmen stets von den vielen, auch seltenen Orchideen, deren Standorte allerdings so weit wie möglich geheim gehalten werden.
Der Truppenübungsplatz ist zudem die Heimat für rund 15.000 Schafe, denn schon seit der Gründung vor knapp 110 Jahren dient er den Schäfern in Münsingen, Römerstein oder Laichingen als Weidefläche.
"Ich bin praktisch auf dem Platz groß geworden. Mit neun Jahren habe ich allein meine erste Herde da draußen gehütet. Wenn andere beim kicken waren, dann war ich auf dem Übungsplatz", erzählt heute der Münsinger Schäfer Gerhard Stotz. Seine Familie war eine der ersten, die ab 1898 Schafe auf den damals neu gegründeten Übungsplatz geführt haben. Heute haben er und seine Gattin mehrere Herden dort, aber auch seine Brüder sind als Schäfer auf die Übungsplatz-Weiden angewiesen.
Was mit dem Truppenübungsplatz weiter geschieht, wenn die Bundeswehr im Jahre 2006 endgültig abgezogen ist, darüber zerbrechen sich die Verantwortlichen schon lange den Kopf. Bundesregierung, Regierungspräsidium, Landkreis, die Anwohner, die Naturschutzverbände, die Gewerbetreibenden.
Ein geschütztes Stück Natur soll es bleiben, wenn möglich mit einer sanften Form des Tourismus. Aber auch Firmen wie Liebherr oder Daimler nutzen Teile des Platzes jetzt schon als Testgebiet für Bau- und andere Fahrzeuge.
Zwei Kriterien sind für die Zukunft des Platzes entscheidend. Erstens: welche Gefahren lauern unter der Erde? Das wird eine Untersuchung der Kampfmittelreste und Blindgänger klären, die gerade läuft. - Zweitens: welchen Schutzstatus wird der Übungsplatz bekommen. Im Moment gehört er noch dem Bund.
Das Landesnaturschutzgesetzt bietet nicht die optimale Verknüpfung von schützen und trotzdem nützen. Sicher ist, dass große Teile des Platzes durch europäische Gesetze geschützt werden. Diese sind als sogenannte FFH- Gebiete gemeldet.
Das Bundesamt für Naturschutz prüft derzeit auch, ob der Truppenübungsplatz Chancen hat, ein Naturschutzgroßprojekt zu werden. Dann wären sogar Fördermittel in Millionenhöhe möglich.
Und noch eine Besonderheit findet sich gleich neben dem Truppenübungsplatz. Das Alte Lager. Diese parkähnliche Kasernenanlage mit über 100 denkmalgeschützten Häusern gilt als ein nahezu einzigartiges Arrangement. Es ist eine der ersten Kasernenanlagen, für die beim Bau gleich ein Grünflächenplan mit entwickelt wurde.
Heute schaffen große Rasenflächen Luft zwischen den liebevoll restaurierten Kasernen-Häuschen, im Schatten alter, hoch aufragender Bäume. Das Alte Lager wirkt kaum wie eine Militäranlage sondern eher wie ein Feriendorf. Auch dessen Schicksal ist eng verknüpft mit der Zukunft des Übungsplatzes.
Während der Truppenübungsplatz immer noch Sperrgebiet ist, obwohl der offizielle Übungsbetrieb im Dezember zu Ende ging, kann das kleine Truppenübungsplatz-Museum der Reservisten im Alten Lager längst besucht werden. Das ehrenamtlich eingerichtete und geführte Museum zeigt die Geschichte des Münsinger Übungsplatzes sehr anschaulich. Neben Waffen und Munition aus den verschiedenen Epochen sind dort viele Fotos, Bilder und andere Zeugnisse zu sehen, die die wechselhafte Geschichte des Übungsplatzes dokumentieren.
Eine der wenigen Gelegenheiten, problemlos auf das Gelände zu gelangen und es sich von Innen anzuschauen, ergibt sich zu Pfingsten. Dann darf die Öffentlichkeit das bei der Erweiterung des Übungsplatzes im 3. Reich aufgelöste Dorf Gruorn besichtigen, von dem heute lediglich die Schule und die Kirche erhalten sind.
Weitere Informationen:
Rathaus, Bachwiesenstrasse 7, 72525 Münsingen
Tel.: 0 73 81 / 18 21 45
Letzte Änderung am: 04.02.2005, 00.00 Uhr