Seite vorlesen:
Die Uhren der Naturwissenschaft ticken nicht all zu schnell. In manchen Sparten vergehen Jahre, bis neue Funde einen Fortschritt in der Erkenntnis bedeuten. Oft bedarf es auch einer ganzen Portion Glück. Bei den Stuttgarter Insektenforschern Arnold Staniczek und Günter Bechly kam jetzt beides zusammen.
Ihr Glück fanden die Wissenschaftler in einem Fossil aus der unteren Kreidezeit Südamerikas. Der gut 120 Millionen Jahre alte Fund enthielt eine echte Seltenheit: erwachsene Exemplare einer längst ausgestorbenen Fliege. Eines der beiden gut erhaltenen Fossile landete im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. Mit mikropräparatorischen Mitteln machten die Wissenschaftler sich dort ans Werk und förderten Erstaunliches zu Tage.
Das geflügelte Insekt, das sie vorfanden, ließ die Forscher staunen: Ganz offenbar handelte es sich um eine ausgestorbene Art der heutigen Eintagsfliege. Gleichzeitig unterschied das Ur-Tier sich aber von allen bisher bekannten Insekten. Während die Flügel tatsächlich denen der Eintagsfliege ähnelten, waren Brust und Flügelform eher denen der heutigen Libellen ähnlich. Außerdem wiesen die bisher unbekannten Tiere sogenannte "Raubbeine" auf, wie sie sich noch bei der heutigen Gottesanbeterin finden. Staniczek und Bechly erkannten in dem Fund eine neue Insektenordnung, die neue Aufschlüsse geben könnte über die Entwicklungsgeschichte der Insekten überhaupt. Weil das Insekt aus unterschiedlichen Tierarten zusammengesetzt zu sein scheint, schlagen die Stuttgarter Wissenschaftler den deutschen Namen "Chimärenflügler" vor.
Anhand der spannenden Funde ist es den Forschern möglich, Einblick in das Leben der längst ausgestorbenen Tiere zu erhalten. So sprechen die Raubbeine und die zangenartigen Kiefer nach Ansicht der Wissenschaftler für eine räuberische Lebensweise. Die Form der Mittel- und Hinterbeine wiederum lässt darauf schließen, dass die Tiere auch fähig waren zu graben. Denkbar ist deshalb, dass "Chimärenflügler" Lauerjäger waren, die halb eingegraben im Gewässergrund lebten.
Für die Wissenschaftler hält die Neuentdeckung aber noch zahlreiche weiterführende Einsichten bereit. So könnte der Körperbau der Coxoplectoptera weitere Aufschlüsse zum Beispiel über die Entwicklung des Insektenflügels liefern. So gab es bisher zwei verschiedene Theorien: Die eine betrachtete Insektenflügel als als Auswüchse von Teilen der Brustsegmente. Eine andere glaubte in den Flügeln Fortentwicklungen beweglicher Beinanhänge, ähnlich der von Krebsen entdecken zu können. Die Larven der Chimärenflügler wiederum liefern nun Indizien dafür, dass tatsächlich eine Mischung aus beiden Theorien zur Entwicklung der Flügel geführt hat.
Für die Stuttgarter Forscher, die federführend bei der Entdeckung und Untersuchung der neuen Insektenordnung waren, stellt der Fund eine echte wissenschaftliche Sensation dar. Ihre Ergebnisse werden jetzt in einer Sonderausgabe Fachzeitschrift Insect Systematics & Evolution der Fachwelt zur Diskussion gestellt.
Quelle: SWR4 Baden-Württemberg
Letzte Änderung am: 19.07.2011, 11.53 Uhr