Seite vorlesen:
Weite Wiesen, verwunschene Wälder: Wandern bei Welzheim wirkt Wunder! Ich habe es erlebt: Hier kann man schönes Wetter herbeiwandern. Meinem Wanderführer Wolfgang Grabe und mir ist es jedenfalls gelungen. Morgens bei Nieselregen los, und dann hat sich nach und nach die Sonne hervorgekämpft. Was die Landschaft des Welzheimer Waldes noch schöner macht, als sie eh schon ist.

Wer es uns nachtun will, beginnt die Tour am besten am Ostkastell, das – nomen est omen – am östlichen Stadtrand liegt. Hier lagen auch die Römer, vor 2000 Jahren, und passten auf die Grenze ihres Weltreichs auf. „Limes“ ist der Fachbegriff für diese Grenze, und darüber lernt man am Ostkastell eine Menge. Besonders natürlich, wenn ein „echter“ Römer wie Andreas Schaaf in Uniform die Antike wieder lebendig werden lässt. Es lohnt sich auf alle Fälle, nach solchen Führungen zu fragen.
Der Limesweg von hier nach Süden führt, ausgezeichnet ausgezeichnet, auf verschlungenen Wegen zu Überresten der Römerzeit. Das alles ist unterwegs gut beschriftet, aber der besondere Clou: Auf den Informationstafeln steht jeweils eine Telefonnummer. Wer dort anruft, bekommt per Handy passgenau Informationen über den Standort – Geschichten aus der Geschichte wie die vom Göckelerturm mitten im Welzheimer Wald. Der Sage nach winkt dem das Glück, der in der Neujahrsnacht den Schrei des Hahnes hört, welcher dort auf den Ruinen sitzt und kräht. So was lernt man als Wanderer per Telefon!
An der Hagmühle kann man das alte Mahlwerk besichtigen und – jedenfalls am Wochenende – im lauschigen Biergarten Krustenbraten aus dem Holzofen probieren. Wer dann noch fit ist, wandert nicht zurück, immer am Limes entlang, sondern bergauf nach Rienharz, das die Einheimischen nur „Reez“ nennen. Es geht nun über den Mühlenweg – Wanderzeichen: ein Mühlrad. Eine schöne Einkehrmöglichkeit ist in „Reez“ vorhanden, bevor der (leider asphaltierte) Weg hinabtaucht ins Tal der Meuschenmühle. Idylle pur! Auch hier kann man die Mahlstube besichtigen, die Gärten ringsum bestaunen und die Seele baumeln lassen.
Zurück nach Welzheim geht’s dann auf der Direttissima, es sei denn, man nimmt den Weg über die Startbahn des Segelfluggeländes. Das empfiehlt sich natürlich nur, wenn kein Flugbetrieb ist. Die Türme der Stadt sieht man hier schon von weitem, und durchs Leintal steigt man leicht bergab und wieder bergan ins Zentrum. Dann waren es rund 12 Kilometer ohne allzu große Höhenunterschiede, dafür in „Champagnerluft“. So hat der Dichter Justinus Kerner, der hier mal lebte, das Klima im Welzheimer Wald bezeichnet. Dem kann ich nur zustimmen. Auch wenn es am Ende meiner Tour keinen Champagner gab, sondern Kaffee. Und Limestorte!

Klaus Gülker
"Raus mit Klaus" heißt es regelmäßig auf SWR4. Etwa einmal im Monat bricht Klaus Gülker mit seinen Wanderschuhen auf, um neue Wege zu erkunden und Geschichten zu entdecken.
Letzte Änderung am: 01.07.2011, 10.26 Uhr