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Interview mit Schauspielerin Anna Brüggemann  "In Filmen über Behinderung gibt es ganz viel Kitsch"

In "Renn, wenn du kannst" spielt Anna Brüggemann die Studentin Annika, in die sich gleich zwei Männer verlieben. Die 29-jährige Schauspielerin hat das Drehbuch für die Dreiecksgeschichte selbst verfasst - mit dem Regisseur des Films, ihrem Bruder Dietrich Brüggemann. Wie spannend der gemeinsame Weg von der Idee zum Film war, erzählt sie im Gespräch mit SWR.de.

SWR.de: Selten hat man bei einem Film über eine Behinderung so herzhaft lachen können. Woher stammt die Idee?

Anna Brüggemann: Mein Bruder [Anm.d.Red.: Dietrich Brüggemann] hat im Zivildienst individuelle Schwerstbehinderten-Betreuung gemacht. Das heißt, er war schon in der Thematik drin. Sie [Anm.: er und der Mann, den er betreute] haben sich sehr gut verstanden. Dietrich hat sich dann überlegt, was wäre, wenn sie sich in die selbe Frau verlieben würden. Das ist aber nie wirklich passiert.

Dazu kommt, dass unsere jüngste Schwester seit der Geburt behindert ist. Deswegen haben wir einen sehr unverkrampften Zugang zu Behinderung. Deshalb auch der Humor, weil wir immer das Gefühl haben, in Filmen über Behinderung gibt es ganz viel Betroffenheit und Kitsch. Die meisten Leute mit Behinderung haben aber unglaublichen Humor. Wenn man Leuten auf Augenhöhe begegnen möchte, dann spielt Humor eine immense Rolle. Ich glaube, dass das unsere Haltung zur Welt ist.

Sie haben das Drehbuch zu "Renn, wenn du kannst" mit Ihrem Bruder geschrieben. Wie schreibt man im Team?

Wir entwickeln zunächst gemeinsam eine Konstruktion. Bevor ein Drehbuch entsteht, muss man erst viel planen: Wie sind die Figuren, wie ist die Handlung, und wie geht’s aus? Das machen wir zusammen, wir reden ganz viel, schreiben Entwürfe und schicken sie uns hin und her. Dann schreibt Dietrich die Dialoge. Ich gehe drüber und dann sitzen wir zusammen am offenen Buch und fragen uns: Stimmt alles an der Szene? Danach schreibt er einen zweiten Entwurf, oder der entsteht zusammen.

Wie war die geschwisterliche Zusammenarbeit?

Das war gut. Wir haben uns über einen ziemlich langen Zeitraum jeden Tag gesehen. Manchmal waren wir so im Buch drin, dass wir nach ein paar Tagen gedacht haben, wir müssten auch mal wieder einen Kaffee trinken und gucken, wie es uns eigentlich geht. Wir hatten aber nie harte Konflikte, weil wir von Anfang an eine sehr ähnliche Vorstellung hatten, wo es hingehen soll. Wir haben einen sehr ähnlichen Humor und Geschmack.

Am Set war Ihr Bruder dann aber der Boss, oder?

Auf jeden Fall. Das war mir ganz wichtig. Weil ich mich ja sonst dauernd für alles verantwortlich gefühlt hätte - zum Beispiel dafür, dass die anderen Schauspieler verstehen, was wir geschrieben haben. Uns war von Beginn an klar: Das muss alles er vermitteln, sonst kann ich mich nicht um meine Rolle kümmern.

Wenn man ein Drehbuch entwickelt und weiß, dass man selbst die Hauptrolle spielt - schreibt man da anders? Und spielt man am Ende auch anders?

Was meine Figur betrifft, war ich beim Schreiben auf jeden Fall ein bisschen gehemmter. In Bezug auf die beiden Jungs [Anm.: Figuren Ben und Christian] habe ich ganz viele Ideen gehabt und auch eine Vision, wie sie zu sein haben. In Bezug auf mich [Anm.: Figur Annika] hatte ich das nicht. Ich musste beim Drehen und in der Vorbereitung die Rolle neu entdecken. Gespielt hab ich dann aber nicht anders.

Mögen Sie Ihre Figur Annika?

Klar, und ich verstehe sie total. Ich mag an den drei Figuren, dass sie in etwas hineinstolpern, was eigentlich zu groß für sie ist oder womit sie nicht gerechnet haben. Gerade bei Annika ist das eine richtige Initialzündung zum Erwachsenwerden.

Annika geht in ihrer Musik auf. Spielen Sie selbst Cello?

Ich liebe Musik sehr. Aber ich konnte nicht Cello spielen und musste es für den Film lernen. Ich hatte Glück, weil es mir total Spaß gemacht hat. Wirklich vom ersten Moment an dachte ich: Was für ein tolles Instrument! Ich hab jeden Tag freiwillig geübt.

Möchten Sie künftig mehr Drehbücher schreiben oder lieber spielen?

Ich finde beides unglaublich toll. Im Moment entwickeln Dietrich und ich wieder Geschichten, zwei komplett unterschiedliche Sachen: Das eine ist ganz leicht und heiter, das andere todernst. Und ich drehe wieder im Herbst. Dieses Wechselspiel finde ich so ganz gut. Ich fühl mich total beschenkt, dass ich das so machen darf.

Der Film "Renn, wenn du kannst" hat viel Applaus bekommen und Preise gewonnen - warum, glauben Sie, mögen die Zuschauer den Film?

Ich glaube, die mochten wahnsinnig, dass Tragik und Komik im Film so nah beieinander sind. Anscheinend kennen die Leute das von sich und ihrem Leben. Dafür sind die meisten total dankbar, das freut uns sehr. Wir haben auch immer gesagt, es ist gleichzeitig eine Tragödie und eine Komödie - für uns ist auch das Leben beides.

Die Fragen stellte Isabell Gössele

Quelle: SWR.de - Kultur

Letzte Änderung am: 27.07.2010, 11.14 Uhr

Filmszene aus "Renn, wenn du kannst": Ben (Robert Gwisdek), Annika (Anna Brüggemann) und Christian (Jacob Matschenz) Archiv | Kinostart 29.7.: "Renn, wenn du kannst" Mozartbüste trifft Männerschlitten

Ben sitzt im Rollstuhl und treibt seinen Zivi Christian zur Weißglut. Dann verlieben sich auch noch beide in Cellistin Annika. Wer erobert sie? Eine tragikomische Dreiecksgeschichte mit grandiosen Darstellern und tollen Dialogen. [mehr zu: Mozartbüste trifft Männerschlitten]