Navigation

Volltextsuche

Seite vorlesen:

"Das gab's nur einmal" - Raritäten & Fundstücke   Die B-Seite ist der Renner, ahoi!

Über die Nicht-Planbarkeit von Hits

Ein zuverlässiges Erfolgsrezept für Hits gibt es nicht. Selbst das Gespür von erfolgreichen Produzenten bietet keine Garantie. In der Schlagergeschichte findet man ein Paradebeispiel mit 50jährigem Jubiläum. "Seemann, Deine Heimat ist das Meer" - von Lolita gesungen - wird im Februar 1960 zum ersten Mal in den Hitparaden notiert, obwohl dies so nicht geplant war...

Fernweh- und Italienschlager boomten. Der sonnige Süden lockte und Italien wurde zum beliebtesten Urlaubsziel der Deutschen. Als am 15. Dezember 1959 Lolita im Austrophon Studio in Wien für die Aufnahme zu zwei neuen Titeln eintrifft, soll genau dieser Markt bedient werden. Priorität hatte „La Luna“, die deutsche Cover-Version des italienischen Titels „Quando la luna“. Der Produzent Gerhard Mendelson war von der deutschen Adaption mit dem Text von Ralph Maria Siegel überzeugt, räumte der Nummer somit in Deutschland Hitchancen ein und platzierte sie auf der A-Seite der Single. Für die B-Seite sah man ein etwas schlicht gehaltenes Lied vor, das von Werner Scharfenberger komponiert und von Fini Busch getextet wurde: „Seemann, Deine Heimat ist das Meer“.

Die B-Seite ist der Hit

Mit dem fertigen Produkt in der Tasche ging Gerhard Mendelson auf Promotiontour. Überall stieß er auf dieselbe Reaktion: „La Luna“, der potentielle Hit, wurde „zur Kenntnis genommen“. Die B-Seite der Single hingegen löste bei den Rundfunkredakteuren Zustimmung, ja sogar Begeisterung aus - der „Seemann“ erhielt eindeutig den Vorzug. Bereits am 06. Februar 1960 wurde „Seemann, Deine Heimat ist das Meer“ zum ersten Mal in der deutschen Hitparade notiert und verblieb dort 40 (!) Wochen und stieß bis auf Platz 2 vor.

Aus dem Seemann wird der 'Sailor'

Der Erfolg hierzulande war Motor für die Entscheidung, den Titel auch in Übersee für die deutschsprachigen Minderheiten in Amerika zu veröffentlichen. Im August 1960 kam die Single dort heraus und wurde sofort in den nationalen Hitparaden platziert. Begründet war dies u. a. in der politischen Situation in Berlin und in der militärischen Stationierung des amerikanischen Idols Elvis Presley auf deutschem Boden. Als der „Seemann“ die Top 100 erreichte, kam man auf die Idee, den Titel mit einer englisch gesprochenen Rezitation im Mittelteil des Titels zu ergänzen. Für diese Aufgabe zog man die britische Sängerin Maureen René heran, die damals ebenfalls bei der Polydor unter Vertrag stand. Am 04. November 1960 fand in Hamburg die Synchronisation statt. Fortan wurde nur noch diese Version („Sailor, your home is the sea“) gepresst.

Platz 5 der amerikanischen Hitparade

Lolita landete also einen sensationellen Hit und arbeitete sich bis auf Platz 5 in den Billboard Charts vor. Es sollte allerdings nicht ihre einzige Hitparadennotierung in der Neuen Welt bleiben. 1961 wurde nach demselben Strickmuster ihr Titel „Die Sterne der Prärie“ mit einem englischen Textteil angereichert. Allerdings gelang damit nicht annähernd der Anschluss an ihr amerikanisches Debüt. Lediglich bis Platz 94 leuchtete der Sterne Schein und war nach drei Wochen bereits wieder untergegangen.

Platten-Millionen für Lolita

Spitzenplätze meldeten auch andere Länder: In Norwegen führte Lolita neun Wochen die Charts an. In Japan wurde sie in der Hitparade notiert. Die Single erschien (jeweils mit der englischen Rezitation) auch in Südamerika, Kanada oder Neuseeland und natürlich im europäischen Ausland. Unterm Strich verkaufte die Polydor insgesamt mehr als zwei Millionen Tonträger. Lolita war damit die erste Sängerin, die für eine Million verkaufter Schallplatten in Deutschland eine goldene Schallplatte erhielt. Diese Auszeichnung war bislang nur ihren männlichen Kollegen vorbehalten.

Der Seemann fand sogar Eingang auf der Kinoleinwand. Unter Hans Grimm’s Regie entstand 1960 der Film „Schick Deine Frau nicht nach Italien“. Vor der Kamera agierten Stars wie Gerlinde Locker, Marianne Hold, Liesl Karlstadt, Claus Biederstaedt, Harald Juhnke und Oliver Grimm. Den Soundtrack bestritten - neben Lolita - Gaby King, Tony Sandler und Rocco Granata.

Der "Seemann" verhilft auch anderen zu Ruhm und Platzierung

Die Plattenkiste birgt allerdings noch eine Vielzahl von weiteren Einspielungen. Im Ausland hatte man in der jeweiligen Landessprache den Titel ebenso aufgelegt. In Großbritannien konnte Petula Clark ihren ersten Nummer 1-Erfolg mit „Sailor“ verbuchen. Gleiches versuchte die Sängerin Anne Shelton, die „britische Lili Marleen“, welche damit ihre letzte Hitparadennotierung in ihrer langen Karriere erreichen konnte. Dennoch blieb sie in der Publikumsgunst hinter Petula Clark zurück. Clark verdankte dem „Sailor“ 1962 ihre erste Hitparadenplatzierung in Südafrika.

Petula Clark war auch die Interpretin, die in Frankreich punktete: „Marin“ erreichte Platz 5 im Mai 1961. Allerdings war sie - wie in England - nicht konkurrenzlos. Um die Plattenkäufer bemühten sich auch die überaus erfolgreichen „Les Compagnons de la Chanson“.

Caterina Valente singt den holländischen 'Zeeman'

Eine weitere Cover-Version stammte von Caterina Valente, die sich mit holländischem Zungenschlag der Sache annahm: „Zeeman“. Und auch im holländisch sprechenden Teil von Belgien war ihr damit ein Hit beschieden. Der Vollständigkeit halber soll auch Erwähnung finden, dass sie „La Luna“ ebenfalls aufgenommen hatte. Sie bereicherte damit den französischen Markt unter dem Titel „Chante tes rêves“.

Abschließend bleibt noch die Frage zu klären, was hierzulande aus dem ursprünglich angedachten Hit „La Luna“ wurde. In gewissem Sinne hat Gerhard Mendelson doch Recht behalten. „La Luna“ erhellte - mit deutlichem Zeitverzug - doch noch die Hitparaden und erreichte mit Platz 30 die höchste Notierung. Bereits nach elf Wochen war der Mondschein aber erloschen. Der auf der B-Seite platzierte „Seemann“ hingegen ist auch nach 50 Jahren nicht altersmüde und schippert weiterhin über alle sieben Meere….

Hans-Jürgen Finger

Quelle: SWR4 Baden-Württemberg

Letzte Änderung am: 03.02.2010, 12.00 Uhr