Altenrepublik Deutschland

Zukunft der Pflege

Dorothea Brummerloh, Internetfassung: Diana Hörger

Wie will ich leben, wenn ich einmal pflegebedürftig werde? Immer mehr Menschen werden immer älter, zugleich schrumpft die deutsche Bevölkerung. Diese demografische Entwicklung wird auch in puncto Pflege viele Probleme aufwerfen. Doch welche Form der Pflege ist für wen am besten geeignet? Welche Alternativen gibt es zu Pflegeheimen?


Über zwei Millionen Menschen in Deutschland sind heute pflegebedürftig. 2050 werden es voraussichtlich doppelt so viele sein. Gleichzeitig sinkt die Zahl derjenigen, die die Pflege übernehmen können. Schon im Jahr 2030 werden schätzungsweise 200.000 Pflegekräfte fehlen.

Lieber zu Hause bleiben

Alte Menschen auf Bank

Bis ins hohe Alter fit

Viele Menschen wollen ihre letzten Lebensjahre lieber zu Hause als im Heim verbringen, berichtete das Magazin "Der Spiegel" im Frühjahr 2012. Schätzungen zufolge müssen daher in Deutschland in einem Zeitraum von 15 Jahren 2,5 Millionen Wohnungen alterstauglich gemacht werden. Die Richtung ist klar: Immer mehr alte Menschen sollen von immer weniger Personal immer länger in den eigenen vier Wänden gepflegt werden. Doch wie soll das gehen?

Pflege zu Hause - ein Kraftakt

Eine Frau pflegt eine Angehörige

Beruf und Pflege sollen besser vereinbar sein

Wenn man pflegebedürftige Angehörige selbst bei sich zu Hause pflegt, bedeutet das in der Regel, dass man nicht arbeiten gehen kann und kein Geld verdient. Die Pflegekasse zahlt nur einen kleinen Obolus für die Rente. Dieses Problem betrifft vor allem Frauen – denn meistens sind sie es, die in der Familie die Pflege eines Angehörigen übernehmen, aus dem Job aussteigen und später eine geringere Rente bekommen. Vor allem aber unterschätzen viele am Anfang die Belastung, glauben etwa Halbtags-Job, Familie und Pflege unter einen Hut bringen zu können.

Pflege-Beihilfe ist teuer

Doch Angehörige selbst rund um die Uhr zu pflegen ist ein Kraftakt. Die eigenen Kräfte reichen für so einen Pflegefall meist nicht aus. Viele Angehörige suchen daher Unterstützung bei der täglichen Pflege. Doch solch eine "Rund-um-die-Uhr –Betreuung" kostet Geld, richtig Geld, erläutert die Leiterin der DRK-Pflegestation Lilienthal, Melitta Bergmann.

"Oft haben wir den Anruf von Angehörigen, die sagen, wir möchten gerne, dass sie drei oder viermal täglich unsere Eltern unterstützen. Und dann ist es so, dass ein Erstgespräch folgt und dann sehen die Leute, jawohl, dass kostet es jetzt definitiv. Wenn sie dann in Pflegestufe eins sind, dann sind sie da bei 3000 bis 4000 Euro dazu zu bezahlen."

Jede Pflegeleistung kostet extra

Zähneputzen

Legale Pflegekraft?

Wie kommen diese enormen Summen zustande? Jede Leistung, die erbracht wird, muss auch abgerechnet werden. Leistungen des Pflegedienstes sind per Gesetz mit einem Punktewert versehen, und dahinter stehen konkrete Preise. Zum Beispiel die kleine Morgentoilette: das bedeutet Hilfe beim Aufstehen, Anziehen, Waschen, Zahnpflege, Kämmen. Kosten: 17,55 Euro. Macht bei 30 Pflegetagen über 500 Euro, die bezahlt werden müssen.

Hat man keine Pflegestufe oder reicht das Geld der Pflegekasse nicht, müssen diese 500 Euro aus eigener Tasche bezahlt werden. Denn die Pflegeversicherung ist keine Vollkaskoversicherung.


Welche Alternativen gibt es zum Pflegeheim?


Lieber vorplanen statt verdrängen

Es scheint, dass nicht nur bereits betroffene Menschen das Problem so lange wie möglich verdrängen sondern auch die Politiker, die zu wenig bezahlbare Lösungen anbieten, die Gesellschaft, die wegsieht, aber auch jeder einzelne, der sich mit der eigenen Vergänglichkeit und einer möglichen Pflegebedürftigkeit nicht befassen will.  

Für die "Altenrepublik Deutschland" sind neben finanziellen auch organisatorische Konzepte gefragt. Sie reichen von der ehrenamtlichen Pflege über altersgemischte Wohnmodelle bis zum Einsatz von Pflegerobotern. Welche Weichen müssen Politik und Gesellschaft jetzt stellen, damit wir die letzten Lebensjahre in Würde verbringen können?

Uta Meier-Gräwe

Uta Meier-Gräwe

Die Wartelisten für gute Heime oder ein gutes "Betreutes Wohnen" sind lang. Bis zu zwei Jahren kann es dauern, bis ein geeigneter Platz gefunden wird. Die Familiensoziologin Uta Meier-Gräwe rät dazu, sich früh mit dem Thema auseinanderzusetzen: 

"Es ist ganz wichtig, dass man über dieses Thema auch schon zu einem Zeitpunkt spricht, wo das vielleicht noch 10 Jahre hin ist, weil man dann noch einmal ganz anders unterschiedliche Varianten oder Möglichkeiten ausloten kann, als zu dem Zeitpunkt, wo dann ganz schnell irgendetwas entschieden werden muss."

Selbst entscheiden - solange es noch geht

Gülsen Sariergin kennt diese Probleme. Sie ist Chefin der "Nordseepflege" in Bremerhaven, einer privatwirtschaftlichen Einrichtung, in der "Betreutes Wohnen", Pflegeheim und ambulanter Pflegedienst unter einen Dach sind:

"Meine Empfehlung ist immer, Anfang 70, Mitte 70, sich diese Gedanken zu machen, wo man noch die Kraft hat, die Kreativität hat, wo man weiß, ich kann noch selbst entscheiden. Gegebenenfalls möchte ich noch neue Möbel kaufen. Ich möchte noch selbst entscheiden, welcher Standort das sein soll. Ich habe noch die Kraft, mir mehrere Einrichtungen anzusehen und dann zu sagen, das ist es."

Ein schlecht bezahlter, sehr anstrengender Job für Körper und Seele

Im April 2012 hat das Bundeskabinett die Pflegereform beschlossen. Der steigende Beitragssatz von 0,1 Prozentpunkten soll 2013 zusätzlich rund 1,1 Milliarden Euro bringen. Die Leistungen sollen teilweise steigen, Pflegewohngemeinschaften gefördert und die Leistungen flexibler gehandhabt werden. Zudem soll die Begutachtung von Pflegefällen reibungsloser laufen und pflegende Angehörige leichter als bisher eine Auszeit vom Job nehmen können.

Ein Rollator und ein Rollstuhl

Mehr als nur Rollatoren und Rollstühle

Die Leiterin der DRK-Pflegestation Lilienthal, Melitta Bergmann, meint: "Diese zweite Reform seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 bleibt wieder hinter den Erwartungen aller Beteiligten zurück. Man müsse zum Beispiel überdenken, ob die von der Versicherung veranschlagten 1 bis 2 Minuten ausreichen, wenn die Pflegekraft einen Gelähmten aus dem Bett in den Rollstuhl setzen oder gar in die Badewanne heben will."

Außerdem müsse der Pflegeberuf attraktiver gestaltet werden und gesellschaftlich mehr Anerkennung erfahren:
"Pflege ist ja nun nicht gerade der Vorreiter im Bereich der Anerkennung. Es ist ein schlecht bezahlter, sehr anstrengender Job für Körper und Seele."

Pflegestützpunkte bieten Hilfe

Anerkennung für gute Pflege sollten aber auch Heime und Sozialdienste bekommen. Als allererste Einrichtung in Deutschland hat die "Nordseepflege" fünf Sterne für die Pflege bekommen. Die Auszeichnung wird von einem Experten-Gremium aus Pflegewissenschaftlern der Universität Bielefeld, Vertretern ambulanter Dienste, Unternehmensberatern sowie dem Magazin "Häusliche Pflege" vergeben.

Pfleger begleitet Seniorin über Altenheimflur

Arbeiten in der Pflege

Doch wo bekommen Angehörige Tipps und Hilfe, wenn einer in der Familie pflegebedürftig wird? In den letzten fünf Jahren sind in vielen Städten und Kommunen so genannte "Pflegestützpunkte" entstanden. Hier soll man schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen, etwa wenn man einen Antrag bei der Pflegekasse stellen will, Sozialleistungen benötigt, Unterstützungsangebote in der Region sucht.

Umdenken, Alternativen entwickeln, solidarische Konzepte in den Kommunen etablieren – ohne zivilgesellschaftliches und staatliches Engagement wird man das Pflegeproblem in Zukunft nicht lösen können.

Ehrenamt und Freiwilligendienste allein reichen nicht aus

Dazu gehören auch Freiwilligendienste und ehrenamtliche Projekte. Dabei müssen es durchaus nicht nur die ins Berufsleben eingespannten "Jungen" sein, die sich um die Alten kümmern. Auch Menschen, die in Altersteilzeit gehen oder nach der Berentung noch fit sind, können sich bei "Ehrenamtsbörsen" melden und in der Nachbarschaft den Älteren beim Einkaufen helfen, Arztbesuche organisieren oder Fahrdienste übernehmen. Das mögen nur punktuelle Hilfen sein – aber gerade für Menschen, die im Alter nur wenig Geld zur Verfügung haben, bietet solche Unterstützung die Chance, länger in der eigenen Wohnung bleiben zu können.

Nur auf solche Modelle zu setzen hält auch Familiensoziologin Uta Meier-Gräwe für blauäugig:   

"Und dann glaube ich, dass wir uns wirklich damit anfreunden müssen, dass der Anteil, den wir von unserem Einkommen für Pflegeversicherung zahlen, dass der sicherlich in den nächsten Jahren noch ansteigen wird und man sollte versuchen,  sich aber auch ein Netzwerk an Freunden, Bekannten und Nachbarn zu schaffen. Also ich finde, es ist ein wichtiges Thema, was auf den Familientisch gehört."

Stand: 12.09.2012, 13.29 Uhr

Mehr zum Thema im WWW: