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Wikipedia und die AfD Wird die Internet-Enzyklopädie unterwandert?

Vor Kurzem wurde bekannt, dass ein AfD-Funktionär dem Schiedsgericht der deutschen Wikipedia angehört. Mehrere Mitglieder des Schiedsgerichts sind seitdem zurückgetreten, es ist nicht mehr handlungsfähig. Die Sorge vor einer politischen Unterwanderung ist gewachsen. Zu Recht? Fragen an SWR Wissenschaftsredakteur Gábor Paál.

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Was ist passiert?

Die oberste Instanz der Wikipedia, das Schiedsgericht, ist aktuell nicht handlungsfähig. Hintergrund ist, dass sich schon im September ein Mitglied des Schiedsgericht als aktives AfD-Mitglied zu erkennen gegeben – was aber zunächst nicht öffentlich wurde. Drei andere Schiedsgerichtsmitglieder waren zunächst "aus persönlichen Gründen" zurückgetreten. Erst vor zwei Wochen sickerten die Hintergründe durch. Inzwischen haben noch mehr Schiedsrichter ihr Amt niedergelegt; von zehn Mitgliedern sind jetzt nur noch vier übrig. Fünf müssen es aber sein, damit das Schiedsgericht beschlussfähig ist.


Wer ist dieser Schiedsrichter, der sich als AfD-Mitglied zu erkennen gegeben hat?

Dieser Schiedsrichter trägt den Benutzernamen "MAGISTER". Offiziell ist nur bekannt, was er selbst auf seiner Seite von sich preisgibt: Er lebt im mecklenburg-vorpommerschen Wismar und arbeitet in der Wikipedia vor allem an Artikeln zur deutschen Geschichte. Dabei zeigt er zum einen ein besonderes Interesse für Kampfpanzer der Nazi-Zeit. Zum anderen hat er an mehreren Artikeln mitgearbeitet (z.B. "Deutscher Orden", "Schlacht bei Tannenberg"), die von der Wikipedia-Gemeinschaft als "exzellent" bewertet wurden. Er wurde seit 2012 mit Unterbrechungen immer wieder ins Schiedsgericht gewählt. Zu seinem politischen Engagement in der AfD schrieb er kürzlich: "Ich bin Mitglied der AfD, das Ganze auf Kreis- bzw. organisatorisch Landesebene, also kein Mitläufer. Und ich vertrete also öffentlich die Positionen dieser politischen Vereinigung". Soweit die gesicherten Informationen.

Über die genaue Identität von "Magister" wird derzeit spekuliert. Wer die Wikipedia beobachtet, stellt jedoch fest, dass es einen recht jungen Artikel über André Jortzik gibt, um den in den letzten Tagen heftig gerungen wird. Jortzik verfasst historische Romane und ist auch Vorstandsmitglied der AfD Nordwestmecklenburg in Wismar. Unsere Anfrage, ob er mit "MAGISTER" identisch sei, blieb bislang unbeantwortet.*

[*Nachtrag 29.12.2016: Die Identität des Autors Jortzik mit dem gleichnamigen und gleichaltrigen AfD-Funktionär ist nicht offiziell bestätigt, wird aber von eingeweihten Wikipedianern inoffiziell versichert.
Inzwischen gibt es eine Stellungnahme von André Jortzik (AfD). Seine Identität mit a) dem Autor und b) dem Schiedsgerichts-Mitglied MAGISTER möchte er weder bestätigen noch dementieren. Er schreibt:

Sie werden diesbezüglich keine Antwort erwarten können.
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Wikipedia-User MAGISTER.

Dies haben wir getan. Im Interview begründete MAGISTER, warum er seine vollständige Identität nicht preisgeben will und warum er bei der AfD ist. Das ganze Interview steht hier]

Welche Entscheidungen trifft das Schiedsgericht?

Es entscheidet nicht primär über Inhalte von Artikeln, sondern es wacht über die Einhaltung von Regeln. Bei inhaltlichen Konflikten zwischen AutorInnen werden gewöhnlich zunächst die Administratoren eingeschaltet – von denen gibt es knapp 200. Wenn es also zu einem "Edit-War" kommt – zwei Benutzer, die Artikel jeweils in ihrem Sinn hin- und herverändern – kann ein Administrator versuchen zu schlichten oder eine bestimmte Artikelversion sperren – oder auch einen Benutzer sperren, der sich nicht an Regeln hält. Das Schiedsgericht wiederum kann angerufen werden, wenn gegen Regeln der Wikipedia verstoßen wird – z.B. bei beleidigenden Inhalten, oder wenn ich als Benutzer das Gefühl habe, ein Administrator überschreitet oder missbraucht seine Kompetenzen.

Was kann ein AfD-Mitglied im Schiedsgericht ausrichten?

Erstmal ist er einer von zehn – also eine Mehrheit hat "Magister" nicht, sondern ist im Zweifelsfall in der Opposition – so wie es die AfD in einigen Landtagen ja auch ist. Aber natürlich kann er seine Stimme geltend machen. Angenommen, ein Administrator verstößt gegen Regeln und missbraucht seine Macht. Der Fall kommt vors Schiedsgericht. Würden AfD-Sympathisanten das Schiedsgericht dominieren, könnten sie in bestimmten Fällen von "Beleidigung" oder unzulässiger Benutzersperrung eher mal ein Auge zudrücken als bei anderen. Insofern könnten sie bestimmte "Benutzer" begünstigen und auf diese Weise mittelbar die Inhalte beeinflussen.

Gibt es Hinweise, dass Wikipedia von der AfD systematisch unterwandert wird?

Bisher nicht in dem Sinn, dass ein gezieltes "Wikipedia-Unterwanderungs-Programm" bekannt wäre. Das braucht die Partei unter Umständen gar nicht, denn zweifellos gibt es AfD-freundliche Benutzer, die versuchen, Wikipedia-Artikel im eigenen Sinne zu verändern. Solche Versuche gibt es grundsätzlich von allen Seiten, da braucht man sich nichts vormachen. Parteien, Unternehmen, Einzelpersonen – viele Interessengruppen versuchen, Artikel in ihrem Sinn zu verändern. Allerdings wissen wir auch aus den sozialen Medien, dass Rechtspopulisten generell im Internet sehr aktiv sind und versuchen, ihre Sichtweise als "normale Mehrheitsmeinung" erscheinen zu lassen. Insofern wäre es verwunderlich, wenn sie das nicht nicht auch über die Wikipedia versuchen. Wie systematisch das erfolgt, ist noch unklar. Der Journalist Marvin Oppong hat dazu ein crowd-gestütztes Recherche-Projekt gestartet, das steckt aber noch ziemlich in den Anfängen.

Wie würde sich denn eine Unterwanderung bemerkbar machen?

Klar ist: Wikipedia funktioniert nicht wie Facebook oder Twitter. Da kann man nicht einfach rumpöbeln und schreiben, was man will. Gerade bei sensiblen politischen Themen muss jeder, der einen Artikel in seinem Sinn verändert, damit rechnen, dass etliche andere genau hingucken. Und dann müssen sich die Beteiligten nach den Regeln der Wikipedia auseinandersetzen: Aussagen müssen belegt, Formulierungen müssen neutral sein. Und genau darüber wacht letztlich die ganze Wikipedia-Gemeinde. Dennoch: Totale Neutralität gibt es aber nicht. Das fängt mit Begriffen an: Wird jemand als Terrorist oder als Rebell bezeichnet? Das geht weiter mit der Frage: Welche Aspekte und Quellen sind relevant? Beispiel Klimawandel: Welche Studien werden in einem Artikel berücksichtigt, welche nicht? Das sind oft Nuancen, aber auf die haben die Autoren natürlich einen gewissen Einfluss, und je mehr AfD-Autoren mitmischen, desto mehr bringen sie im Zweifel eben auch ihre Formulierungen ein. Das heißt aber nicht, dass die unwidersprochen da stehen bleiben – sondern darüber wird dann auf Benutzerebene erstmal verhandelt.

Gibt es schon Anzeichen dafür, dass Artikel "rechter" geworden sind?

Die wird man sicher hier oder dort finden, genauso wird man Gegenbeispiele finden. Auch darüber gibt es keine Statistik. Die AfD selbst findet die Wikipedia naturgemäß zu sehr von Linken dominiert. Der AfD-Politiker Harald Laatsch, Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, schimpfte kurz vor Weihnachten auf Twitter, der Wikipedia-Eintrag zur AfD sei "mehrere 1000mal manipuliert worden". Nun ist das Verändern von Artikeln in Wikipedia keine "Manipulation", sondern Prinzip. Laatschs Zorn rührt aber möglicherweise daher, dass im Wikipedia-Artikel über die AfD Sätze stehen wie:

Politikwissenschaftler verorten die AfD seit 2014 im politischen Spektrum rechts von den Unionsparteien und bezeichnen sie überwiegend als rechtspopulistisch  oder vom Rechtspopulismus beeinflusst. ... Verschiedene Wissenschaftler erkennen bei Teilen oder bestimmten Führungspersonen der AfD auch rechtsextreme beziehungsweise völkisch-nationalistische, so zum Beispiel antisemitische Tendenzen und Argumentationsmuster.

Wäre Wikipedia tatsächlich schon von der AfD unterwandert, würde sich der Artikel etwas anders lesen. Was aber nicht heißt, dass das nicht irgendwann passieren könnte. Einen interessanten Vorgeschmack bietet der Artikel über den oben genannten Autor André Jortzik, dessen Funktion in der AfD im Artikel – Stand jetzt – nicht genannt wird, obwohl das in der Diskussion zu dem Artikel immer wieder eingefordert wurde. Hier sieht es tatsächlich so aus, dass diejenigen, die an der Nennung kein Interesse haben, sich damit durchsetzen.

Wie reagiert Wikipedia selbst auf den Fall?

Im Moment scheint sie ein wenig in Schockstarre verfallen zu sein. In der deutschen Wikipedia gibt es bisher auf Anfragen keine Stellungnahme. Aber intern wird schon diskutiert, vor allem über einen Punkt. Der Name "Magister" sagt es schon: Die Leute sind oft anonym. Wer in Wikipedia mitarbeitet, kann das anonym tun. Und manche haben auch mehrere Accounts mit verschiedenen Namen. Ich glaube, Wikipedia hätte hier weniger Probleme, wenn zumindest die Verantwortlichen mit Klarnamen auftreten. Dann würde manches transparenter. Wer sich hinter Magister genau verbirgt, ist ja nach wie vor geheim. Und wenn sich in der Wikipedia alle an die dortigen Regeln gehalten hätten, wüssten wir heute noch nicht einmal, dass überhaupt ein AfD-Mitglied im Schiedsgericht sitzt. Das ist nur durch eine Indiskretion durchgesickert. Ich glaube, solche Regeln sind einfach nicht mehr zeitgemäß, und das sehen auch einige Wikipedianer inzwischen so. Ob und wann sich das aber ändert, ist schwer abzusehen.

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