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Füsse auf Waage

Leben mit Untergewicht Wenn zunehmen schwerfällt

Die meisten Menschen wollen abnehmen. Für sie klingt es fast wie ein Scherz, wenn man sagt: Zunehmen ist auch nicht leicht. Untergewichtigen wird schnell unterstellt, dass sie extra nicht essen. Tatsächlich gibt es aber absolut gesunde Menschen, die von Natur aus zu Untergewicht neigen, alles Mögliche anstellen und es trotzdem nicht auf der Waage merken.

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Wer zu dick ist, wird schon mal schief angesehen. Aber auch zu dünne Menschen fallen auf und bekommen einiges zu hören.

"Ich wurde gehänselt in der Schule, dass ich fürchterlich aussehe, wie eine Bohnenstange aussehen würde. Es war nicht schön." Judith wog früher bei einer Größe von 1,75 Meter nur 48 Kilo – eindeutig zu dünn. Ob das Gewicht aus medizinischer Sicht in Ordnung ist oder nicht, zeigt der Body-Mass-Index an. Dieser BMI wird aus Körpergröße und Gewicht abgeleitet. Erwachsene gelten mit einem Wert unter 18,5 als untergewichtig. Juttas BMI lag darunter.

Dabei wollte sie gern zunehmen und hat extra fleißig gegessen, erinnert sie sich. "Ich hab zu Hause gefrühstückt, habe eine Stapel Butterbrote mit in die Schule genommen. Wenn ich mittags nach Hause kam habe ich zwei Teller gegessen und jeden Tag mindestens eine Tafel Schokolade, Chips gegessen. Und abends auch nochmal gut gegessen." Doch es tat sich kaum etwas. Judith suchte Rat bei Ärzten. Keiner konnte etwas finden. Sie war gesund. Mühsam hat sie sich in zehn Jahren vier Kilo angefuttert.

Vielfältige Gründe für Untergewicht

Schätzungen zufolge sind mindestens zwei Millionen Menschen in Deutschland untergewichtig. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Manche essen zu wenig, anderen schmeckt es nicht oder sie machen zu viel Sport, erklärt die Ernährungsmedizinerin Brigitte Mettenbörger. "Die Bilanz stimmt dann nicht. Dann gibt es natürlich Krankheiten: Schilddrüsenüberfunktion oder Diabetes eins, die dazu führen, dass der Stoffwechsel so erhöht ist, dass der Mensch nicht hinterher kommt mit dem Essen."

Manchmal ist aber auch einfache eine genetische Veranlagung für das Untergewicht. Die Betroffenen speichern die Nahrung nicht als Fett ab, sondern wandeln sie gleich in Wärme um. Evolutionstechnisch betrachtet sind sie schlechte Futterverwerter, weil ihr Körper kein Depot für schlechte Zeiten anlegen kann. Sie können so viel essen wie sie wollen, ohne dick zu werden. "Dann fragt man, wie sehen die Eltern aus, wie sehen die Geschwister aus? Und wenn man dann genau hinschaut, ist die ganze Familie schlank und schlaksig. Und dann ist das genetisch und hat überhaupt keinen Krankheitswert."

Keine Reserven

Jedenfalls wenn der Körper alle wichtigen Nährstoffe bekommt. Bei den gesunden Untergewichtigen allerdings kann etwas anderes passieren, erklärt die Medizinerin Brigitte Mettenbörger: "Wenn sie mal tatsächlich krank werden und krankheitsbedingt abnehmen, dann haben sie keine Reserven. Das ist dann ein bisschen schwieriger wieder auf das Level zurückzukommen. Wieder in einem guten Zustand zu kommen, da braucht der Körper was länger."

Generell haben gesunde Untergewichtige es schwer, etwas zuzulegen. Bis sie ein paar zusätzliche Pfund auf die Waage bringen, brauchen sie jede Menge Geduld, weiß der Ernährungstherapeut Christof Meinhold: "Wir machen die Erfahrung, dass sie sehr viel essen müssen, damit der Körper in der Lage ist mehr Kraft und Körpermasse aufzubauen. Wenn die immer dünn waren, dann arbeiten wir gegen das Bisherige. Und da muss man dem Körper Zeit lassen. Dann kann man sagen, dass ein halbes Pfund, also 250 Gramm in der Woche, also ein Kilo im Monat, schon super ist."

Dauertherapie: Viel Essen, wenig Sport

Um die neu gewonnen Pfunden zu halten, müssen die Betroffenen - meist als Dauertherapie - mehr essen. Als Faustformel fürs gesunde Zunehmen nennt Christof Meinhold "täglich 500 Kalorien mehr und drei große Mahlzeiten plus drei oder vier Zwischenmahlzeiten". Dabei hilft ein individueller Ernährungsplan: "Wir messen zum Beispiel die Körperzusammensetzung zum Start einer Zunehmberatung. Das heißt wir sehen schon, wo ist ein Defizit. Und die Defizite sind unterschiedlich. Die einen haben total viel Muskelmasse und ganz wenig Fettdepots und bei den anderen ist das genau umgekehrt: Die haben ganz wenig Muskelmasse und total viel Fettdepots. Dementsprechend ist auch die Empfehlung bei den Lebensmitteln unterschiedlich."

Magersucht

Wie viel geht noch runter?

Um etwas Muskelmasse aufzubauen, eigenen sich vorwiegend eiweißreiche Lebensmittel wie Milchprodukte, Fleisch und Eier. Auch Sport treiben ist beim Zunehmen erlaubt. Allerdings sehr moderat, sagt der Ernährungs-Therapeut Christof Meinhold. Vor allem bei Ausdauersport sollte man vorsichtig sein: "Nicht viel länger als eine Viertelstunde und nicht Joggen gehen. Auf der anderen Seite ist aber Kräftigungsgymnastik ganz wichtig. Es ist wichtig, dass alle Muskeln mindestens zwei Mal in der Woche gefordert werden, sonst können wir keinen Muskelaufbau bewirken.“

Sport hat Judith nie gemacht. Sie hat jahrelang immer viel gegessen. Irgendwann aber hatte sie es satt, sich ständig mit diesem Thema zu beschäftigen. "Ende 20 habe ich gedacht, es macht keinen Sinn. Ich werde jetzt weniger essen und probiere einfach mal aus, ob ich dann sehr viel dünner werde oder nicht. Und dann habe ich nur ein Kilo weniger gewogen. Und dann habe ich mich damit abgefunden." Sie war froh, als sie nach ihrer Schwangerschaft ein paar Kilos behalten hat. Heute wiegt die 1,75 Meter große Endvierzigerin 58 Kilo.

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