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Kernkraftwerk Gundremmingen

Atomausstieg? Weltweit neue Atomkraftwerke

Deutschland verliert seine Kernenergie-Kompetenz

Weltweit entstehen Kernkraftwerke wie am Fließband - und das fünf Jahre nach Fukushima und 30 Jahre nach Tschernobyl. Sicherheit scheint dabei zweitrangig. Umso wichtiger, dass Deutschland trotz Atomausstieg das Know-how nicht verloren geht. Kommentar von Dagmar Röhrlich.

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Weltweit sind derzeit rund 440 Atomreaktoren in Betrieb. Die Hälfte von ihnen nähert sich dem Ende der ursprünglich geplanten Lebenszeit - und doch werden etliche von ihnen länger am Netz bleiben.

Das ist politischen Entscheidungen geschuldet. Denn Länder wie Belgien fürchten um ihre Versorgungssicherheit. Die Betreiber wollen ihre Anlagen auch so lange wie möglich laufen lassen: Aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil Neubauten sehr teuer und oft gesellschaftlich kaum durchsetzbar sind.

Eon

Energiekonzernen kommt der Atomausstieg teuer zu stehen.

Anlagen, die also auf vielleicht auf 30 Jahre Betrieb ausgelegt worden sind, sollen nun 40, 50 oder 60 Jahre lang am Netz bleiben – möglichst mit gesteigerter Leistung.

Marode Kraftwerke

Damit steigen jedoch die Risiken: Reaktordruckbehälter altern, Sicherheitsbehälter korrodieren, Kabel werden marode. Und es lässt sich keineswegs alles austauschen, reparieren oder nachrüsten: Ein Reaktorgebäude beispielsweise, das dem Einschlag einer kleinen Militärmaschine standhält, lässt sich nicht so nachrüsten, dass es auch einer Passagiermaschine widersteht.

Halten Kernkraftwerke einem Flugzeugabsturz stand?

Halten Kernkraftwerke einem möglichen Flugzeugabsturz stand?

Manche Anforderungen, die an einen Neubau gestellt werden, sind sich einfach nicht zu verwirklichen.

Hinzu kommt, dass sich die Infrastruktur um die alten Anlagen herum verändert hat. Den Anforderungen moderner Hochspannungsnetze sind ihre Transformatoren nicht mehr gewachsen. Für in die Jahre gekommene Kernkraftwerke gibt es keinen Jungbrunnen, und so schwinden die Sicherheitsmargen von einst dahin.

Stromfresser Wohlstand

Es geht jedoch nicht nur um Altanlagen. Während in Deutschland oder der Schweiz der Atomausstieg kommt, glauben die Regierungen anderer Länder nur mit dem preiswertem Atomstrom unfallfreier Anlagen ihre Wirtschaft voranbringen zu können: Moderne Industrie, Informationstechnologien, Jobs und Wohlstand – alles hängt am Strom.

Strommasten

Moderner Lebensstil braucht Strom.

Also bauen nach Jahrzehnten der Ruhe russische, koreanische und chinesische Kraftwerksbauer ihre Dienste offensiv aus, und auch französische und US-amerikanische Unternehmen sind international sehr aktiv.

Weltweit entstehen neue Kraftwerke

Die neuen Kraftwerke entstehen in Indien, Russland und vor allem in China, wo Reaktoren wie am Fließband produziert werden. Dort gingen 2015 fünf neue Anlagen in Betrieb, mehr als 20 werden gebaut - und noch sehr viel mehr sind in Planung.

Außerdem wollen 30 weitere Länder in die zivile Nutzung der Kernenergie noch einsteigen. In Europa gehört EU-Mitglied Polen dazu, in Asien beispielsweise das Entwicklungsland Vietnam. Auch Länder im so krisengeschüttelten Mittleren Osten zählen zu den Interessenten: Saudi-Arabien etwa oder Jordanien.

Gefahr Erdbeben und Tsunamis

In Ägypten hat die russische Atomagentur Rosatom gerade mit dem Bau des ersten von vier Reaktoren begonnen: am Standort El Dabaa an der erdbeben- und tsunamigefährdeten Mittelmeerküste.

Ägypten und Rosatom unterzeichnen Vertrag

Im November 2015 wurde der Vertrag zwischen Ägypten und Rosatom unterschrieben

Mit dem Bau des ersten Kraftwerks hat die Türkei ebenfalls die russische Rosatom beauftragt. Im vergangenen April war Spatenstich. Doch nun ruhen die Arbeiten weil sich Erdogan und Putin wegen des Abschusses eines Militärjets in die Wolle gekriegt haben.


Stabilität ist gefragt

Schon das lässt die Crux ahnen: Eigentlich muss ein Land, das Kernkraftwerke betreibt, auf 100 Jahre Stabilität vertrauen – für Betrieb, Abbau und Endlagerung.

Ein solches Land braucht auch eine kompetente, von der Politik unabhängige und durchsetzungsfähige Aufsichtsbehörde. Fukushima hat gezeigt, dass das selbst in Industrienationen nicht selbstverständlich ist.


Eine weiße Wolke steigt aus dem Atomkraftwerk Fukushima I auf

Ein Tsunami löste die Reaktorkatastrophe in Fukushima aus


Die Mehrzahl der Neubauprojekte genügt außerdem nicht den deutschen Sicherheitsstandards, urteilen Experten: Sie wären dann einfach nicht finanzierbar.

Beraten ja, entscheiden nein

Etwas ändern daran lässt sich nicht. Wer den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat, darf auf die Beratung durch die Internationale Atomenergieorganisation zählen. Sie ist dazu verpflichtet.

Zwar kann die IAEO einer Nation durchaus von der Kernenergie abraten, aber letztendlich entscheiden die Politiker darüber, ob ihr Land auf die nukleare Option setzt oder nicht.

Yukiya Amano, new Director General of the International Atomic Energy Agency (IAEA)

Yukiya Amano, Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation

So erscheint es angesichts von Laufzeitverlängerungen und mancher Neubauten als unwahrscheinlich, dass die nächste Havarie Zehntausende von Jahren auf sich warten lassen wird.

Jahrhundertwerk Endlager

Schon allein deshalb ist es wichtig, dass Deutschland auch künftig auf das kerntechnische Know-how seiner Experten zählen kann. Wie will man sonst internationale Entwicklung diskutieren oder Einfluss auf sie nehmen? Wer sollte die nationale Aufgabe erfüllen, das atomare Erbe in ein Endlager zu schaffen? Auch das ist ein Jahrhundertwerk.

Zwar hatte die Reaktorsicherheits- und Strahlenforschung nach der Katastrophe von Fukushima ein Zwischenhoch erlebt. Aber dieser Impuls ist vorüber, und es sieht so aus, als ob sich sogar Helmholtz-Forschungszentren aus dem Nuklearbereich zurückziehen wollten. Für Jülich ist das bereits beschlossene Sache.

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