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Heiliges, heilsames Harz  Weihrauch - Gabe aus dem Morgenland

Ein Harztropfen, wie ein kleiner honigfarbener Brocken Kandiszucker. Legt man ihn auf ein Stück glühende Kohle, steigt ein ganz besonderer Duft auf. Ein Duft, der Bilder in Erinnerung ruft, von dunklen Kirchengewölben, von prachtvoll geschmückten Altären, von festlichen Gottesdiensten und Messdienern, die nebelnde Fässchen aus Messing schwingen: Weihrauch. Bis es seinen Duft in deutschen Kirchen verbreiten kann, legt das kostbare Harz einen weiten Weg zurück. Denn die Heimat des Weihrauchbaums ist das Sultanat Oman.

Ein Weihrauchernter öffnet die Rinde eines Weihrauchbaums

Ein Weihrauchernter öffnet die Rinde eines Weihrauchbaums

Bizarr geformte einzelne Baumgebilde an felsigen Hängen, so niedrig und schon am unteren Stamm knorrig verzweigt, dass man sie auch für besonders große Büsche mit kräftigen Ästen halten könnte – so sehen Weihrauchbäume aus. Die Berge der südarabischen Provinz Dhofar in Oman sind einer der seltenen Flecken auf der Erde, wo diese Wüstenbäume gedeihen. Die harzreichen Nutzpflanzen gibt es sonst nur noch in Äthiopien, Somalia und Indien.

Die Ernte des Baumharzes findet Anfang April bis zum Einsetzen des Sommermonsuns statt. Dazu wird die Rinde der wildwachsenden Bäume mit einem speziellen Schabemesser, das wie ein Spachtel aussieht, in Jahrtausende alter Technik so flach angeschnitten, dass die Harzproduktion angeregt, der Baum aber nicht verletzt wird. Dieser erste Schnitt dient dazu, wie es heißt, die „Poren“ des Baumes zu öffnen. Ein milchiger Saft tritt aus. Er gilt als wertlos und wird nach einiger Zeit einfach weggeschabt. Erst mit dem zweiten und dritten Einschneiden der Rinde bildet sich in Tropfen, das wertvolle „Olibanum“ – Das Weihrauchharz. Nach der Ernte werden die Tropfen bis zu drei Wochen in der Sonne zum Trocknen ausgelegt.

Weihrauchverkauf ist Frauensache


Der Verkauf von Weihrauch und Bokhur, einer Duftpaste aus Sandelholz, Myrrhe, Rosenblättern und Parfümölen, ist im südarabischen Salalah in Frauenhand. Sie verkaufen die silbrigen Harztropfen, die sie „Fusus“, „Perlen“, nennen. Der Harz wird von Beduinen geliefert: eine Gounieh, das sind 40 Kilo, für Preise zwischen 130 und 185 Omanische Rial. Die Frauen selbst verkaufen den Weihrauch, in Tüten abgepackt, für bis zu 10 Rial, also zwanzig Euro das Kilo, für die teuerste Sorte - ein Spottpreis im Vergleich zur Antike, als Weihrauch einer der kostbarsten Rohstoffe der Welt war.


Die älteste Handelsroute der Welt: die Weihrauch-Straße


Der Handel mit den Harzen begann etwa 2500 vor Christus. Nur auf den Rücken von Kamelen konnte die wertvolle Fracht Tausende von Kilometer durch die arabische Wüste transportiert werden, vom Indischen Ozean bis ans Mittelmeer. Unzählige Karawanen von bis zu 400 Lastkamelen zogen schwer beladen die berühmte Weihrauch-Straße entlang, damit den Göttern im Alten Ägypten, im mesopotamischen Babylon, in den Tempeln Griechenlands und Roms gehuldigt werden konnte. Und sie verhalfen Südarabien so zu seinem legendären Reichtum: Arabia Felix! Zum Leidwesen der Neider, die versuchten, die Weihrauchbäume in ihren Ländern anzusiedeln, stellte man fest: Die wildwachsenden Bäume lassen sich weder züchten noch verpflanzen. Deshalb werden sie von den Omanis als Ni‘mat Allah, als Geschenk Gottes bezeichnet.


400 Euro pro Monat für Düfte


In Oman werden monatlich für Weihrauch und Bokhur mehr als 200 Rial ausgegeben, etwa 400 Euro. Es gibt kein Haus, in dem nicht täglich Weihrauch verbrannt wird. Nicht für religiöse Zwecke, sondern vor allem, um sich zu parfümieren. Sobald die weißlichen Duftschwaden aufsteigen, stellen sich Männer wie Frauen über die kleinen tönernen Brenner, damit der Geruch in ihre Gewänder einzieht, oder sie halten sich die Gefäße unter ihre Schals und Kopftücher. Kleider, Haut und Haare nehmen die angenehm ätherischen Düfte an und geben sie langsam über die nächsten Tage hinweg wieder ab. Vermutlich ist dieser Jahrtausende alte Umgang mit Weihrauch, lateinisch: per fumum, der Ursprung aller Parfüms. Jede Familie hat ihre eigene Bokhur-Mischung. Düfte sind für die Omanis nicht Luxus, sondern Lebensmittel. Sie gehören zu ihrem Leben wie der Fisch zum Reis.

Weihrauch gegen Husten

Weihrauch wird aber auch Heilkraft zugeschrieben. In Wasser gelöst soll er für seelisches Wohlbefinden sorgen und vor bösen Geistern schützen. Gekaut wirkt er gegen Halsentzündungen und Husten, als Salbe gegen Hautekzeme. Auch in einem Sutra des uralten ayurvedischen Sanskrittextes Bhavaprakasha heißt es schon, der Saft der Weihrauchbäume heile Blutungen und Wunden, stärke die Stimme und baue körperlich und seelisch auf. Lange ignoriert von der Wissenschaft, ist der Weihrauch in den letzten Jahren wiederentdeckt worden. Am pharmazeutischen Institut der Universität Tübingen wurde seine entzündungshemmende Wirkung nachgewiesen. Professor Ammon, emeritierter Professor für Pharmakologie, ist aufgrund seiner Forschungen überzeugt von der Heilkraft des Harzes. Es könnte bei chronisch entzündlichen Krankheiten wie Rheuma oder Morbus Chron durchaus eine Alternative zu klassischen Medikamenten, beispielsweise Cortison, bieten. Doch noch ist Weihrauch in Deutschland als Medikament nicht zugelassen.


Weihrauch im Christentum


Als in der Blütezeit des Weihrauchhandels, vor mehr als 2.000 Jahren, die Weisen aus dem Morgenland kamen, um den neugeborenen Christus anzubeten, hatten sie natürlich das kostbare Harz im Gepäck. Während die Geschichte des Christentums mit Weihrauch beginnt, könnte man fast sagen, dass die des Weihrauchs und seiner Weltkarriere mit dem Christentum auch in gewisser Weise endet. Denn mit dem sich ausbreitenden Christentum erkalteten die Weihrauchbrenner in den Göttertempeln. Nie wieder sollte so viel Duftharz verbrannt werden wie vor der Geburt Jesu. Im Christentum gibt es keine Weihrauchopfer. Nur in der katholischen Kirche wird der Weihrauch in Weihrauchfässern, verzierten Behältnissen aus Messing, verbrannt und bei festlichen Kirchenprozessionen als Zeichen des Gebets vorangetragen.


Comeback als Parfüm


Früher mehr wert als Gold, hat der Weihrauch heute seine Bedeutung verloren. Im Sultanat Oman, das Weihrauch einst in die halbe Welt exportierte, wird er heute beinahe nur noch für den regionalen Markt geerntet. Und doch scheint das Duftharz ein kleines Comeback zu feiern. Französische Parfümhäuser wie Annick Goutal und Micallef haben jüngst exklusive, neue Düfte mit expliziter Weihrauchnote auf den Markt gebracht.

SWR2 Wissen. Von Nadja Odeh; Internetfassung: Anne Novotny und Ralf Kölbel

Letzte Änderung am: 23.12.2013, 17.14 Uhr

Weihrauch in einem Sammelgefäß

Die Weihrauchstrasse in Dhofar, Oman, Folge 209

Tränen der Götter

Das aromatische Harz des boswellia sacra Baumes zählte zu den begehrtesten Handelsgütern der antiken Welt. In Ägypten wurde Weihrauch ebenso verbrannt wie an den Höfen indischer Maharadschas. Von der Blütezeit des Weihrauchhandels künden indes nur noch Ruinenstädte: Häfen wie Samharam und al-Balid verdienten am Seehandel, Oasen wie Wubar wurden als Karawanenstationen reich und mächtig - Stationen an der omanischen Weihrauchstraße, die nun zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Schätze der Welt - Erbe der Menschheit,  1.3.2014 | 14:44 min

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