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Biber waren rund 100 Jahre lang in Deutschland so gut wie ausgerottet.

Artenschutz vs. Landwirtschaft Zoff am Biberdamm

Biber stauen einen Bach, der mitten durch ein Sägewerk fließt, fluten Kläranlagen oder nagen Weiden direkt neben der Dorfkirche um. Sie verbarrikadieren Brücken und verstopfen Abflussrohre und Entwässerungsgräben: Castor fiber, der Eurasische Biber – einst ausgerottet – breitet sich wieder aus, in Baden-Württemberg und anderswo. Das Comeback der intelligenten Nager ist eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Aber dieser Erfolg bereitet auch Kopfzerbrechen. Was tun, wenn die Trinkwasserversorgung oder der Hochwasserschutz gefährdet sind, Keller unter Wasser stehen oder Bauern mit dauerhaft vernässten Wiesen kämpfen?

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Von Bauern und Bibern

Das Egautal nahe Dischingen im Ostalbkreis auf der schwäbischen Alb ist ein Wiesental mit flacher Aue, das vor gut hundert Jahren erst durch Drainagen und Entwässerungsgräben urbar gemacht wurde. Bis heute steht das Grundwasser hoch, sagt der Bürgermeister der Gemeinde, Alfons Jakl: "Also wenn sie da einen Meter runtergraben, dann sind sie schon voll im Grundwasser."

In solchen besonderen Lagen liegen viele der Wiesen und Äcker, die Landwirt Martin Schuster bewirtschaftet. Das hat in trockenen Sommern durchaus seine Vorteile, sagt er. Doch jetzt hat sich im Entwässerungsgraben ein Biber breitgemacht und seine Dämme gebaut, um im Graben das Wasser stauen. Das Resultat für Schuster? "Katastrophe."

Die Wiesen waren nass. Teils schon zwei, drei Jahre in Folge. Damit sind die Flächen schon so lange vernässt, dass sich Schilf statt Gras dort breitmacht. Für Viehfutter ist das Schnittgut nicht mehr zu gebrauchen, und Gülle ausfahren ist auf überstauten Flächen schlicht verboten. Für Landwirte wie Schuster war klar, das geht so nicht, der Biber kann hier nicht sein. Auch wenn der Biber an sich ja ein spannendes Tier sei.

Biber nagt an Stock

Biber scheren sich wenig darum, ob sie an einem Acker, einer Autobahn oder mitten in der Stadt siedeln. Hauptsache es gibt Wasser und Bäume.


Bye-bye, Biber!

"Mich fasziniert das, wie ein Tier so einen Damm bauen kann. Zwei Personen bringen das so nicht fertig, das sind schon emsige Tiere und sie schaffen sich den Lebensraum durch so einen Bau – das ist Natur, mir gefällt das. Aber das hier ist Kulturlandschaft und da kannst du den wirklich nicht gebrauchen."

Martin Schuster und andere Bauern sind sich einig, den Biber einfach machen zu lassen, kann nicht die Lösung sein. Bürgermeister Jakl versteht die Sorgen der Landwirte: "Also die Ängste waren, dass die Vernässung von den Grundstücken sich immer weiter in die Flächen reinzieht, so dass irgendwann das ganze Egautal durchnässt ist, und im Grunde genommen ein Biotop entsteht, das nicht mehr zu bewirtschaften ist, für die Landwirtschaft."

Ein Biber läuft über eine Wiese

Biber waren rund 100 Jahre lang in Deutschland so gut wie ausgerottet.

Der Biber muss bleiben

Dem entgegen stehen die Naturschutzgesetze, die ziemlich klar sagen: Der Biber ist streng geschützt, man darf ihn weder vertreiben noch stören. Ähnliche Beispiele wie in Dischingen gibt es aus ganz Baden-Württemberg. Überall dieselbe Frage: wie die Balance finden zwischen Artenschutz und den Ansprüchen des Menschen?

Franz Spannenkrebs ist Bibermanager für das Regierungspräsidium Tübingen. Sein Job ist, auf genau diese Frage Antworten zu finden. "Man hat früher immer die Vorstellung gehabt, der Biber kommt dort vor, wo’s einsam ist und nur Natur herrscht und der Mensch weit weg."

Doch das sind wohl Klischees. Biber scheren sich scheinbar wenig darum, ob sie an einem Acker, einer Autobahn oder mitten in der Stadt siedeln. Hauptsache, sie finden Wasser, das sie stauen können, um ihren Bau mit Wasser zu umgeben, und es gibt genug Bäume, um Rinde und Knospen zu fressen.

Biber brauchen wenig: Bäume und Wasser reichen

In der Friedrichsau hat sich der Biber irgendwann an den wertvollen, alten Parkbäumen zu schaffen gemacht und sie benagt. In den Uferböschungen hat er Röhren und Höhlen angelegt. Der Aufschrei in der Stadt war groß. Weg mit dem Biber, das war der Tenor. Doch das würde gar nicht gehen, sagt Franz Spannenkrebs: "Das ist gar nicht möglich, den wirklich draußen zu halten. Dann müsste man einen Hochsicherheitstrakt aus dieser Friedrichsau machen, weil die Biber kommen hier dauernd vorbei, die schwimmen die Donau rauf. Ursprünglich kamen die Biber wüsste nicht, dass Sie auch über die Donau nach Baden-Württemberg von Bayern her, und haben so Baden-Württemberg besiedelt."

Biber schwimmend im Wasser

Biber scheren sich wenig darum, ob sie an einem Acker, einer Autobahn oder mitten in der Stadt siedeln. Hauptsache es gibt Wasser und Bäume.

Mit anderen Worten: Wer die Friedrichsau nicht komplett abriegeln will, muss sich mit dem Biber arrangieren. Die Lösung, die Franz Spannenkrebs und seine Kollegen dann vorgeschlagen haben, sieht vor, dass die Bäume im Park durch Maschendraht geschützt werden, genauso wie die Uferböschungen. Damit der Biber trotzdem genug zu fressen hat, wurden Weiden gepflanzt. Und über den Winter legen Mitarbeiter des Grünordnungsamtes dem Biber immer wieder frische Weidenzweige in den Park.

Franz Spannenkrebs macht immer wieder Führungen durch den Park. So bekommt er mit, ob die Menschen bereit sind, sich mit dem Biber zu arrangieren: "Das wurde schon sehr kontrovers diskutiert, aber im Moment hab ich gemerkt, dass die meisten hinter diesen Maßnahmen stehen, und dass sich die Stimmung ein Stück weit Richtung Biber wandelt."

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