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Ägyptische Tigermücke

Virale Berichterstattung Zika wird vorverurteilt

Berichten Journalisten über ein Strafverfahren, ist der Konjunktiv Pflicht – zumindest bis zur Urteilsverkündung. Solange gibt es keine Täter – nur "mutmaßliche". Leider sind viele Journalisten sehr viel nachlässiger, wenn es um globale Seuchen wie das Zika-Virus geht: Da wurden und werden immer wieder Vermutungen als Tatsachen präsentiert, noch immer überwiegt ein hysterischer Grundton.

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Dabei ist längst nicht geklärt, wie gefährlich der Erreger für Schwangere tatsächlich ist; wir wissen nicht, ob und wie häufig das Virus zu Fehlbildungen im Mutterleib führt. Die meisten Virologen nehmen zwar an, dass Zika in einigen Fällen für die sogenannte Mikrozephalie verantwortlich ist – dass also Babys infizierter Mütter mit zu kleinen Köpfen und geistiger Behinderung geboren werden.

4.180 Verdachtsfälle hatte die brasilianische Gesundheitsbehörde zunächst gemeldet. Verdachtsfälle wohlgemerkt – darauf weisen aber nur wenige Berichte hin. Selbst in den Meldungen einiger Nachrichtenagenturen wurden aus den 4.000 Verdachtsfällen rasch 4.000 kranke Säuglinge.

Der Virologe Alexander Kekulé warnte deshalb frühzeitig vor dem "Märchen von den 4000 geschädigten Babies"; in einem Gastkommentar auf Zeit online mahnte er zur Besonnenheit.

Alexander Kekulé

Der Mikrobiologe Professor Alexander Kekulé warnt vor Panikmache.

Inzwischen hat Brasilien in Hunderten von Fällen Entwarnung gegeben – das haben viele Medien einfach ignoriert. Ebenso die Tatsache, dass bisher nur bei 17 missgebildeten Säuglingen tatsächlich eine Zika-Infektion nachgewiesen wurde. 

Was ich beim Gros der Berichte vermisst habe, ist eine kritische Einordnung der Zahlen: Kaum jemand hat darauf hingewiesen, dass Brasiliens Ärzte derzeit im Alarmzustand sind und auch gesunde Kinder mit auffällig kleinen Köpfen melden. Außerdem gilt die meist verwendete Ultraschalluntersuchung im Mutterleib als fehleranfällig.

Auch die vermeintlich sichere Vergleichszahl aus früheren Jahren ist durchaus diskussionswürdig: Rund 150 Kinder mit Mikrozephalie sollen es vor der Zika-Epidemie gewesen sein. Aber bis vor kurzem existierte in Brasilien gar keine Meldepflicht für Mikrozephalie -- vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer.

Zellkultur

Im Kampf gegen Zika setzt Brasilien auf deutsche Diagnosetests

Wenn man Vergleichswerte aus den USA zugrundelegt, müssten in Brasilien auch ganz ohne Zika jährlich einige hundert, vielleicht sogar noch deutlich mehr Kinder mit der seltenen Fehlbildung geboren werden. Neben Gendefekten können auch Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Mangelernährung die Missbildungen auslösen.

Es ist also noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen dramatischen Anstieg kranker Säuglinge gibt – das aber ist der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Themas. Genau darauf hat am 28. Januar auch ein News-Artikel in "Nature" hingewiesen – merkwürdigerweise tauchen die darin aufgeführten Bedenken lateinamerikanischer Experten in der deutschen Presse gar nicht auf.

Ich wünsche mir für die weitere Berichterstattung mehr Skepsis, auch gegenüber offiziellen Zahlen – und die Rückkehr zum Konjunktiv, wenn es um noch unbestätigte Vermutungen geht.

Aber auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat auf die Zika-Epidemie überzogen reagiert. Die Genfer Gesundheitswächter stehen mächtig unter Druck, das hat die rasche Ausrufung des globalen Notstands gezeigt.

Margaret Chan

Margaret Chan, General-Direktorin der WHO, die den globalen Notstand ausgerufen hat.

Bei Ebola hat die WHO viel zu lange gezögert und geriet wegen ihrer Verschleppungstaktik massiv unter Beschuss. Deshalb musste jetzt bei Zika alles ganz schnell gehen – zu schnell. Natürlich sollte jetzt die Suche nach einem Impfstoff vorangetrieben werden. Und es ist wichtig, die ägyptische Tigermücke, die das Zika-Virus überträgt, nachhaltig zu bekämpfen. Dafür aber braucht man keinen weltweiten Gesundheitsnotstand.

Schon Tage vor dem Entschluss der WHO hatten die USA und Brasilien eine gemeinsame Impfstoff-Forschung beschlossen; auch die großfläche Mückenbekämpfung hatte längst begonnen. Wenigstens einen positiven Effekt könnte der Panikmodus der WHO aber doch haben:

Brasilianische Armee

Die brasilianische Armee sucht nach Brutstätten der ägyptischen Tigermücke

Vielleicht gelingt es dank weltweiter Kampagnen endlich, die ägyptische Tigermücke zurückzudrängen. Die überträgt nämlich auch Dengue- und Gelbfieber mit jährlich Zehntausenden von Toten. Diese Tropenseuchen bedrohen viel mehr Menschen als das Zika-Virus – das ist in der Aufregung der letzten Tage völlig untergegangen.

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